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Zukunft:Die Weltretter

SpaceX NASA launch

Nichts ist unmöglich: Start einer Falcon Nine-Rakete für das private SpaceX-Projekt.

(Foto: Erik S. Lesser/dpa)

Seuchen bekämpfen, ins All fliegen: Im kanadischen Vancouver verrieten die Klugen, Reichen und Mächtigen des digitalen Zeitalters, wie sie die Zukunft gestalten.

Vom Silicon Valley aus gesehen ist die Realität ein ferner, exotischer Ort. Deswegen hat Bill Gates in einem Saal des Kongresszentrums von Vancouver auch die Notaufnahme einer Ebola-Klinik aufbauen lassen, für die Gäste des Ideenfestivals Ted Conference, das immer auch ein Gipfeltreffen der digitalen Kultur ist.

Drei Zelte stehen nun dort. Im ersten kann man sich einen Schutzanzug mit Handschuhen, Stiefeln und Maske anlegen lassen. Im zweiten führen Gates' Helfer an einen Tisch, an dem man Holzklötzchen zu einem Turm stapeln, einen Tropf anlegen und bunte Schokolinsen sortieren soll. Das entspricht ungefähr den Routinehandgriffen eines Ebola-Arztes. Die Damen und Herren aus dem Silicon Valley staunen, wie schwer das in einem solchen Anzug ist. Im dritten bekommen sie ihre Schuhe wieder.

Bill Gates sieht aus wie der typische Nerd: rosa Pullover, linkisch, genialisch

Vancouver gehört natürlich nicht zum Silicon Valley. Vancouver ist der nordwestliche Außenposten der amerikanischen Zivilisation. Dahinter kommen nur noch die kanadischen Rocky Mountains, Alaska, die Beringstraße und die unwirtlichen Teile Russlands. Doch das Silicon Valley ist kein geografischer Ort mehr, sondern eine Geisteshaltung, der längst die gesamte Bay Area rund um San Francisco erfasst hat, dazu Seattle, Texas, Brooklyn, Berlin, Tel Aviv und Seoul. Hin und wieder schwärmt das Silicon Valley aus, zum DLD nach München, zum South by Southwest nach Austin oder eben zur Ted Conference in Vancouver. Eine Woche lang gibt es dort Kurzvorträge der jeweils führenden Wissenschaftler, Designer und Aktivisten. So wird die Konferenz zum intellektuellen Teilchenbeschleuniger. Deswegen kann man dort den aktuellen Geisteszustand des Silicon Valley messen.

Auch nach seinem Ausstieg bei Microsoft verkörpert Bill Gates als archetypischer Nerd die Zentralfigur dieser Welt, den linkischen, leicht abwesenden Technologen mit genialischen Zügen. Er trägt einen rosafarbenen Pullover, und wenn er sich in ein Thema hineinredet, bei dem er sich auskennt, stellt er ein Bein nach vorne und wippt von einem Fuß auf den anderen. An diesem Nachmittag ist das die Bekämpfung der Seuchen in Afrika, ein Anliegen, in das er in den letzten 20 Jahren zweistellige Milliardensummen investiert hat.

Doch, doch, sagt er, Ebola bleibe eine Gefahr: "Beim nächsten Ausbruch sind wir allerdings besser vorbereitet. Und spätestens in zwanzig Jahren werden wir einen Impfstoff haben." Wenn Bill Gates so etwas sagt, kann man sich darauf verlassen. Für die Malaria-Bekämpfung verfügt seine Stiftung immerhin über mehr Geld als die Weltgesundheitsorganisation. Und bei der Bekämpfung des parasitären Medinawurms, der die Menschen in Afrika quält und nun vor der Ausrottung steht, war er ebenfalls beteiligt.

Das Lebensgefühl eines Mannes, für den offensichtlich nichts unmöglich ist, mag beneidenswert sein. In Vancouver ist es während der Woche der Ted Conference schon so etwas wie eine Doktrin. Mehr Optimismus geht nicht. Dies sind die Männer und Frauen, die mit dem Cyberspace so etwas wie die vierte Dimension erobert haben, und nun, da sie ihre Macht und ihren Reichtum gefestigt haben, suchen sie nach neuen Herausforderungen.

Seuchen und Armut sind Probleme, für die es Lösungen geben muss. Weltraum, Ozeane und ewiges Eis sind Neuland, das es zu erobern gilt. Selbst der Tod verliert hier seinen Stachel. Es ist ein Lebensgefühl, das tief in der Geistesgeschichte Amerikas wurzelt. Deswegen fällt es Europäern oft so schwer, das nachzuvollziehen.

Historische Vergleiche greifen nicht: Dieses Denken hat es noch nie gegeben

Hört man beispielsweise Amazon-Gründer Jeff Bezos zu, wie er von seiner Expedition in den Atlantik erzählt, wo er die Triebwerke der Apollo 11-Mondrakete vom Meeresgrund holte, wirkt die Euphorie so ansteckend wie befremdlich. Raumfahrt ist seine Leidenschaft. Er hat auch schon eine Raumreisefirma gegründet, Blue Origin.

Da ist er nicht der Einzige. Mit der Firma Space X hat der Elektroauto- und Künstliche-Intelligenz-Pionier Elon Musk schon erste Raketen gestartet. Bill Gates' Weggefährte Paul Allen hatte sich mit Virgin-Chef Richard Branson zusammengetan und das bemannte SpaceShipOne ins All geschickt. Und da ist Alan Eustace, klassischer Geek mit linkischem Blick, der bei Google als stellvertretender Direktor für die Abteilung "Wissen" zuständig ist. Der ließ sich im vergangenen Oktober von einem Ballon in die Stratosphäre tragen und sprang dann im Raumanzug ab. Eustace hat damit den Rekord des Österreichers Felix Baumgartner gebrochen, der sich für den Limonadenhersteller Red Bull ins Ungewisse stürzte. Eustace darf dann auch auf der Ted-Bühne von seinem Abenteuer erzählen. Noch so eine ansteckend euphorische Geschichte.

Bei all der jungshaften Begeisterung darf man nicht vergessen, dass sich hier die Personen treffen, die genug Geld und Einfluss haben, um die Welt nach ihren Vorstellungen zu verändern. Beim Edge Dinner der Milliardäre trifft sich ein kleiner Kreis im Nebenraum eines gehobenen Fischlokals. Der Literaturagent John Brockman veranstaltet dieses Essen, der für so viele der Ideengeber des Silicon Valley die Buchverträge aushandelt. So mischt sich die Dinner-Runde dann auch.

Da sind zum einen Google-Erfinder Larry Page, Microsoft-Mitgründer Paul Allen, Yahoo-Chefin Marissa Mayer, aber auch Sänger Peter Gabriel, Wissenschaftshistoriker George Dyson, der Intellektuelle der Hippie-Är, Stewart Brand. Der Spiegel titelte ja neulich, das hier und ähnliche Kreise seien "die neue Weltregierung". In Vancouver würde man darüber lächeln, auch über das wahrscheinlich unfreiwillige Ressentiment des Titels (ah, drei Juden, ein Schwuler und eine Blondine sind eine Weltverschwörung?), wäre Europa nicht so ein Bollwerk des Widerstandes gegen den Geist von Silicon Valley. Sie nennen es Protektionismus. Europäer nennen es Notwehr. Es sind ja immerhin ihre ureigenen Werte, wenn es um Urheberrecht und Datenschutz geht.

Es gibt Fisch, Fleisch und nicht zu extravaganten Wein, keine Krawatten. Überhaupt fehlen der neuen Macht die Insignien, die Limousinen und Bodyguards Washingtons, der Glamour Hollywoods oder die Exzesse der Wall Street und des Rock 'n' Roll. Der Hauch von Rebellion und Sozialismus täuscht allerdings.

Kulturell mag Silicon Valley im San Francisco der Gegenkulturen liegen. Die Gemeinschafts- und Freiheitsgedanken, mit denen sich die digitale Kultur umgibt, wurzeln jedoch im Libertarismus nach Henry David Thoreau, im Anarchokapitalismus, wie ihn Milton Friedmans Sohn David vertritt, und in jenem Bestimmungsglauben des "Manifest Destiny", der die Eroberung des amerikanischen Kontinents im 19. Jahrhundert vorantrieb und sich später auf den Rest der Welt ausdehnte.

Das Manifest Destiny des Silicon Valley begnügt sich aber nicht mit den Ländern dieser Erde. Die hat es mit seiner Soft- und Hardware längst erobert. Nein, es sind neben dem Weltraum und den Meeren jede Minute im Leben des Menschen, jede Zelle seines Körpers, sein Geist und letztlich auch seine Seele zu erobern.

Man kann das nun verschwörungstheoretisch betrachten. Die Monopolstrategie der digitalen Konzerne sieht so manch weltliche Errungenschaft wie Recht, Gesetz und Steuern als lästiges Hindernis. Man kann das aber auch mit dem globalen Demokratisierungsprojekt der letzten gut einhundert Jahre vergleichen, das Europa und Amerika nach dem Weltkrieg ja doch gemeinsam betrieben.

Die Wahrheit liegt dazwischen. Wenn der Chef der Google-Abteilung für selbstfahrende Autos, Chris Urmson, auf der Ted-Bühne beispielsweise sagt, dass der Mensch als Fahrer ja doch eher ein Problem sei, bekommt der Technologiegedanke fast eugenische Züge. Andererseits liefert er letztlich den Beweis, dass die Maschinen den Menschen zu ihrem Guten untertan sind. Und untertan werden sie bleiben. Auch dafür gibt es Beweise, wie die Stanford-Professorin Fei-Fei Li vorträgt.

Aber historische Vergleiche führen in die Irre. Was sich da von der Pazifikküste des amerikanischen Kontinents aus mit der digitalen Kultur über die Welt verbreitet, ist etwas nie Dagewesenes. Der Solutionism, wie der Kulturkritiker Evgeny Morozov das Dogma bezeichnete, für alles eine pragmatische Lösung zu finden, ist zwar nichts anderes als der Impuls des wissenschaftlichen Denkens. Der hat die Menschheit bisher immer nach vorne gebracht. Die Verbrüderung mit Libertarismus und Anarchokapitalismus aber bringt eine ideengeschichtliche Komponente ins Spiel, die nicht erprobt ist. Was einem bleibt, ist so etwas wie euphorische Skepsis. Kann man Wirtschaftsmonopole errichten und zugleich die Welt verbessern? Lässt sich die totale ökonomische Herrschaft mit einem privatisierten Heilsversprechen in Einklang bringen? Da gerät Silicon Valley an seine Grenzen, denn für Dilemmata finden Rechner keine Lösung.

© SZ vom 28.03.2015
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