Wolf Haas im Interview Vom renitenten Leser

Wenn Wolf Haas ein Buch mit dem Titel "Verteidigung der Missionarsstellung" schreibt, bekommen die einen rote Ohren und die anderen große Augen. Ein Gespräch mit dem Erfolgsschriftsteller über den Zustand des Verliebtseins, die Vermeidung von Langeweile und seine Misserfolge als Student.

Interview: Bernhard Blöchl

Süddeutsche Zeitung: Ihre Romane bieten stets zweierlei: eine außergewöhnliche Geschichte und eine ebensolche Erzählform. Einmal schiebt sich der Erzähler in die Handlung, wie bei den späten Brenner-Krimis, einmal transportieren Sie ein Liebesabenteuer in Interviewform wie bei "Das Wetter vor 15 Jahren". Nun ist es Wolf Haas, der im Buch eine Rolle spielt. Mir scheint, Sie wollen das Erzählen ständig neu erfinden.

Wolf Haas gilt als Wiener Wortgenie.

(Foto: Hoffmann & Campe)

Wolf Haas: Seltsamerweise ist das überhaupt keine Absicht von mir, das Erzählen neu zu erfinden. So als Absicht käme mir das sogar ein bisschen streberhaft vor. Ich glaube, es hat einfach damit zu tun, dass ich als Kind lesen gehasst habe, und ich stelle mir immer einen ähnlich renitenten Leser wie mich selbst vor, den man ein bisschen verzaubern muss, damit er nicht davonrennt.

Was war zuerst da: der Wunsch, die liebeskranke Geschichte um Benjamin Lee Baumgartner aufzuschreiben oder der Wunsch, ein Buch über die Entstehung eines Romans zu schreiben?

Unbedingt die Liebesgeschichte! Ich habe sogar immer ein bisschen Bauchweh, dass man die sprachlichen Sachen vielleicht zerstört, wenn man sie im Darüberreden zu sehr betont. Die Grundidee war, dass es lustig wäre, anhand dieser Seuchen, die da alle paar Jahre ausbrechen, eine Liebesgeschichte zu erzählen, also kurzgesagt: BSE führt zur Gehirnauflösung, und Verlieben führt auch zur Gehirnauflösung. Aber dann ist mir die Geschichte so erschreckend gut von der Hand gegangen, und gleichzeitig hatte ich das Gefühl, es müsste irgendwas Ungutes, etwas Beschissenes noch hineinkommen, und da hab ich so Einsprengsel aus meinem eigenen Leben zwischendurch eingeträufelt, zum Beispiel wie ich als Student gewohnt habe oder wie mein Vater gestorben ist.

Was ist so schlimm daran, wenn einem die Geschichte gut von der Hand geht?

Wenn eine Geschichte handwerklich gar zu gut floriert, dann kommt immer der Punkt, an dem mir das fast nuttig vorkommt. Das stört mich auch an vielen amerikanischen Autoren - wenn sie so aufgeigen und ihren Stoff so gut beherrschen. Es kriegt etwas Skilehrerhaftes, wenn der Autor in vorbildlicher Haltung durch seinen Roman wedelt. Und dann müssen eben der Sturz und der Skistockbruch und das Nasenbluten her, quasi die Freuden des Pistenrowdies.

Sie schreiben: "Frei Erfundenes klingt in einem Roman oft überzeugender und realer als die aus der Realität entlehnten Geschichten." Obwohl es hier nun den Anschein hat, als sei die Geschichte real und stünde in autobiografischem Zusammenhang mit Wolf Haas, fragt man sich doch, ob Sie den Leser womöglich doch an der Nase herumführen, und alles verhält sich wieder ganz anders. Was sagen Sie dazu?

Es entsteht eine gewisse Reibung zwischen dem Erfundenen und dem Wahren, wenn man beides zusammenmischt. Ich finde, das knirscht sehr interessant, und obwohl es Großteils recht lustig ist, ist es dann manchmal auch ganz schön traurig.

Sie brechen nicht nur mit den gängigen Regeln der Erzählperspektive, weil sie diese mehrmals verschieben, sondern spielen auch mit den Lesegewohnheiten, indem sie Sätze kreuz und quer und im Kreis und klein und groß und dicht über die Seiten laufen lassen. Gab es da keine Diskussionen im Verlag oder mit Ihrem Lektor?

Da gibt es ein gutes Sprichwort in meinem Dialekt: "Wer viel frogt, geht viel irr." Ich bin ja von vornherein eine paradoxe Markterscheinung, weil ich eigentlich dauernd Sachen mache, über die jeder Branchenweise sagen würde, so etwas finde keine Leser. Der aktuelle Roman ist da im Vergleich zum ersten "Brenner" oder zum "Wetter vor 15 Jahren" sogar relativ zurückhaltend, weil die formalen Ausreißer ja nur einen kleinen Teil des Romans ausmachen. Mir geht es dabei neben dem Spaß um etwas ganz Bieder-Handwerkliches. Wenn ich "später Londonatmosphäre einfügen" schreibe, statt London auf zehn Seiten brillant zu beschreiben, dann hat der Leser London genauso im Kopf, mit drei Wörtern, statt dass er zur Strafe zehn Seiten lesen muss, als hätte er beim Biathlon danebengeschossen und muss jetzt Strafrunden drehen. Ich dachte mir zum Beispiel, wie langweilig es wäre, wenn ich das Paisleymuster beschreibe, und wie erfrischend dagegen, wenn sich die Zeile zwischendurch mal zu einer Paisleyzeile einrollt. Danach geht's dann wieder normal weiter.

Man erfährt in dem Roman so einiges über Sie als Autor. Vorausgesetzt, es stimmt, was Sie ins Buch hineingeschrieben haben: Wie kamen Sie als Student damit klar, dass alle Verlage Ihren Roman abgelehnt haben, und wie haben Sie letztlich den Durchbruch bei den Verlagen geschafft?

Das meiste stimmt schon, abgesehen davon, dass man sich selbst sein Leben ja auch erzählt und verfälscht. Was die Absagen betrifft, so erleben das wohl viele angehende Autoren. Ich war ein bisschen dreist und hab schon als Zwanzigjähriger Romane verschickt. Möchte mich bei dieser Gelegenheit bei allen Lektoren entschuldigen, die sich ihre Zeit stehlen ließen. Es ist schon eine Scheißsituation ein Unverlangtemanuskripteeinsender zu sein. Aber mit 36, knapp vor der Rente, hat's dann doch noch geklappt.

Wolf Haas: "Verteidigung der Missionarsstellung", Hoffmann und Campe; Lesetour: 28.9. Salzburg, 29.9. Linz, 11.10. Berlin, 12.10. Hamburg, 3.11. Zürich, 4.11. München, 6.11. Innsbruck, 18.11. Graz, Schauspielhaus