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Zeitgeschichte:Reihenbaumeister

Der Erfinder der "Schwarzen Reihe": Walter Pehle.

(Foto: Stefan Gelberg)

Der Zeithistoriker und Verlagslektor Walter H. Pehle wird achtzig. Ein Gruß zum Geburtstag.

Von Norbert Frei

Gibt man bei Wikipedia "Schwarze Reihe" ein, landet man vier Treffer, von denen zwei zu eigenständigen Einträgen führen. Der erste informiert über eine nach dem Zweiten Weltkrieg beim französischen Verlag Gallimard eröffnete "Série noire" mit Klassikern der Kriminalliteratur, der zweite aber führt zu jenem Leuchtturm zeitgeschichtlicher Selbstaufklärung der alten Bundesrepublik, der seit 1977 im Fischer-Taschenbuch-Verlag entstand und dessen Baumeister hier zu gratulieren ist.

Für einen jungen Verlagsmenschen aus der Achtundsechziger-Generation war es mitten im "Deutschen Herbst" nicht zwingend, eine Buchreihe unter dem Titel "Die Zeit des Nationalsozialismus" zu eröffnen. Walter H. Pehle aber war gerade bei Wolfgang Mommsen in Düsseldorf mit einer Studie über die NS-Machtübernahme am Niederrhein promoviert worden - und entschlossen, in seiner neuen Rolle als Verlagslektor in Frankfurt am Main den Wettbewerb mit Walter Kumpmann aufzunehmen, der bei dtv in München schon seit Längerem (Zeit-)­Geschichte höchst erfolgreich im Taschenbuch präsentierte.

Als Pehle begann, Programm zu machen, erörterte die deutsche Öffentlichkeit das Zentralverbrechen der NS-Zeit noch in den Begriffen der Täter: "Endlösung" oder "Sonderbehandlung". Zwei Jahre später allerdings setzte die amerikanische Fernsehserie "Holocaust" dieser Sprachnot ein Ende, und Pehle unterstrich dies mit einem eilends gedruckten Debattenbuch: "Im Kreuzfeuer: Der Fernsehfilm 'Holocaust'. Eine Nation ist betroffen". Mit hoher Schlagzahl entstand von nun an eine preisgünstige Bibliothek der NS-Forschung, in der Klassiker wie Ernst Fraenkels "Doppelstaat" oder Franz Neumanns "Behemoth" ebenso ihren Platz fanden wie aktuelle Sammelbände, Dokumentationen und die großen Berichte von Überlebenden.

Rheinisch-säuselnde Nervosität - und die Sorge vor dem "Schlussstrich"

Zentral für Pehles Schaffen aber wurde die Begegnung mit dem in Wien geborenen und in Burlington,Vermont, lehrenden Raul Hilberg. Dessen epochales, erst nach zwei Jahrzehnten übersetztes Werk "The Destruction of the European Jews" (1961) erschien 1990 bei Fischer in einer dreibändigen, bis heute lieferbaren Taschenbuchausgabe. Pehle hat Hilberg, soweit dies möglich war, aus Bitterkeit und Isolation herausgeholfen, mit ihm weitere wichtige Bücher gemacht und ihm zu hoher, wenn auch später Anerkennung in Deutschland verholfen.

Große Anerkennung hat freilich auch Pehle selbst erfahren: 1997 erhielt er die Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt, es folgten Bundesverdienstkreuze und eine Honorarprofessur für Zeitgeschichte in Innsbruck. Vor zehn Jahren, als er die Herausgeberschaft abgab, war die "Schwarze Reihe" auf mehr als 250 Bände angewachsen. Seitdem hält er Vorträge und ist öfter noch als früher auf Tagungen präsent, bei denen sein Lebensthema zur Debatte steht - wie immer mit jenem Schuss rheinisch-säuselnder Nervosität und in Sorge vor dem "Schlussstrich". An diesem Montag feiert Walter H. Pehle seinen 80. Geburtstag.

© SZ/jsl
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