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Zeitdiagnose:Weltanziehungskraft

Ulrich Beck (1944 - 2015).

(Foto: Robert Haas)

Das letzte nachgelassene Buch des Soziologen Ulrich Beck versucht sich an dem schillernden Begriff der Metamorphose der Welt. Alles ist zurzeit im Wandel begriffen - aber manches ändert sich radikaler als anderes.

Es klingt ein bisschen ominös, wie ein klassischer Science-Fiction-Roman, der von einer schleichenden Veränderung berichtet, deren sich die Menschheit nur ganz allmählich bewusst wird. In Ulrich Becks neuem Buch ist die Metamorphose über uns gekommen, die Metamorphose der Welt insgesamt, wir stecken mittendrin, und in immer neuen Wendungen und Ausblicken versucht das Buch zu erklären, wie es dazu kam und welche Konsequenzen das für uns hat, diese "dystopisch-pessimistische Konstellation durch Bestimmung ihrer soziologischen, politischen und kulturellen Quellen und Bedingungen zu entlarven".

Faustisches blitzt immer wieder auf in diesem Buch, in Ulrich Becks Lust an kraftvollen Formulierungen und Formeln, seinen resoluten - auch paradoxen - Kurzschlüssen, auch: in seiner Redundanz. Und natürlich in der Beharrlichkeit, mit der er Kapitel für Kapitel die alte "Jene Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft"-Dialektik durchspielt. "Heute ist jeder von uns, der eine mehr, der andere weniger, ein global player! ... Wir wissen längst, was die Erdanziehungskraft ist - die Gravitation unseres Planeten. Dieses Buch verkündet, entdeckt und durchdenkt das neue Gesetz der Weltanziehungskraft - der Gravitation unserer Welt."

Mit den Methoden der Kollegen Foucault, Bourdieu oder Luhmann ist die neue Welt nicht zu fassen

Es ist ein Buch, das analytische Klarheit und Empathie zusammenbringt. Ulrich Beck hat es nicht mehr fertig schreiben können, seine Frau Elisabeth Beck-Gernsheim erzählt davon in einer Vorbemerkung: Ende 2014 hatte Ulrich Beck eine vorläufige - englische - Fassung der Metamorphose fertiggestellt, am 1. Januar 2015 ging er mit seiner Frau spazieren im Englischen Garten in München. "Blauer Himmel, strahlende Sonne, glitzernder Schnee. München leuchtete." Die beiden sprachen über das Buch, enthusiastisch, spielerisch. Dann der Herzinfarkt, Ulrich Beck starb noch im Englischen Garten. Elisabeth Beck-Gernsheim hat mit seinen Kollegen die vorliegende Fassung der "Metamorphose" hergestellt.

Der Begriff der Metamorphose der Welt geht radikal über den etablierten Begriff des gesellschaftlichen Wandels hinaus, sodass die Methoden und Kategorien der Kollegen Foucault, Bourdieu oder Luhmann nicht mehr greifen: "Wandel impliziert, dass sich manches ändert, während vieles gleich bleibt - so durchläuft der Kapitalismus zwar Wandlungen, doch viele seiner Merkmale ändern sich nicht. Das Wort ,Metamorphose' impliziert eine weitaus weitere Veränderung."Die alten Handlungskonzepte sind in der Zeit der Metamorphose obsolet geworden, Kalkulationen auf Ursache und Wirkung funktionieren nicht mehr, auch die Erfahrung ist abgewertet als Komponente des Handelns. Was Metamorphose genau bedeutet, kann - noch - nicht eindeutig definiert, sondern muss eher erzählt werden - und das tut Ulrich Beck in seinem Buch: am Beispiel der Entwicklung der EU und des Prozesses der Europäisierung, des Generationenkonflikts, der Digitalisierung, der neuen Risikoklassen, -regionen und -nationen.

Eine der Haupterzählungen ist die von den Folgen von Klimawandel und atomarer Bedrohung, sie schreibt fort, was Ulrich Beck 1986 in seinem Bestseller über die "Risikogesellschaft" beschrieb, in der jene "gemeinsame Produktion und Distribution von goods und bads" begann, die nun die Welt der Metamorphose kennzeichnet. Eine Welt der Nebenfolgen, das heißt der Unsicherheit, in der vieles unsichtbar und nicht anschaulich abläuft. Atomare Risiken sind genauso wenig zu beobachten wie die fortschreitende totale Überwachung durch die nationalen Geheimdienste, von der Edward Snowden einen Bruchteil sichtbar zu machen versuchte.

"Die Kosmopolitisierung macht auch vor dem eigenen Körper nicht halt."

Unser Handeln ist immer noch individuell oder national programmiert, aber die Handlungsräume, in denen es sich bewegt, sind global geöffnet. "Der steigende Meeresspiegel erschafft neue Landschaften sozialer Ungleichheit, zeichnet neue Weltkarten, deren wichtigste Eintragungen nicht mehr nationalstaatliche Grenzen sind - sondern Höhenlinien. Das macht eine vollkommen andere Art erforderlich, die Welt zu begreifen - und unsere Überlebenschancen in ihr." Und es kann, Ulrich Beck ist kein Pessimist gewesen, durchaus auch positive Effekte haben: "Das ist es, was ich unter ,emanzipatorischem Katastrophismus' verstehe - von dem freilich, wie gesagt, immer nur im Rückblick die Rede sein kann und der nicht mit der Bitte um eine globale Katastrophe verwechselt werden darf."

Natürlich gibt es Unbehagen über und Widerstand gegen die fortschreitende Metamorphose, die Zwangsglobalisierung und Kosmopolitisierung. "Für Menschen, deren metaphysische Gewissheiten auf dem Nationalstaat, ihrer ethnischen Zugehörigkeit oder Religion beruhen, bricht die Welt zusammen. Die Verzweiflung darüber treibt sie nationalen und religiösen Fundamentalismen in die Arme." Sie verkennen, dass sie, auch wenn sie individuell und ideologisch denken, in ihrem Handeln immer global sind - und dass sie, um erfolgreich zu sein, emtsprechend global denken müssen. "Die Kosmopolitisierung macht auch vor dem eigenen Körper nicht halt."

Ein unvollendetes Buch, hat Becks Kollege Anthony Giddens von der "Metamorphose der Welt" gesagt. Ulrich Beck hat selbst eingeräumt, dass die Soziologie noch nicht die Sprache hat, das Phänomen zu beschreiben. Spielerisch und anschaulich ist das Buch in seinen kleinen Erzählungen - etwa in der von den genetischen Forschungen, die neue Prozesse der Fortpflanzung hervorbringen, dazu jede Menge neuer sozialer Rollen für Eltern, Samenspender, Leihmütter und eine heftige moralische Debatte. Am Anfang aber war der Wunsch der Mediziner, Menschen bei ihrem Kinderwunsch zu helfen. Das Zeitalter der Nebenfolgen.

Ulrich Beck: Die Metamorphose der Welt. Aus dem Englischen von Frank Jakubzik. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 267 S., 25 Euro. E-Book 21,99 Euro.

© SZ vom 30.01.2017
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