bedeckt München 17°

Zeitgeschichte:Die Finger­hakel­maschine

Landesausstellung

„Ansicht von Berchtesgaden“, eine Postkarte um 1913, die dem Touristen alles bietet, was er in Bayern sucht. Abb.: Haus der Bayerischen Geschichte

Die diesjährige Bayerische Landesausstellung in Ettal macht sich auf die Suche nach dem Mythos Bayern - und verläuft sich dabei im düsteren Wald der Klischees.

Von Rudolf Neumaier

Der Osterhase ist ein Mythos. Auch Real Madrid ist ein Mythos, ein erfolgreicherer jedenfalls als der FC Bayern. Die Breze ist ein Mythos, ebenso die Weißwurst, eher noch als das Tofuwürstl, und die Mozartkugel sowie unter den Fortbewegungsmitteln Zeppelin, Golf, Ferrari, die Tram - und bei den Waffen Bergstutzen und Kalaschnikow. Wohin man schaut, überall steht, singt, hoppelt, stinkt oder dümpelt ein Mythos in der Gegend herum, um den sich Geschichten ranken, mal abenteuerliche, mal kuriose.

Das Haus der Bayerischen Geschichte muss auch aufpassen, dass es nicht bald ein Mythos wird. Zu seinen wichtigsten Aufgaben gehört, die Menschen mit der Vergangenheit ihres Landes vertraut zu machen. Dazu präsentiert es Jahr für Jahr eine Landesausstellung, die neue ist von diesem Donnerstag an in Ettal zu sehen. Sie trägt einen zweiteiligen Titel, bei dem "Wald, Gebirg und Königstraum" klein obendrüber steht und "Mythos Bayern" mit doppelt so großen Versalien als Haupttitel fungiert. Zweifelsohne zählt dies zu den kurioseren Projekten des Historienhauses. Und auch zu den abenteuerlicheren. Denn wieder einmal feiert es den Zeus der bayerischen Mythologie, den Erlöser und Nährer der Souvenirbranche: Ludwig II., Beiname: der Unvermeidliche.

Immer nur er. Ludwig, der Unvermeidliche. Das Pin-up-Mannderl. Mit Schwan

Der König prangt auf den Plakaten und Werbeprospekten. Im Garten des Ettaler Klosters haben Sponsoren einen Holzpavillon hingestellt, in dem visualisiert wird, wie Bayern aussähe, wenn Ludwig all seine aberwitzigen Baupläne realisiert hätte. Von außen erinnert der Pavillon an eine gigantische Mozartkugel. Nur dass auf der riesigen Plane, die seine Fassade bedeckt, eben nicht Mozart zu sehen ist. Sondern er. Ludwig, der Unvermeidliche. Das Pin-up-Mannderl. Mit Schwan. Man kann's auch übertreiben.

Wer Landesausstellungen bislang ernst genommen hat, wird sich angesichts dieser disneyhaften Darbietung zumindest grob unterschätzt fühlen. Bayern wäre ein armseliges Fleckchen Erde, hätte es neben dem sogenannten Märchenkönig keine guten Geschichten zu erzählen.

Der Wald zum Beispiel wäre ein großartiges Thema für eine bayerische Ausstellung. Das Haus der Bayerischen Geschichte hat früher auch sehenswerte Ausstellungen über das Glas im Spessart hinbekommen und über Salz. Was gäbe es dann nicht alles zum Wald zu sagen? Doch entweder traut es sich und seinem Publikum eine seriöse Auseinandersetzung mit solchen Gegenständen nicht mehr zu - oder es steht unter dem Druck, mit populären Stoffen hohe und höchste Besucherzahlen abzuliefern. Beides wäre fatal. Als Maßstab würde dann wohl der Rekord des Jahres 2011 mit 570 000 verkauften Eintrittskarten dienen. Thema war Ludwig II.

Dem Wald ist sogar der erste Abschnitt der Ettaler Ausstellung gewidmet, aber leider nur der. Hier erhält auch das älteste Exponat einen Sinn, der aus einem mächtigen Eichenstamm gearbeitete Einbaum aus dem Jahr 900 vor Christus, als es noch lange keine mythischen Bayern gab. Ein spektakuläres Stück - es ist in Ettal zum ersten Mal ausgestellt. Auch die Werkzeuge der Waldarbeiter verdienen Beachtung. Sie lassen erahnen, welch gefährliche Jobs die Holzknechte hatten. Jeder Holzknecht war ein Herkules. Dementsprechend hatte das Holz, mit dem die Häuser, die Möbel und Musikinstrumente gebaut wurden, eine viel existenziellere Bedeutung als heute. Die Benzinmotorsäge aus den frühen 1960ern, eine Stihl 1106 Contra und der nebenan stehende Hinweis auf die Holzernte mit dem Harvester sind feine Pointen in diesem Ausstellungsabschnitt. Ebenso die Balkenfragmente aus dem Dachstuhl der Münchner Frauenkirche und die Geige, die mit Holz angefertigt wurde, das im Jahr 1944 nach der Bombardierung des Münchner Doms übrig geblieben war.

Das Geweih eines kapitalen Hirsches überrascht nicht nur wegen seiner Ausmaße

Im Wald, da sind die Räuber - und die Jäger. Beide Berufe sind vergleichsweise schnell abgehandelt. Man sieht exquisit gearbeitete Wittelsbachische Jagdgewehre und als Kontrast dazu den Stutzen des Bandenchefs und Wildschützen Matthias Klostermayr. Das Geweih eines kapitalen Hirsches überrascht nicht nur wegen seiner Ausmaße. Das Tier wurde im Jahr 1744 ungefähr dort erlegt, wo heute das Deutsche Museum steht. Die Au war im 18. Jahrhundert ein Top-Jagdgebiet, und damit wäre das Kapitel Forstgeschichte beim Flächenfraß angelangt.

Wo das Thema gerade spannend wird, hört es auf. Klar, irgendwann wären dann auch heikle Fragen zu stellen. Nach der Ökologie zum Beispiel. Nach Entscheidungen der Staatsforsten, die immer wieder mit Fällungen in die Kritik geraten. Das wäre aber schwierig für ein Haus, das unter der Obhut des Wissenschaftsministeriums steht. Denn die Staatsforsten und die Forstverwaltung des Landwirtschaftsministeriums treten als Förderer der Ettaler Ausstellung auf. Einer ihrer Beiträge ist der Pavillon des Kitsches.

Es hat den Anschein, als hätte Richard Loibl, der Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte, mitten unter der Arbeit die Lust am Thema Wald verloren. Oder den Glauben daran. Loibl, eigentlich ein versierter Geschichtenerzähler, zeichnet in Ettal auch für Idee und Konzept verantwortlich. Nach dem Waldgeschichtsspaziergang kommt er vom Holz über die Romantik auf das Bild der Bayern. Ein Bild, das sich dieses Völkchen von sich selbst gemacht hat, das ihm aber auch übergestülpt worden ist von seinen Monarchen und von Touristen. In diesen Abschnitten soll der aufblühende Mythos beleuchtet werden, dessen Keim angeblich aus dem Wald kommt. Die Zusammenhänge bleiben bloße Behauptung, wenn nicht gar hilflose Konstruktion. In der Gesamtschau wirkt das Projekt so disparat und unausgewogen, als würde einer über den "Mythos Fußball" referieren und dabei die Hälfte der Zeit über den Rasen reden. Nichts gegen Rasen, er ist für sich genommen interessant, aber im Kontext dann eben doch bestenfalls Teppich eines Mythos.

Dass die Bayern ein eigener Schlag sind, beweisen sie immer wieder aufs Neue. Sie wollen ja auch anders sein, immerhin das weist die Ausstellung nach. Ein Stamm, ein Mythos. Der ganze Tourismus basiert auf dieser Behauptung.

So gesehen ist es der noch allein regierenden Staatsregierung gewiss recht, dass das Haus der Bayerischen Geschichte vom Wald auf den "Mythos Bayern" umschwenkt und Eigenheiten vorführt, die bei einheimischen Betrachtern Bewunderung und bestätigendes Schmunzeln evozieren. Wer an der eigens für diese Ausstellung entwickelten Fingerhakelmaschine keinen Respekt bekommt, den soll der Schwan holen. Im Jahr der Landtagswahl kann Identitätsstiftung mindestens genauso wichtig sein wie ernsthafte und differenzierte Bildung.

Manche Bayern kleiden sich gern auffällig, manchmal benehmen sie sich auch so. Mitunter sind derbere Exemplare unterwegs, die zu ihrer Distinktion nicht nur Joppen mit Hirschhornknöpfen tragen, sondern auch mit dem rhetorischen Schlagbohrer ausrücken, um flächendeckend Kruzifixe aufzuhängen.

Aber es gibt auch feinsinnigere Bayern. Wer mit Postkartenmotiven und Fotos von Schuhplattlern einen Mythos Bayern kultiviert, ist zum Pauschalisieren und Übertreiben verdammt. Aber auch zum Bedienen von Klischees und zum Ignorieren relativierender Widersprüche und Gegensätze.

Das Klischee ist die hinterfotzige Stiefschwester des Mythos. So aufmüpfig, ruppig und widerständig, wie es die Bayern gern darstellt, sind in aller Regel eher wenige Exponenten dieses Landes. Das Kollektiv ist zahm. Früher hat es Pfarrern und Monarchen gedient, heute ordnet es sich der Prosperität unter. Bayern gehöre zu den "stärksten Wirtschaftsregionen der Welt", schreibt ein gewisser Markus Söder im Vorwort des Katalogs. Wunderbar, der nächste Mythos.

Wald, Gebirg und Königstraum. Mythos Bayern. Kloster Ettal. Bis 4. November.

© SZ vom 03.05.2018

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite