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Erzählungen von Wolfgang Kohlhaase:Ein ganzes Jahrhundert

Potsdam Kindergärtnerin spielt mit ihrer Kindergruppe vor den Ruinen des Potsdamer Stadtschlosses nahe Berlins, Deutschl

Wie viel Wirklichkeit in diesen Sätzen steckt: Kindergartenkinder vor dem zerstörten Potsdamer Stadtschloss, 1946.

(Foto: Erich Andres/imago images/United Archives)

Viele halten Wolfgang Kohlhaase für den bedeutendsten deutschen Drehbuchautor. Jetzt sind seine Erzählungen erstmals auch im Westen erschienen. Sie müssten eigentlich ein Hauptwerk der deutschen Literatur sein.

Von Gustav Seibt

Novellen, kurze Erzählungen, leben vom Glauben an die Wahrheit im Ausschnitt. Die Welt muss nicht immer in der Breite des Epischen, des großen Romans, gespiegelt werden, manchmal genügen Beispiele, kleine Bühnen, das Modell in Miniatur. "Ich hing der Idee nach, dass es keine Provinz gibt, keine wichtigen und unwichtigen Orte, dass fünfhundert Menschen genug sind, um alles nur Vorstellbare geschehen zu lassen." Das sagt der Ich-Erzähler in Wolfgang Kohlhaases "Silvester mit Balzac", ein Drehbuchautor wie der Verfasser der Novelle. Er, der Erzähler, ein Berliner, genehmigt sich in den frühen Siebzigerjahren einen turbulenten Jahreswechsel in Budapest, damals noch Hauptstadt der lustigsten Baracke im sozialistischen Lager.

In seinem Quartier findet er eine Balzac-Ausgabe, die für ihn, der kein Ungarisch kann, nur durch Titel und Namen entzifferbar ist - das Riesengemälde der "Menschlichen Komödie" als verwirrende, kaum verständliche Schrift. Das ist wohl auch eine Absage an den fetten Roman am Ende eines Büchleins, das mit Erzählungen im Umfang von meist nur ein oder zwei Dutzend Seiten glänzt.

Glänzt, denn dieser Band, der zuerst 1977 im Ostberliner Aufbau-Verlag erschien, müsste von Rechts wegen ein Hauptwerk der deutschsprachigen Literatur sein. Und doch wird er, auch jetzt wieder, vor allem als beeindruckende Nebenarbeit eines der bedeutendsten - viele sagen: des bedeutendsten - deutschen Drehbuchautors wahrgenommen.

"Die Juden des Städtchens P. knieten auf dem Marktplatz."

Kohlhaase wurde soeben neunzig Jahre alt und gebührend gefeiert für sein Lebenswerk, das er zusammen mit Regisseuren wie Konrad Wolf und Andreas Dresen vollbrachte. Das ist nun auch der Anlass der Wiederauflage des Erzählbandes, der Verlag und Titel getauscht hat (1977 war er nach dem Balzac-Silvester benannt), sonst aber fast unverändert blieb. Er kommt nun erstmals auch zu einem gesamtdeutschen Publikum.

Es liegt nahe, im Erzähler den Drehbuchautor zu entdecken, nach Dialogen zu schauen und Szenisches hervorzuheben. Doch die Wahrheit der Literatur liegt davor, im Stil. Wer nichts wüsste von den Filmen Kohlhaases, der müsste doch seine Sprache bewundern. Eine grausame Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg beginnt mit fugenloser Lakonie so: "Am Nachmittag hörte man hinter den fernen Wäldern Kanonendonner. Am Abend wurde es still. In der Nacht schlugen Gewehrkolben gegen die Türen, Glas klirrte, Kinder weinten, Geschrei und Kommandorufe erfüllten die Straßen. Zweimal schoss eine Maschinenpistole. Die Hoffnung, die den ganzen Tag unter dem Vorfrühlingshimmel gelebt hatte und abends mit den Menschen unter die Dächer gekrochen war, starb. Die Juden des Städtchens P. knieten auf dem Marktplatz, die Köpfe gesenkt, die Hände emporgestreckt. Im Morgengrauen, als alle, die man gefunden hatte, beisammen waren, stellte man sie in Dreierreihen auf und trieb sie eilig davon."

Es ist eigentlich unglaublich, wie viel Wirklichkeit in diesen perfekt rhythmisierten, präzise skandierenden Sätzen steckt: Ein Tageslauf, Gewalt, Plötzlichkeit und Angst des Kriegs wie in einer Faust, mündend in das "starb", das einsam hinter einem Nebensatz steht. Man ist mit einem Sprung in der Situation und kann nicht anders als weiterzulesen, bis zu einem sehr bitteren Ende. Die Geschichte ist zwar kurz in der Sprache, der Erzählzeit, aber lang in der erzählten Zeit. Das kann Kohlhaase besonders gut - in wenige Worte Jahre und Jahrzehnte packen.

Die Fülle der Tonlagen ist zum Erstaunen und immer wieder sehr lustig

Unbedingt sollte man die Erzählungen in der Reihenfolge des Bandes lesen, denn dann entfalten sie ihre historische Dimension als unausgesprochenen, aber immer präsenten Zusammenhang. Er reicht von den Vernichtungslagern der Nazis bis in die Siebzigerjahre, umspannt also das zweite Drittel des 20. Jahrhunderts. Die Schauplätze sind oft Berlin und die ostdeutsche Provinz.

Immer sind es unerhörte Begebenheiten, die das klassische Muster der Novelle verlangt, meist persönliche Tragödien, die immer wieder auch überwältigt werden von der großen Geschichte. So in einer Erzählung vom Kriegsende und Einmarsch der Russen in Berlin, gesehen aus den Augen eines unreifen, gerade unklar erstmalig verliebten Halbwüchsigen. Diese Zweistimmigkeit von privater Entwicklungsgeschichte und Welthistorie auf so schmalem Raum ist ein Wunder der Sprache.

Eindringlicher, als es in einem Absatz zu erklären wäre, sind Kohlhaases Blicke auf die Gesellschaft des sozialistischen Staates. Es sind ausgerechnet zwei Geschichten von Beerdigungen, die sie in ihrer Würde - jawohl - und ihrer Komik zeigen. Würdig im Versuch, mit absichtsvoll ausgeschlagener Transzendenz umzugehen, komisch beim Versuch, historische Gespenster zu bannen - denn eine nach Westen gegangene Gräfin soll an ihrem ostdeutschen Stammsitz beerdigt werden, mit Verwicklungen, die ein Raabesches Format haben.

Die Fülle der Tonlagen ist ohnehin zum Erstaunen und immer wieder sehr lustig. Was ist der Unterschied des Berliner Stoßseufzers "Immer icke" und seines säuerlichen hochdeutschen Pendants "Immer ich"? Kohlhaases Erzähler (auch hier sorgsam anders konturiert als in den anderen Geschichten, nämlich genussvoll umständlich) erklärt es in einem Mini-Essay, der als Theatermonolog von großer Komik wäre. Sowieso sind das auch Vorlesegeschichten, im Gesprochenen klangvoll, herzhaft pochend, Stimmen imitierend, voller Pointen.

Hoffentlich gelingt es nun, diesen Band in den Kanon der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur aufzunehmen. Man mag hier zwar auch eine ausgeschlagene Möglichkeit beklagen - hätte dieser Kohlhaase doch mehr Literatur hervorgebracht! -, aber vielleicht zu Unrecht. Ein Meister lässiger Lakonie konnte es eben auch bei diesen Proben belassen. Die hier erreichte Dichte lebt ja auch vom Weggelassenen.

Wolfgang Kohlhaase: Erfindung einer Sprache und andere Erzählungen. Mit einem Nachwort von Andreas Dresen. Wagenbach Verlag, Berlin 2021. 205 Seiten, 18,00 Euro.

© SZ/fxs
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