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Zeitgeschichte:Schutzengel und Schreibtischtäter

Hans Calmeyer

Hans Calmeyer galt lange als der "Schindler von Osnabrück". Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit.

(Foto: picture alliance/dpa)

Darf in Osnabrück ein Museum nach Hans Calmeyer benannt werden, der in der Nazizeit Juden rettete - aber auch in den Tod schickte?

Von Alexander Menden

Als Historiker spüre man "den Erinnerungsschatten der Geschichte" nach, sagt Alfons Kenkmann. Mit Schattierungen befasst sich auch der wissenschaftliche Beirat, dem der Geschichtsdidaktiker von der Universität Leipzig vorsitzt. Kenkmann berät die Stadt Osnabrück bei einem Projekt, das schon beschlossene Sache schien, dessen Ausarbeitung im Laufe der Zeit aber immer ungewisser wurde. Vordergründig geht es dabei um einen Museumsnamen, letztlich jedoch um nichts Geringeres als den Umgang mit NS-Geschichte, mit Schuld und Rettung.

Der Rat der Stadt Osnabrück hatte 2017 beschlossen, die 120 Jahre alte, denkmalgeschützte Industriellenvilla Schlikker und ehemalige NSDAP-Parteizentrale nach einer Grundsanierung in "Hans-Calmeyer-Haus" umzubenennen und zu einer Gedenkstätte für das Wirken dieses Sohnes der niedersächsischen Stadt zu machen. Jetzt, bei der Vorstellung der vorläufigen Pläne zur Nutzung der, betont der Historiker Kenkmann, er sitze nach wie vor einem Beirat "Neukonzeption Villa Schlikker" vor. Ob die Benennung nach dem Osnabrücker Juristen Calmeyer jemals vorgenommen wird, ist aber mehr als ungewiss.

Historische Eindeutigkeit würde alles erleichtern. Herrschte eine solche Eindeutigkeit, hätte es nie eine Diskussion über die geplante Umbenennung gegeben. Doch Hans Georg Calmeyer, hochrangiger Beamter der NS-Besatzungsverwaltung in den Niederlanden, ist eben keine eindeutige Figur, sondern die Inkarnation historischer Ambivalenz. Je nach Lesart war der 1903 geborene Calmeyer ein Schutzengel, der Tausende niederländischer Juden vor der Deportation bewahrte, oder ein Schreibtischtäter, der als Teil der nationalsozialistischen Mordmaschinerie über Leben und Tod entschied.

Neuere Forschungen zeigen, dass es sich um etwas mehr als 2800 Menschen handelte, die durch Calmeyers Intervention vor der Deportation bewahrt wurden.

Klar ist, dass der Rechtsanwalt, der nie ein NSDAP-Mitglied war, Menschen vor der Deportation bewahrte. Die Nationalsozialisten hatten rund 140 000 niederländische Bürger als Juden registriert, was einem Todesurteil gleichkam. Calmeyer, der bis Ende 1944 in Den Haag die sogenannte "Entscheidungsstelle" leitete, war unter anderem dafür zuständig, zu prüfen, ob jemand gemäß den Nürnberger "Rassegesetzen" eine nicht-jüdische Abstammung nachweisen und daher von der Liste genommen werden konnte. Er erstellte eine eigene Liste "zweifelhafter Fälle" und erwirkte so "Rückstellungen wegen laufender Abstammungsprüfung". Seine Abteilung ließ oft wissentlich gefälschte Taufbescheinigungen, manipulierte Papiere und Meldungen angeblich verlorener Dokumente gelten.

Lange Zeit war von 17 000 Geretteten die Rede. Neuere Forschungen zeigen, dass es sich um etwas mehr als 2800 Menschen handelte, die durch Calmeyers Intervention und die Arbeit niederländischer Gemeinden, Gutachter und Rechtsanwälte vor der Deportation bewahrt wurden. Calmeyer starb 1972, sein Ruf als ein Osnabrücker Oskar Schindler begann erst in den 1980er Jahren zu wachsen. Die Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem nahm ihn 1992 für sein "beeindruckendes Einschreiten" in die Gruppe der "Gerechten unter den Völkern" auf.

Rund 65 Prozent der Antragsteller strich Calmeyer aus dem Haager Nazi-Register, darunter auch die beste Freundin Anne Franks, Jopie van Maarsen. Doch bei einem Viertel lehnte er dies ab, was oft zur Deportation der Petenten führte. Wie im Fall der heute 92-jährigen Femma Fleijsman-Swaalep aus Amsterdam. Sie wurde 1942 zwar auf die "Calmeyer-Liste" gesetzt, doch Calmeyer sah ihre "nicht-jüdische Herkunft" als nicht erwiesen an. Femma kam über Bergen-Belsen und Hannover nach Auschwitz. Dort überlebte sie fünf Monate, dann wurde das Lager von der Roten Armee befreit.

Calmeyer, so eine Petition, habe als Beamter einem verbrecherischen System angehört und "beteiligte sich aktiv an der Vernichtung von mindestens 104 000 in den Niederlanden ansässigen Juden".

An Fällen wie diesem entzündet sich die Kontroverse über die Rolle, die Hans Calmeyer in der umgestalteten Villa Schlikker spielen soll. Bereits im Mai hatten mehr als 250 Historiker, niederländische Politiker, Künstler, Überlebende des Holocausts und Vertreter der jüdischen Gemeinschaft eine Petition unterzeichnet, mit der sie gegen die Umbenennung der Villa protestierten. Die Bundesregierung dürfe das Institut nicht subventionieren, sollte es nach Hans Calmeyer benannt werden. Er habe als Beamter einem verbrecherischen System angehört und, so die Petition "beteiligte sich aktiv an der Vernichtung von mindestens 104 000 in den Niederlanden ansässigen Juden. Daher kann man ihn schwerlich ohne Vorbehalt als Helden bezeichnen."

Der Osnabrücker Kulturdezernent Wolfgang Beckermann betont, er nehme diese Einwände sehr ernst. Der Beiratsvorsitzende Alfons Kenkmann kündigt für das kommende Frühjahr ein Symposium an, in dessen Rahmen möglichst viele Stimmen Gehör finden sollen - sowohl die der Calmeyer-Kritiker als auch derer, die sich schon seit Langem für eine umfassendere Würdigung Calmeyers engagieren. Bis dahin will man sein gesamtes Wirken, etwa seine Rolle bei der Ausbeutung von Zwangsarbeitern, kritisch untersuchen und auch noch einmal prüfen, wie Yad Vashem zu der Entscheidung gelangte, ihn zu ehren.

Die Villa Schlikker soll in jedem Fall und unter anderem mit 1,7 Millionen Euro aus Bundesmitteln bis Ende 2022 grundsaniert werden. Der Umbau in ein Museum mit einem "Friedenslabor" wäre demnach 2023 vollendet. Ein vorläufiger Ausstellungsentwurf der Agentur Schwerdtfeger & Vogt sieht unter anderem vor, die historische Figur Calmeyer prominent neben anderen "repräsentativen" Osnabrücker Bürgern der NS-Zeit eingehend zu beleuchten. Das Ganze wäre eingebettet in eine interaktive Schau zum Thema "Werte, Courage, Engagement".

Ob am Ende wirklich ein "Hans-Calmeyer-Haus" das Museumsensemble mit dem benachbarten, von Daniel Libeskind entworfenen Felix-Nussbaum-Haus ergänzen wird, ist allerdings wie gesagt völlig offen. Für die Kritiker würde dies eine unangemessene öffentliche Gleichstellung Calmeyers mit dem Osnabrücker Maler Felix Nussbaum signalisieren, der kurz vor Kriegsende in Auschwitz ermordet wurde.

Dass die innerstädtische Debatte nicht immer im freundlichsten Ton verlief, lässt Alfons Kenkmanns Feststellung erahnen, er habe noch in keinem wissenschaftlichen Beirat "so viel Diffamierung und Stigmatisierung" von außen erlebt wie hier. Dass die Auseinandersetzung zwischen Calmeyers Befürwortern und Gegnern künftig weniger hitzig geführt wird, darf man bezweifeln. Wichtig und löblich ist, dass man sie in Osnabrück überhaupt in dieser Offenheit führt, statt einfach Fakten zu schaffen.

© SZ vom 15.07.2020

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