Wissenschaft Keineswegs sicher

Die Ethnologin Inés de Castro wurde 1968 in Buenos Aires als Tochter deutschstämmiger Eltern geboren. Seit 2011 leitet sie das Stuttgarter Linden-Museum. Ihr Spezialgebiet sind die Maya.

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

Nimmt die Ethnologin Inés de Castro ein Angebot des Humboldt-Forums an? Die Leiterin des Stuttgarter Linden-Museums soll in dem umstrittenen Großprojekt angeblich Sammlungsdirektorin werden.

Von Jörg Häntzschel

Dass man wichtige Personalien durchsickern lässt, bevor die Verträge unterschrieben sind, kommt vor. Doch der Fall von Inés de Castro ist ungewöhnlich. Laut einer Meldung des Spiegel soll sie Sammlungsdirektorin im Humboldt-Forum werden - und damit in dem umstrittenen nationalen Großprojekt eine Schlüsselrolle einnehmen. Bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) bestätigte man die Ernennung am Wochenende nur hinter vorgehaltener Hand - rühmte de Castro aber schon als ideale Besetzung. Am Montag erklärte eine SPK-Sprecherin dann auch offiziell, man habe sich auf sie geeinigt.

Das sollte sich durchaus so anhören, als sei ihre Berufung beschlossene Sache. De Castro selbst hingegen sagte der SZ, die Verhandlungen stünden "ganz am Anfang". Sie sei sich "keineswegs sicher", ob sie die "im Prinzip sehr spannende" Stelle, für die sie sich nicht beworben habe, sondern die ihr angeboten wurde, auch annehmen werde.

Dass die Entscheidung für de Castro verfrüht lanciert wurde, hat sicher nichts mit ihrer Person zu tun. Die 1968 in Buenos Aires geborene Ethnologin hat tadellose wissenschaftliche Referenzen. Sowohl beim Stuttgarter Lindenmuseum, das sie seit 2011 leitet, als auch zuvor in Hildesheim, war sie sehr erfolgreich. Andererseits ist sie im Zuge der Neuausrichtung der Ethnologischen Museen auch nicht durch grundstürzende Ideen aufgefallen. "Sie macht alles richtig, sie eckt nicht an", so ein Kollege.

In der Kolonialismusdebatte hat sie sich bisher kaum zu Wort gemeldet, dafür ist sie gemeinsam mit anderen Häusern an dem Projekt "Schwieriges Erbe" beteiligt, bei dem über den Umgang mit Objekten aus der Kolonialzeit nachgedacht und deren Provenienzen erforscht werden sollen. Viele aus der Disziplin sind schon erleichtert, dass der Job überhaupt an eine Frau von Fach gehen soll, das war keineswegs sicher.

Tatsächlich ist die geleakte Personalie durch den Krieg der Institutionen um die Hoheit über das Humboldt-Forum zu erklären. Formell soll de Castro Nachfolgerin von Viola König werden, der Direktorin des Berliner Ethnologischen Museums, die eben in den Ruhestand ging. Im Herbst soll sie dann auch die Stelle von Klaas Ruitenbeek übernehmen, der als Direktor des Museums für Asiatische Kunst ausscheidet. Weil beide Dahlemer Häuser aber von 2019 an im Humboldt-Forum aufgehen und ihre Eigenständigkeit großenteils verlieren werden, behalf man sich für die Nachfolge mit dem Titel "Sammlungsdirektor/in".

Wie weit deren Zuständigkeit aber reicht, ist noch unklar. Denn eigentlich soll für die Ausstellungen ja der Intendant verantwortlich sein, nach dem ebenfalls gerade gesucht wird. Doch während die Sammlungsdirektorin bei der SPK angestellt ist, die im Humboldt-Forum zwei der drei Ausstellungsgeschosse bespielt, wird die Intendantenstelle bei der Schlossstiftung angesiedelt.

Um Dauerkonflikte zwischen diesen beiden sehr ungleichen Institutionen zu vermeiden und das von Kulturstaatsministerin Monika Grütters gewünschte "Haus aus einem Guss" zu garantieren, soll die Sammlungsdirektorin mittels eines zweiten Vertrags über eine "Nebentätigkeit" für die Schlossstiftung beim Intendanten angeleint werden. Die Sammlungsdirektorin wird im Zentrum der Machtkämpfe stehen. Die Schizophrenie ist in der Konstruktion ihrer Stelle schon angelegt.

Unabhängig von dieser Personalie informierte die Schlossstiftung am Montag bei eine Pressekonferenz über den Stand des Projekts. Bauvorstand Hans-Dieter Hegner erklärte, man sei im Zeit- und Kostenplan; das Schloss, wenn auch wohl nicht alle Ausstellungen, werde 2019 eröffnet. Stiftungschef Johannes Wien berichtete, von den 105 Millionen an privaten Spenden, die für die Fassadenrekonstruktion eingeplant sind, seien erst 70 gesammelt worden. Trotz der erlahmten Spendenfreude rechnet man weiterhin mit riesigem Publikumsinteresse. Drei bis vier Millionen Menschen sollen jährlich kommen, etwa so viele Besucher also, wie 2016 alle zwanzig staatlichen Museen Berlins zusammen hatten.