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Architektur und Politik:Poser für Putin

Das umstrittene zweite Projekt auf der Krim soll direkt neben dem "Denkmal für die Verteidigung von Sewastopol" entstehen.

(Foto: Coop Himmelb(l)au)

Der Architekt Wolf D. Prix baut mit seinem Büro Coop Himmelb(l)au in russischem Auftrag zwei spektakuläre Kulturpaläste, einen davon auf der annektierten Krim. Ist das nicht fragwürdig? Keineswegs, sagt Prix.

Von Gerhard Matzig

Coop Himmelb(l)au: Schon der Name des 1968 gegründeten Architekturbüros zielt auf Himmlisches. Deshalb grenzt es an Majestätsbeleidigung, wenn man den 77-jährigen "Design Principal" Wolf D. Prix am Telefon fragt, ob er eigentlich auch für den Teufel in der Hölle bauen würde. Entschlossene Antwort des Principals: "Was für ein Unsinn!"

Wladimir Putin ist nicht der Teufel. Vermutlich. Aber er ist der Initiator von vier russischen Leuchtturmprojekten der Kultur, die bis 2023 realisiert werden (sollen). In einer Rekordzeit, die man jedenfalls vom Berliner Flughafen aus anzweifeln muss oder aber beschämt bewundern darf. Die Planungen dafür sind noch nicht mal abgeschlossen. Vielleicht stimmt ja auch, was Jacques Herzog über das umstrittene Bauen für Autokratien und Despoten anmerkt: "Es geht einfach viel schneller." Wie alles, was auf Befehl und Gehorsam basiert. Oder im günstigeren Fall nicht zerredet wird. Jedenfalls: In Sewastopol auf der Krim soll nach dem Entwurf von Coop Himmelb(l)au ein Mehrspartenhaus für Oper, Theater und Ballett entstehen. Im sibirischen Kemerowo, ebenfalls von Prix entworfen, wird es ein Kultur- und Kunstzentrum samt Museum und Theater geben - die Rede ist von 52 000 Quadratmetern. Und auch in Kaliningrad im Westen sowie in Wladiwostok im Osten werden üppig dimensionierte Kulturzentren gebaut. Die allerdings jeweils ohne Prix-Beteiligung.

Putin ist nicht Hitler oder Stalin, sagt Prix

Beim Telefonat mit Prix bemüht man den Teufel deshalb, weil die amerikanische Architekturlegende Philip Johnson die schon vor Jahrzehnten geführte Debatte um den Nachruhm von Leuten wie Le Corbusier, Ludwig Mies van der Rohe und Walter Gropius, die sich auf die eine oder andere Weise dem Naziregime angedient hatten, folgendermaßen für beendet erklärte: Er, Johnson, würde ja "für den Teufel persönlich" bauen. Es käme nämlich nicht darauf an, für wen, sondern was man baue. Und unter welchen Bedingungen.

Das ist ziemlich genau das, was Prix dem Reporter nach einem eher belustigten als ärgerlichen Schweigen mitteilt. Denn zum einen will Prix "definitiv nicht für Hitler oder den Teufel bauen, übrigens auch nicht für Stalin". Sondern für Putin. Und auch der sei "nicht der Bauherr, sondern die Russische Föderation". "Außerdem geht es um einen Kulturbau und nicht um eine Kaserne." Aber, und spätestens jetzt wird es kompliziert: Dieser Kulturbau soll auf der völkerrechtswidrig annektierten Krim stehen. In geübt futuristischer Manier und in unmittelbarer Nähe zum "Denkmal für die Verteidigung von Sewastopol".

Was an ein biodynamisches Update der Enterprise erinnert, könnte also das heikelste Bauvorhaben in der an heiklen Bauvorhaben nicht gerade armen Karriere von Wolf D. Prix werden. Bei dem, er hat schon für Moskau und Peking geplant, steht das D. übrigens für Dieter und nicht für Deckung oder Ducken. Für Demut auch nicht gerade. Doch schätzt man ihn ja gerade seines dekonstruktivistischen Talents wegen. "Architektur", heißt es im Gründungsmanifest seines Büros, "muss brennen." Im übertragenen Sinn, versteht sich.

Prix' Bauten künden vom eigenen Markenbewusstsein wie vom Ruhm der Bauherren

Prix ist das, was man klischeehaft als Stararchitekt bezeichnet. Weniger klischeehaft kann man sagen, dass die Coop-Projekte das sind, was den Begriffen Corporate Architecture, Signature Buildings und Urban Icons Raum gibt. Nicht selten ist das ein einzigartig geglückter und inspirierender Raum. Das gilt für die BMW-Welt in München oder das Musée des Confluences in Lyon. Diese Bauten sind zum einen große Architekturen, zum anderen aber auch Solitäre, Spektakel und stadträumliche Poser. Wie geschaffen für das Instagram-Zeitalter. Prix wäre früher jemand gewesen, der sich Pyramiden, gotische Kathedralen oder Renaissanceschlösser ausdenkt. Es gehört zum Mechanismus, dass seine Bauten sowohl das eigene Markenbewusstsein ausdrücken wie vom Ruhm der jeweiligen Bauherrn künden.

Bauten von Coop Himmelb(l)au sind immer Narrative. Putin weiß das. Prix findet an dessen Kulturambition nichts verwerflich. Wer sich an die "Grands Projets Culturels" erinnert, die François Mitterrand zum Ende des letzten Jahrtausends den Spitznamen Mitterramses und Paris etliche Sensationsbauten eingebracht haben, der ahnt auch, dass solche Mühen immer verschiedene Ziele haben: Kulturstätten für das Volk zu schaffen, politische Macht durch Kultur zu untermauern - und dem eigenen Ich zu einem architektonischen Ausdruck zu verhelfen. Putin vertraut sich dem Wiener Meister der Signifikanz nicht ohne Kalkül an. Ohne Wettbewerb übrigens auch. Den es für andere ähnlich spektakuläre Projekte wie die gefeierte Hamburger Elbphilharmonie (Herzog & de Meuron) allerdings auch nicht gab. Und zwar zum Vorteil des Projekts an der Elbe.

Das geplante Kulturzentrum in Kemerowo, Sibirien, ist eines von vier russischen Leuchtturmprojekten. Zwei davon hat Coop Himmelb(l)au entworfen.

(Foto: Coop Himmelb(l)au)

Prix sagt am Telefon: "Solange ich realisieren darf, was Coop Himmelb(l)au bauen will und nicht Putin, tue ich das." Er empfindet die ganze Debatte als "einigermaßen heuchlerisch" und spricht von der "Doppelmoral" der Kritik. "Den möchte ich sehen, der die Aufträge auf der Krim und in Sibirien nicht annimmt." Einerseits dürfte es wirklich nicht ganz leicht sein, namhafte Architekten zu finden, die sich dem Bau zweier exponierter Kulturzentren verweigern würden, die nachweislich nicht für Hitler realisiert werden. Aber andererseits ist Putin auch kein "lupenreiner Demokrat" (Gerhard Schröder, vormals Kanzler in Deutschland, jetzt Gazprom-Lohnabhängiger) - und außerdem ist das Bauen auf der Krim völkerrechtlich besonders umstritten. Man kann sich durchaus vorstellen, dass andere Architekten sich diesem Projekt eben doch verweigern würden.

Man kann im baugeschichtlichen Kontext aber auch auf den Namen Hitler stoßen. Der größte Bauherr aller Zeiten war ein Freund der Architektur, weil diese nie nur aus Material, Raum und Licht besteht. Sondern auch aus einer Botschaft für die Welt. Doch das gilt umgekehrt auch für die demokratisch unbedenkliche Raumdeutung. Der Olympiapark in München, ein Fanal der liberalen, die Welt umarmenden Raumkunst in den Siebzigerjahren, wollte dem Universum ja auch etwas erzählen. Dass 1936 vorbei ist, zum Beispiel. Muss man also sagen, dass das eine (das Berliner Olympiastadion von 1936) böse, das andere aber (das Münchner Olympiastadion von 1972) gute Architektur ist? So leicht ist es nicht.

Wolf D. Prix meint: "Wenn man für fragwürdige Systeme nicht bauen dürfte, kann man gleich die meisten Werke von Michelangelo, Bramante oder Borromini abreißen." Die Kirche als Bauherr sei nämlich auch alles andere als demokratisch legitimiert. Wenn man mal die direkte Linie von Michelangelo zu Prix beiseite lässt, muss man zugeben: Wenn nur Bauherren akzeptabel sind, die außer Baukunst nichts anderes im Sinn haben, muss man auf der ganzen Welt neun von zehn Gebäuden christomäßig verhüllen. Deutsche Planer waren schon für China, Russland, Libyen tätig, gebaut wird für Singapur und Dubai. Am Ende sind auch die Architektinnen und Architekten "nur" ihrem Gewissen verpflichtet. Es macht natürlich einen Unterschied, ob man für Putin eine Oper oder für Assad einen Bunker entwirft. Doch ist der genaue Grenzverlauf dazwischen viel weniger kraftvoll raumprägend als die Architektur von Coop Himmelb(l)au.

© SZ/jhl
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