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Woodstock 1994:Kommerz? Na klar, Kommerz!

Woodstock II am 13. August 1994 in Saugerties war nicht mehr das Festival der Flower-Power-Bewegung, sondern das der Generation X. Heute sind diese Menschen auch so um die 50 Jahre alt. Hier zeigte eine junge Frau trotzdem das Peace-Zeichen vor der Hauptbühne.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)
  • 1994 fand in Saugerties, New York, die erste Neuauflage des Woodstock-Festivals statt.
  • Anlass war das 25. Jubiläum, im Gegensatz zum Ur-Woodstock ging es aber wesentlich kommerzieller zu.
  • Persönliche Erinnerungen an Tage zwischen Schlamm, Südstaaten-Rednecks und stimmgewaltigen Aufritten.

Es war ein Wochenende im August 1994 und es regnete. Eigentlich hätte es nicht regnen sollen, denn so um den 14. August herum ist sogar im Staat New York Sommer. Aber was heißt das schon: Sommer? Mitte August 1969 war schließlich auch Sommer, und wer alt genug ist, die Woodstock-Dreifach-LP mehr als drei Mal angehört und/oder den Film mindestens zweimal gesehen zu haben, der kennt den Rain Chant.

Im Ur-Woodstock auf Max Yasgurs Land hat es gestürmt und geregnet, obwohl die Kids der Woodstock-Nation "NO RAIN, NO RAIN" skandierten. Wann macht der Himmel schon mal das, was die Massen wollen? Und außerdem war es gut, dass es regnete, denn der Schlamm von Woodstock gehört zum Mythos Woodstock so wie Jimi Hendrix und der Satz "it's a free concert from now on".

Das 25-Jahre-Woodstock-Jubiläumskonzert war erst mal kein free concert. Es kostete 135 Dollar Eintritt für drei Tage (damals rund 220 Mark). Das Festival-Gelände bei Saugerties/NY war irgendwie in der Nähe von Bethel/NY, wo 25 Jahre zuvor das echte Woodstock-Festival stattgefunden hatte. Irgendwie in der Nähe heißt: 86 Meilen von Yasgurs Farm entfernt. Yasgur ("I'm a farmer") übrigens überlebte Woodstock nicht lange, er starb schon 1973. Anders war es mit Michael Lang. Der organisierte schon 1969 das Festival und tat dies zum Teil mit Geld von Investoren, also "der" Wall Street, was damals neu und unerhört war. 1994 war Lang dann wieder Veranstalter: von Woodstock II. Er wollte auch Woodstook IV organisieren, aber das klappte nicht mehr.

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Woodstock II war besser organisiert als Woodstock I, vielleicht auch weil man 1994 mit 135 Dollar Eintritt pro Besucher mehr anfangen konnte als 1969 mit 18 Dollar pro Kopf. In Saugerties jedenfalls hatten sie neun Meilen Maschendraht um das Festival-Gelände gezogen, es gab Metalldetektoren, Tausende Ordner, und man durfte vieles nicht mitbringen: keine Waffen, keine Drogen, keinen Alkohol, kein Essen etc. War man erst mal drinnen, konnte man seine guten Dollars gegen Woodstock-Aluchips eintauschen, die eigentlich so etwas wie frühe Bitcoins für das Festival sein sollten. Die Verkäufer von Essen, Trinken, Klamotten und anderem Zeug nahmen allerdings auch Dollars. Die Pizza kostete elf Dollar, und das spezielle Festival-Kondom mit der Aufschrift "ich komme in Frieden" war für vier Dollar zu haben. Kommerz? Na klar, Kommerz!

Aerosmith und Metallica spielten. Aber Janis Joplin war natürlich eine andere Nummer.

1969 wurde der große Reibach allerdings erst hinterher gemacht, mit Platten, dem Film, Lizenzen für die verschiedensten Dinge. Der Mythos machte sich besser bezahlt als die Reprise des Mythos. Allerdings war Woodstock II alles andere als ein Verlustgeschäft. Man verdiente ordentlich während des Festivals, und hinterher auch nicht schlecht. Dies führte dazu, dass es im Juli 1999 (30 Jahre!) Woodstock III gab, ebenfalls im Staate New York, bei einem Ort namens Rome. Da kamen zwar auch mehr als 200 000 Leute und viele Bands von Kid Rock über Wyclef Jean bis hin zu Willie Nelson. In Erinnerung allerdings blieb Rome, weil es brannte - gegen Ende des Festivals legten Randalierer Feuer, es gab wüste Schlägereien und Chaos.

Bei Woodstock II in Saugerties ging es am letzten Tag, dem Sonntag, auch etwas chaotisch zu, weil es am Samstag lange geregnet hatte und auf dem Gelände aqua alta sowie bad bad mud dominierten. Von morgens an versuchten die Besucher, den großen Busparkplatz zu erreichen, von dem aus die Busse zu den zum Teil 50 Meilen entfernten Großparkplätzen für die Autos fuhren. Das war mühsam, weil die Straßen verstopft waren und sich ein kilometerlanger Heerwurm müder Gestalten vom Festival wegbewegte, während gleichzeitig noch neue Leute kamen, die vielleicht ausnutzen wollten, dass man am Schlammsonntag keinen Eintritt mehr bezahlen musste. It was a free concert from then on. Aber irgendwie erinnerte die Woodstock Nation von 1994, als sie sich sonntäglich unter Zurücklassung erheblicher Müllberge fort vom Ort wälzte, eher an Napoleons geschlagene Russland-Armee.