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Wo "Suzanne" wohnte:Das Heilige und das Gebrochene

Leonard Cohen und Montréal: Die Stadt in Kanada ist im gesamten Werk des Songwriters gegenwärtig.

Die bekannteste Zeile aus Leonard Cohens bekanntestem Lied lautet: "And Suzanne takes you down to her place nearby the river", "und Suzanne nimmt dich mit zu ihrer Wohnung am Fluss". Selbstverständlich besaß Suzanne einen Nachnamen, nämlich Verdal, und einen Beruf. Sie war Tänzerin und gehörte in den frühen Sechzigern zur Bohème von Montreal, der Stadt, in der Cohen aufgewachsen war, wo er bis 1967 lebte und wo er bis zuletzt ein großes, graues Haus besaß, das an der Grenze zwischen dem anglofonen und dem frankofonen Montreal liegt. Auch der Fluss hat daher einen Namen: Sankt-Lorenz.

Mit vielen der Liedtexte Leonard Cohens kann man eine solche Philologie betreiben. Sie führt immer, vor allem bei den frühen Werken, nicht nur zurück in diese Stadt, sondern auch in eine bestimmte Zeit. Innerhalb von wenigen Jahren brach damals die seit Jahrhunderten bestehende Herrschaft der (ultramontan verfassten) katholischen Kirche über die französischsprachige Unterschicht der Provinz zusammen, während die Privilegien der anglofonen Oberschicht aufgebrochen wurden. Mitten in dieser "révolution tranquille" ("stillen Revolution") aber lebte eine große jüdische Gemeinde, zu der viele osteuropäische Einwanderer gehörten - und die sich lebenspraktisch an der Oberschicht orientierte, kulturell aber eher Gemeinsamkeiten mit den Katholiken aufwies. Nordamerikanisch war (und ist) diese kanadische Stadt nur bedingt. In dieser Zeit - es sind die Jahre, in denen Leonard Cohen, aus einer alteingesessenen jüdischen Familie stammend, die High School besuchte, an der Universität McGill studierte und sich als Schriftsteller zu etablieren suchte - muss Montreal für junge Intellektuelle eine Stadt von grenzenloser Offenheit gewesen sein. Das Blasphemische und wohl auch Obszöne, das zum Beispiel dem Text der Hymne "Hallelujah" zueignet (siehe dazu Allan Lights Buch: "The Holy or the Broken", New York 2012), entsteht aus diesem Zusammenhang - wie auch der Bezug zum Alten Testament, der sich oft in den Werken Leonard Cohens findet. Als Cohen in die USA zog, zuerst nach New York und später nach Los Angeles, nahm er diese Prägung mit sich, während sich daheim in Quebec ein frankofoner Nationalismus entwickelte, der zumindest einen Teil der Offenheit zurücknahm.

Leonard Cohens wichtigster Lehrer in Montréal war der Lyriker Irving Layton gewesen, aus Rumänien gebürtig und ein großer Bohemien. Über ihn sagte Cohen: "I taught him how to dress, he taught me how to live forever" - "ich lehrte ihn, wie man sich anzieht, er lehrte mich, wie man für immer lebt". Auch diesen Satz hätte es ohne das Montreal der Sechziger nicht gegeben.