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Wie politisch ist K-Pop?:Haltung ist gefährlich

December 6, 2019, Los Angeles, California, U.S: JIN, SUGA, J-HOPE, RM, JIMIN, V and JUNGKOOK of Korean K-Pop band BTS du

BTS, hier bei einem Auftritt in Los Angeles, ist nicht nur die bekannteste K-Pop-Band, sondern auch eine der wenigen, die es wagt, politisch Stellung zu beziehen.

(Foto: imago images/ZUMA Press)

Seit K-Pop-Fans den Auftritt von Präsident Trump in Oklahoma sabotiert haben, gelten sie plötzlich als subversiv. Der K-Pop selbst aber scheut nichts so sehr wie ideologische Festlegung.

Von Thomas Hahn

Manche Medien in den USA staunen dieser Tage über die politische Kraft des K-Pop. Es war zwar bekannt, dass die internationale Fangemeinde südkoreanischer Girl- oder Boy-Bands soziale Netzwerke systematisch im Dienste ihrer Lieblinge nutzt. Mit Online-Lawinen und wohl auch mit Manipulationstechniken tragen die Fans dazu bei, dass Gruppen wie BTS oder Blackpink ausverkaufte Konzerte und mächtige Chart-Erfolge auf der ganzen Welt verzeichnen.

Aber dieses "lose Kollektiv von digitalen Kriegern", wie die New York Times die K-Pop-Liebhaber nennt, hat zuletzt nicht nur die Musik ihrer Wahl unterstützt. Nach der tödlichen Polizeigewalt gegen George Floyd in Minneapolis engagierte es sich in der "Black Lives Matter"-Bewegung und gegen US-Präsident Donald Trump. K-Pop-Fans enterten rassistische Hashtags und verstopften Polizei-Apps mit Videos. Sie halfen auch mit, Trumps Wahlkampfauftakt in Oklahoma zu boykottieren, indem sie massenweise Tickets reservierten, ohne sie zu nutzen.

Sabotage ist kein ehrenwertes Mittel der demokratischen Auseinandersetzung. Und strenge Beobachter halten die K-Pop-Enthusiasten für eine eher unzuverlässige moralische Instanz - auch wenn sie sich diesmal für Menschenrechte einsetzen. Trotzdem: K-Pop wirkt plötzlich wie das Medium eines Aufstandes für Freiheit und Gleichheit. Zu erleben ist die digitale Rebellion einer Jugend, die so modern und weltoffen ist, dass sie sich für die Performance-Kunst aus dem fernöstlichen Hightech-Tigerstaat Südkorea begeistert. K-Pop als Statement, als Subkultur mit Haltung. Das ist interessant. Denn im Herkunftsland ist K-Pop etwas ganz anderes.

"BTS", die berühmteste Boyband des Landes, ermutigt die Jugend zur Selbstverwirklichung

K-Pop ist in Südkorea Massenkultur. Ein kommerzielles Gewerbe, das sich in den vergangenen 20, 25 Jahren zu einer nationalen Großindustrie entwickelt hat. Produktionsfirmen fertigen Stars und Hits nach bewährten Mustern. Die Kunst, die dabei herauskommt, ist nicht grundsätzlich schlecht. Die tänzerischen Darbietungen strahlen eine nahtlose Perfektion aus, es singen echte Talente. Und vor allem BTS, die derzeit berühmteste Boy-Band des Landes, hat sich als Gruppe mit Botschaft hervorgetan. Ihre "Love Yourself"-Tour setzte Zeichen mit ermutigenden Texten zur Selbstverwirklichung - gerade für Südkoreas Jugend, die traditionell mit den Erwartungen der Elterngeneration zu kämpfen hat. Mit Verweis auf "Black Lives Matter" twitterte BTS zuletzt: "Wir stehen gegen Rassendiskriminierung." Auch andere K-Pop-Größen haben Stellung gegen Rassismus bezogen.

Aber selbst mit großem Wohlwollen kann man nicht übersehen, dass Vielfalt und kreative Tiefe nicht zu den größten Stärken der K-Pop-Industrie zählen. Die verschiedenen Gruppen sehen sich oft sehr ähnlich: Lauter schlanke, makellos geschminkte Spitzenperformer mit bunten Haaren in lässiger Mode sind am Werk - als gäbe es einen festen Standard für die richtige K-Pop-Performance. Haltungen zu politischen und sozialen Themen gehören selten zum Programm. Sie gelten sogar als gefährlich fürs Geschäft.

"K-Pop ist ein Genre des Mainstreams in Korea", sagt Lee Gyu-tag, Professor für kulturelle Anthropologie an der George Mason University Korea, in der Korea Times, "sehr viel Kapital und Personal ist dafür aufgebracht worden. Deshalb wollen die Sänger und Labels jedes Risiko vermeiden, das sie negativ beeinflussen könnte."

Die Zeiten autoritärer Herrschaft sind in Südkorea noch nicht sehr lange her. Vor der Pandemie herrschte deshalb ein reges und oft sehr lautes Demonstrationsgeschehen auf den Straßen der Hauptstadt Seoul. Die Stars des K-Pop hingegen halten sich raus. Ihre Angst ist zu groß, den Zorn der Internetgemeinde auf sich zu ziehen. "Wenn sie sich auf eine Seite schlagen bei einem bestimmten sozialen und politischen Thema - national oder international -, kann das zu einer Reaktion der Gegenseite führen, und sie können Online-Trollen zum Opfer fallen", sagt Lee Gyu-tag.

Die großen Produktionsfirmen denken nicht weiter als bis zum nächsten Erfolg

Es gibt mahnende Beispiele: Die Suizide der K-Pop-Sängerinnen Sulli und Goo Hara im vergangenen Jahr waren laut Medienberichten eine Folge heftiger Internet-Anfeindungen. Sulli hatte eine feministische Kampagne gewagt, Goo Hara sich zu einer Schönheitsoperation bekannt.

Charakter als Wagnis - das ist die Wirklichkeit des K-Pop in Südkorea. Die jüngsten Anti-Rassismus-Aktionen, die den Fans zugeschrieben werden, kommen deshalb sicher nicht von dort. Die K-Pop-Forscherin CedarBough Saeji sagte in der New York Times: "Das sind Amerikaner."

Der Zwang zu gefallen führt dazu, dass man von außen kaum sagen kann, auf welcher Seite der Gesellschaft die Vertreter der K-Pop-Industrie stehen. Haben sie etwas zu sagen über die Themen der Zeit, Klimawandel, Rassismus, Gleichstellung? Haben sie wenigstens eine Haltung zu den Themen, die sie direkt betreffen? Zu den Auswüchsen ihres Geschäfts? Den Denkverboten? Dem Verschleiß der Talente?

Vor allem die großen Produktionsfirmen denken wohl nicht viel weiter als bis zum nächsten Erfolg. Der Trend zum Kinderstar nährt diesen Verdacht. Entertainmentfirmen stellen K-Pop-Gruppen aus Neun- bis 14-Jährigen zusammen. Sie singen über das erste Verliebtsein und Schulstress. Aber sie tanzen wie Erwachsene und sind geschminkt wie Erwachsene. Bands wie Little Cheer Girls oder Vitamin haben offenbar schon einträgliche Erfolge. Der Popkultur-Kritiker Kim Hern-sik sagt: "Im Vergleich zu anderen Ländern tendiert Korea weniger dazu, auf Themen zu achten, die mit der Kommerzialisierung von Kindern zu tun haben." Es ist im Tigerstaat eben riskant, eine Meinung gegen das Geldverdienen zu haben.

© SZ vom 26.06.2020
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