Sachbuch Der Rückzug als Stiefvater aller Dinge

Wolfgang Schivelbusch: Rückzug. Geschichten eines Tabus. Hanser Verlag, München 2019. 112 Seiten, 18 Euro

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Wolfgang Schivelbusch meint, das Zurückweichen vor überlegenen Mächten sei seit dem 20. Jahrhundert unglaubwürdig geworden. Mit solchen Thesen lassen sich vielleicht Begriffsjongleure animieren.

Von Franziska Augstein

"Dieses Büchlein", schreibt Wolfgang Schivelbusch einleitend, "stellt am militärischen Beispiel die Frage nach dem Verhältnis von westlichem Fortschritt und Rückzugserfahrung." Er behandelt das Moment der Offensive und Rückzüge von den europäischen Revolutionskriegen und Napoleon bis zum Vietnamkrieg. Nach seiner Literaturauswahl zu urteilen, ist sein Essay weder streng wissenschaftlich noch als Satire gedacht.

Schivelbusch beschäftigt sich unter anderem mit dem, was er "biologisch-militärische" Gleichschaltung nennt. Damit meint er die Verinnerlichung von Exerzierübungen. Das biologische Moment komme freilich auch bei der Flucht zum Tragen. Er argumentiert, dass auf der Flucht "durchaus Einheit und Ordnung herrscht" und zwar die "des biologischen Instinkts, der im entscheidenden Moment an die Stelle des militärischen Drills tritt". Auf der Flucht werde "der Instinkt" zu einem "Bindemittel", das "immunisiert die Masse gegen die individuelle Todesfurcht". Sardinen können das nicht bestätigen: Sie schwimmen gewohnheitsmäßig in riesigen Schwärmen, deren konzertierte ruckartige Wendungen zur Irritation von Feinden dienen. Gelingt es aber Raubfischen, eine Einheit vom Schwarm zu isolieren, wird dieses Kontingent panisch, verliert seinen Instinkt für Ordnung und wird gefressen.

Was den Menschen angeht, ist die These auch nicht überzeugend. Auf See ist der Ruf in aussichtsloser Lage: "Rette sich, wer kann." Wenn ein Segelschiff in Flammen stand, hat die Flucht in Schivelbuschs Sinn durchaus einheitlich stattgefunden: nach unten nämlich, ins Wasser. Im Feld, zumal wenn es sich um eine größere Bataille handelte, war das letzte reguläre Kommando akustisch schwer zu vernehmen.

Schivelbusch zitiert Elias Canetti: "Man flieht zusammen, weil es sich so besser flieht." Was den großen Flüchtlingszug von Guatemala in Richtung der mexikanisch-US-amerikanischen Grenze anging, hat er recht: Das war freilich keine militärische Aktion; diese Leute sind zu Tausenden im Pulk marschiert, weil sie als Einzelwanderer Gefahr gelaufen wären, vergewaltigt und/oder beraubt zu werden. Im Krieg war es eher so, dass die Leute gemeinsam in eine Richtung flohen, weil von allen übrigen Seiten der Feind anrückte.

In Napoleon sieht Schivelbusch "eine neue Verkörperung" der Errungenschaften der Französischen Revolution. Die "im Namen der Nation geschmiedete Verbindung von Enthusiasmus und Disziplin" habe "fortan dem militärischen Rückzug seine Leichtigkeit" (sic) genommen. Seit Beginn der Ära der Volksarmeen hingegen seien Kriege vom "Enthusiasmus" der Bevölkerung getragen gewesen, weshalb Rückzüge abgelehnt wurden, hätten sie doch die gesamte Nation in ihrer Ehre verletzt. Früher mögen manche so gedacht haben. Der Militärhistoriker Stig Förster sagt indes, neuere Forschung habe ergeben: "Mit dem allgemeinen Enthusiasmus war es nicht so weit her, weder während der Revolution noch unter Napoleon." Von den 420 000 Mann Kampftruppen, mit denen Napoleon 1812 gen Russland aufbrach, seien "allenfalls die Hälfte Franzosen" gewesen; die übrigen wurden aus anderen Ländern zwangsrekrutiert. Das Gleiche gelte für die Freiheitskriege: "Entgegen späterer Legendenbildung stand nicht etwa das ganze preußische Volk zum Befreiungskrieg auf. (...) Vielmehr beschränkte sich der Enthusiasmus für den Krieg gegen die Franzosen weitgehend auf die städtische Bevölkerung." Soviel zu der Annahme, Rückzüge seien mit angeblich kriegsbegeisterten Massen nicht mehr zu machen gewesen.

Schivelbusch konstatiert: "Die Rede vom geordneten Rückzug hat nach den Erfahrungen des totalen Krieges und der totalen Propaganda im 20. Jahrhundert jede Glaubwürdigkeit verloren." Truppen, die sich erfolgreich und also lebendig zurückgezogen haben, dürften das anders sehen. Selbst wenn Schivelbusch zwischen taktischem und strategischem Rückzug samt Eingeständnis der Unterlegenheit klar unterschieden hätte, würde das nichts ändern. NS-Deutschland, die USA in Vietnam, Irak: Auch bei Niederlagen sind die allermeisten Leute froh, wenn ein Krieg endlich vorbei ist.

Den Krieg der USA in Vietnam betrachtet Schivelbusch - auch im Hinblick auf die Furcht vor der Expansion des Kommunismus - als Ergebnis der Ausdehnung der USA bis über den Pazifik hinweg gen China, das, so der Autor, als "Mündel" im internationalen Handel den "Schutz" der USA verdient habe. Wie bitte? Die Präsidenten Kennedy und Johnson wären sicherlich überrascht gewesen, von diesem ihrem Ziel zu erfahren. Von großer Originalität ist auch Schivelbuschs Kommentar zur Globalisierung. Dieser Begriff sei "der Vorhang, hinter dem die simple Tatsache des Rückzugs des Westens aus der Weltherrschaft zum Verschwinden gebracht wird". Der Begriff ermögliche ein "unspektakuläres, leises, fast taschenspielerhaftes Aufgeben solcher Ansprüche". Nun, vielleicht handelt es sich nicht um einen Vorwand, vielleicht verlieren die USA und der Westen tatsächlich weltweit allmählich an Einfluss?

Derlei Thesen können Begriffsjongleure möglicherweise animieren. Nicht zumutbar ist aber Schivelbuschs suggestive Frage, ob Churchills Aufrufe zum Durchhalten gegen NS-Deutschland "nicht auf derselben Linie wie Hitlers spätere Endkampf-Visionen" gelegen hätten. Hitler habe bekanntlich von 1941 an der Wehrmacht Rückzüge verboten. Churchill habe freilich das Gleiche gemacht, als er die Briten zum unbedingten Widerstand aufrief. Dazu zwei nüchterne Hinweise: Anders als Großbritannien führte das NS-Reich einen Angriffskrieg. Und anders als Hitlers Soldaten haben zwei Drittel der britischen Truppen den Zweiten Weltkrieg in der Heimat verbracht: mit Übungen und beim Warten auf Ausrüstung.