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Zeitung für Deutschland:"Aber wir sind ja ein Weltblatt"

Peter Hoeres: Zeitung für Deutschland. Die Geschichte der FAZ. Benevento Verlag, Salzburg 2019, 600 Seiten, 28 Euro.

Seit ihrer Gründung vom Hauch des Elitären und von fröhlicher Meinungsvielfalt begleitet: Der Zeithistoriker Peter Hoeres erzählt die Geschichte der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Durch die Frankfurter Allgemeine Zeitung zieht seit ihrer Gründung 1949 der Geist des Elitären. Damit einher kommt, immer mal wieder, exzentrisches Gehabe. Bei der Redaktion der FAZ ist man nicht bloß angestellt worden, man ist eingetreten, so wie andere in einen Orden eintreten. Anders als Journalisten der Springer-Presse mussten FAZ-Redakteure sich nie schriftlich zu einer von Verlagsseite erwarteten Haltung verpflichten. Bei der FAZ nahm man, wen man für würdig hielt. Tradition wurde die notorische "Herausgeberrunde", bei der jeder designierte Redakteur sich den Herausgebern im Einzelgespräch vorstellen muss. Die Autorin dieser Zeilen war von 1997 bis 2001 Redakteurin im Feuilleton der FAZ.

Dick sind die Schallmauern, mit denen die FAZ ihre Interna schützt. Der Zeithistoriker und Medienspezialist Peter Hoeres, Professor an der Universität Würzburg, hat einige Jahre lang an seiner Biografie der FAZ gearbeitet. "Bis heute", schreibt er, "sehen viele Zeitungs- und Medienhäuser ja die von anderen eingeforderte Transparenz in Bezug auf die eigenen Belange äußerst ungern." Er hofft, das wichtigste über die Geschichte der FAZ in Erfahrung gebracht zu haben. Das möchte schon so sein. Freilich blieb etliches ihm vorenthalten. Aus der Herausgeberrunde ist, gelassen-souverän intoniert, zu hören: Man habe Hoeres "nicht alles" gezeigt. Genug war es aber, genug für die mit Humor und Esprit geschriebene Biografie einer Zeitung, in der die Geschichte der Bundesrepublik gespiegelt ist.

Die FAZ ging aus der Frankfurter Zeitung hervor, die sich Handel und Finanzen widmete, in der NS-Zeit die politischen Bälle flach hielt (soweit eine Zeitung das kann), bis sie 1943 dann doch dem Regime zu missliebig geworden war. Einige ihrer Redakteure wurden zur Arbeit beim Völkischen Beobachter "dienstverpflichtet". Einige waren Opportunisten und heulten mit den nationalsozialistischen Wölfen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden ein paar "Alte" wieder zusammen: Eine neue Zeit, eine neue Welt, eine neue Zeitung! Der Spiritus Rector war Erich Welter (1900 bis 1982), ein begnadet durchsetzungsfähiger Mann. Der Geschäftsführer Hans-Wolfgang Pfeifer hat über ihn gesagt: Welter "hielt zwar einiges von geistiger Schönheit und Meinungsäußerungsfreiheit; Kameradschaft im soldatischen Sinn bedeutete ihm aber zweifelsfrei mehr, auch wenn er selbst unkameradschaftlich und alles andere als verlässlich war." Welter war es, der den neuen Kurs festlegte. Es sollte nicht bloß um Finanzen gehen, sondern auch um Politik und Kultur. Gegenüber Ex-Nazis übte man Toleranz, solange sie sich nicht in NS-Nostalgie verloren.

Ungewöhnliches Modell: Die FAZ hat keinen Chefredakteur, sondern Herausgeber, deren jeder Herr in seinem Ressort ist

Eine wichtige Rolle bei der Gründung der FAZ spielte auch der Volljurist Otto Klepper, der als letzter Preußischer Finanzminister 1932 vergeblich versucht hatte, sein Ressort vor dem Zugriff der Reichsregierung zu retten. Nach 1945 knüpfte er Kontakte zu Unternehmern und anderen Leuten aus der Wirtschaft, darunter auch der spätere Wirtschaftsminister Ludwig Erhard. In Westdeutschland konnte die Schwerindustrie ihre Anlagen nach dem Krieg schnell wieder in Gang bringen. Die britischen Bomber hatten, vor allem bei Nacht, deutsche Städte attackiert. Die amerikanischen Bomber hatten sich den Industrieanlagen gewidmet - offenbar mit wenig Erfolg.

1947 wurde die Wipog gegründet, die Wirtschaftspolitische Gesellschaft. Ihre Mitglieder fanden, es brauche eine Zeitung, die ihre Interessen vertrete. Sie gaben Geld für die Gründung der FAZ. Das ging ein paar Jahre gut. Als die Zeitung aber da war, fanden ihre Chefs, die Wipog rede ihnen zu sehr drein. "Die Wipog", so Hoeres, "kritisierte erstaunlicherweise den marktwirtschaftlichen Kurs der FAZ, da er ,ohne hinreichende Berücksichtigung der politischen und sozialen Komponenten' verfolgt werde." Weil die Zeitung florierte und es viele Anzeigen gab, konnte man sich 1951 von der Wipog trennen.

Die Fazit-Stiftung wurde geschaffen und damit ein ungewöhnliches journalistisches Modell: Die FAZ hat keinen Chefredakteur, sondern Herausgeber, deren jeder Herr in seinem Ressort ist. Das hat zu fröhlicher Meinungsvielfalt und vielen internen Streitereien geführt - die meistens giftig-höflichst ausgetragen wurden. Einmal hat dem Vernehmen nach ein Redakteur das Messer gegen einen Kollegen erhoben. Aber das spielte sich im Feuilleton ab und hatte wohl weniger mit Wirtschaftspolitik als mit Spirituosen zu tun.

Der Kameradschaftsgeist wurde durchaus hochgehalten. Der 2018 verstorbene Herausgeber Johann Georg Reißmüller sagte, ein Freund sei jemand, mit dem zusammen er es wagen würde, aus einem Konzentrationslager auszubrechen. Anlässlich seiner Pensionierung sang er zu Klavierbegleitung kommunistische Kampflieder vor. Zu dieser Gelegenheit hatten einige Kollegen alte DDR-Fahnen aufgetrieben, die sie eifrig schwenkten.

Die FAZ hat seit jeher, so Hoeres, für "verwestlichten Konservatismus" gestanden, "der den traditionellen amerikakritischen Konservatismus hinter sich gelassen hatte". Sie steht ein für Ordoliberalismus, Atlantizismus, die Nato, Antitotalitarismus. Mit dem Aufbruch in den Sechzigerjahren zu mehr gesellschaftlicher Freiheit, mehr Mitbestimmung taten viele sich schwer. Es wurde ihnen zu laut. Die Rolling Stones hat der FAZ-Herausgeber Karl Korn (1908 bis 1991) so abgefertigt: "fünf lächerlich unmännlich gekleidete und behaarte Wesen".

Joachim Fest erfand für die FAZ das politische Feuilleton

Das Feuilleton galt als weniger relevant und hatte Narrenfreiheit, weshalb dessen Herausgeber Joachim Fest (1926 bis 2006), ein äußerst elitär denkender Mann, sich alles mögliche leisten konnte: Er stellte "Linke" ein und erfand für die FAZ das politische Feuilleton. In den Redaktionskonferenzen hieß das: "eine Tangente" legen zu den Kommentaren im Politikressort. Die Tangente erwies sich mitunter als eine Schneise. Für sich eine Bresche schlug dann in den Neunzigerjahren Frank Schirrmacher (1959 bis 2014). Der hatte es verstanden, auch mit Lügen, sich bei Joachim Fest lieb Kind zu machen. Fest ernannte ihn zu seinem Nachfolger. Als es Schirrmacher dann opportun erschien, distanzierte er sich von Fest. Einmal fragte er maliziös, ob der Redakteurin schon aufgefallen sei, dass Fest einen Ring mit Totenkopf am Finger trage; er meinte den "Ehrenring" der SS. Nein, Fest trug weder äußerlich noch innerlich einen solchen Ring.

Schirrmacher neigte zur grandiosen Übertreibung. Jedes neue Steckenpferd ritt er, als habe es so viele PS wie ein Maserati. Er war fasziniert, als das menschliche Genom entschlüsselt wurde, hielt nicht mehr viel von Literatur und ließ im Feuilleton einen Teil der Genomsequenz abdrucken. Das nahm einige Seiten in Anspruch und war optisch eindrucksvoll. Vor allem war es an diesem Tag Labsal für alle Leser der FAZ, die mit schlechtem Gewissen die Zeitung nie ganz zu Ende lesen.

Hoeres widmet sich nicht bloß den einzelnen Ressorts, ihren Herausgebern und einflussreichen Redakteuren wie Adelbert Weinstein (Militärfragen), Marcel Reich-Ranicki (Literaturfragen) und Friedrich Karl Fromme (alle Fragen): Auch die Leserbriefschreiber kommen nicht zu kurz. Viele sind interessant. Einer zum Beispiel stammte von dem ehemaligen Reichskanzler Franz von Papen. 1952 korrigierte der Totengräber der Weimarer Republik empört einen FAZ-Artikel : Er habe nie ein Monokel getragen! Theodor Adorno rief den Lokalteil dazu auf, sich für Polizeischutz der Fußgänger an einer stark befahrenen Straße einzusetzen: "Sollte ein Student oder ein Professor in jenem Zustand sich befinden, der ihm eigentlich angemessen ist, nämlich in Gedanken sein, so steht darauf unmittelbar die Drohung des Todes."

Nicht vom Tod, wohl aber vom Schwund der Anzeigen wird die FAZ bedroht. Den beherzten Einstieg in den digitalen Journalismus ist sie viel zu spät angegangen. Zwar hatte man unten im Redaktionsgebäude ein Fernsehstudio eingerichtet, aber das kam nie wirklich in Aktion. Feixend erzählten ältere Redakteure den jüngeren: Pornofilme seien dort gedreht worden.

Hoeres' kluge, genaue und amüsante Biografie zeigt, warum diese Zeitung mehr ist als eine Bereicherung für das Land: Sie ist wichtig. Die FAZ versteht sich als "Weltblatt". Das gründet in dem Umstand, dass Ende der Fünfzigerjahre von den 240 000 Exemplaren der Auflage zwölftausend ins Ausland geliefert wurden. Die ehrwürdige Londoner Times versandte damals ungefähr ebenso viele.

47 Jahre lang war Anneliese Ruppel (1934 bis 2015) Sekretärin im Feuilleton, Sozialdemokratin, aber bis ins Mark loyal zu ihrer Zeitung. Wortgewaltig und resolut war sie auch. Alle wussten: Wer sich mit ihr anlegt, zieht den Kürzeren. Lediglich Novizen haben das versucht, und das auch nur einmal. Wenn mal wieder Herausgeber oder Ressortleiter in ihren Augen zu viel gewollt hatten oder etwas völlig misslungen war, mokierte sie sich süffisant: "aber wir sind ja ein Weltblatt". In der Redaktion war sie als "der Weltgeist" bekannt. So verkörperte Anneliese Ruppel, auf ihre Weise, den Geist der Zeitung.

© SZ vom 26.11.2019
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