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"Wonder Woman" im Kino:Wonder Woman vertritt das "Law and Order"-Prinzip

Batman und Superman, die beiden Edelhelden des Comic-Verlags DC, der im Kino gerne genauso erfolgreich wäre wie der Konkurrent Marvel, hatten in den vergangenen Jahren sehr zu kämpfen. Nicht nur mit dem jeweils aktuellen Bösewicht, sondern vor allem mit sich selbst. Das supermännliche Selbstbewusstsein trug schwer an Selbstzweifeln. Batman schien, wie heute die Jungs aus den Fitnessstudios, in seiner massigen Panzerrüstung beinahe zu erstarren. Sein Kollege Superman sah als einzige Möglichkeit, sich selbst treu zu bleiben, den Opfertod. Gal Gadot vertritt als Wonder Woman hingegen das "Law and Order"-Prinzip, das Hollywood in goldeneren Zeiten so sehr zu feiern wusste. Mancher mag das kitschig finden, aber sie kämpft für die Liebe und die Wahrheit, in einer Zeit, in der die Lüge in den USA salonfähig wird. Sie hat ein Lasso bei sich, das denjenigen, den sie damit umwickelt, zwingt, die Wahrheit zu sagen. Sie wird die Lektion aller guten Helden-Erzählungen lernen: dass Superkräfte nur eine Metapher sind, dass ihnen etwas in der Persönlichkeit entsprechen muss, weil sie sonst nichts wert sind.

Diana wird auf diese Probe gestellt. Über Themyscira scheint ewig die Sonne, auf dem Gemüt der Amazone liegt der apollinische Glanz der Antike, aber sie segelt mit Steve nach London, da ist der Himmel grau und die Schornsteine qualmen bereits das Klima kaputt.

Sie muss in die Schützengräben des Ersten Weltkriegs, glaubt aber trotzdem an die Menschen

Scheußlich sehe das hier aus, findet sie. Dass die Korsetts der Normalbürgerin nicht dazu da sind, um sich vor den Schwerthieben der Feinde zu schützen, sondern vor dem Fleisch der Trägerin, will sie nicht begreifen. Sie ist kein tumber "Herkules in New York", sondern aus tiefstem Herzen erbost über diese Welt der Lügen und Feigheit.

Aber ihr Zorn ist nicht bitter. Als sie auf der Straße das erste Mal eine Kugel Eis probiert, sagt sie zum Verkäufer, hingerissen von dem Geschmack und voll feurigem Ernst, er könne sehr stolz auf sich sein.

Aus diesem zunächst wunderbar leichtherzigen Aufeinandertreffen von Fantasie und Wirklichkeit, die Superhelden-Erzählungen ansonsten meist auf eher peinliche Weise zusammenpanschen, entwickelt sich zunehmend eine todernste Konsequenz. Ares, der Gott des Krieges, dem sie bis an den finstersten Winkel der Welt hinterhergereist ist, an die Weltkriegsfront von Belgien, eröffnet ihr schließlich, dass der Zustand der Welt gar nicht seine Schuld sei. Die Lügen, die zerstörte Natur, die Morde mit Giftgas in den Schützengräben, all diese Verbrechen begingen die Menschen aus freien Stücken. Er liefere lediglich die Ideen dazu. Anders als die Fantasiegestalten aus der Antike hat der Mensch immer zwei Gesichter. Aber nicht nur er steht zur richterlichen Entscheidung durch die "Wonder Woman", sondern auch die von der mythischen Amazonenwelt künstlich abgeschiedene Moderne. Endlich also mal nicht irgendein Kasper aus dem Weltall, der eine amerikanische Großstadt pulverisiert.

Im Zentrum steht ein tragischer Konflikt, aber Diana entscheidet sich trotzdem, an die Menschen zu glauben. Darin liegt vielleicht der eigentliche superheldenhafte Akt. Und wahrscheinlich auch die feministische Utopie, die das Jungsgenre Superheldenfilm so dringend gebraut hat: Gal Gadot und Regisseurin Patty Jenkins kreieren eine Superheldin, als hätte es die Männer nie gegeben.

© SZ vom 10.06.2017/doer
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