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Weltgeschichte der Grenzen:Bis hierher

Alexander Demandt: Grenzen. Geschichte und Gegenwart. Propyläen Verlag, Berlin 2020. 656 Seiten, 28 Euro.

Vom Sündenfall zu Angela Merkel, von der Gartenhecke bis zum Föderalismus: Alexander Demandt erzählt eine Weltgeschichte der Grenzen.

Von Johan Schloemann

Es gibt Grenzen. Das ist, falls jemand eine ganz kurze Zusammenfassung braucht, die Botschaft des neuen Buches von Alexander Demandt. Wer Grenzen als willkürlich, unmenschlich oder einfach nur lästig empfindet, erfährt von dem Alt- und Universalhistoriker etwas anderes: Sie gehören nicht nur notwendig zur Realpolitik, sondern zum Wesen menschlicher Kultur. Von Adam und Eva bis zu Angela Merkel. Von der Gartenhecke bis zum Föderalismus.

"Die sachliche Begrenztheit des Lebens", so Alexander Demandt, "beherrscht alles Handeln. Durch räumliche Grenzen ist das Einzelleben wie das Zusammenleben geprägt. Das gilt für den Familien- und Sippenverband, gilt für Eigentum und Landbesitz, gilt für Kommunen, Staaten und Einflusszonen." Denn: "Alles endet irgendwo, irgendwann, irgendwie." Durch Grenzen aller Art "entstehen Individualität und Identität", und einen überschaubaren Geltungsbereich brauche auch das Recht, "das den Egoismus begrenzt".

Ist Demandt also einfach ein Fan von Grenzen? Nein, er weiß, dass sie ebenso Frieden wie Krieg bringen können. "Sie schlichten alten Streit und wecken neuen." Grenzen haben in der Geschichte schlimme "Säuberungen" provoziert und mit dem kolonialen Lineal Unterdrückung organisiert. Als weltweiser, 83-jähriger Gelehrter schaut Alexander Demandt entsprechend auf zwei verschiedene Ursprungserzählungen. In der biblischen Schöpfungsgeschichte beenden Grenzziehungen erst einmal das Chaos: Gott setzt "Scheidewände" zwischen Licht und Finsternis, Land und Meer - und die beiden ersten Menschen werden nach dem Sündenfall aus dem Paradies vertrieben, das dann die Cherubim als "bewaffnete Grenzwächter" versperren. Die andere Erzählung ist die von Jean-Jacques Rousseau: Die Abgrenzung von Eigentum im Zuge der Sesshaftigkeit war die eigentliche Ursünde, die einen angeblich glücklichen Urzustand beendete und die bürgerliche Gesellschaft begründete. Das war immer wieder Stoff für kulturkritische und sozialistische Hoffungen auf eine "Rückkehr" zu einer Welt ohne Privateigentum.

Die frühesten Grenzen, die archäologisch bezeugt sind, sind die Stadtmauern der altorientalischen Kultur, in Jericho, Assur, Niniveh. Mauern und Stadttore aus dem Mittelalter stehen heute immer noch in manchen unserer Städte herum - wenn man fürchtete, nicht rechtzeitig vor der abendlichen Schließung des Tores in die Stadt zu kommen, bekam man "Torschlusspanik". In den frühen sumerischen Schriftzeugnissen aus dem dritten vorchristlichen Jahrtausend findet sich eine Nachricht über einen Krieg und eine nachfolgende Grenzziehung in der Nähe von Babylon. Beim römischen Dichter Ovid wird der Grenzgott Terminus besungen: "Du umgrenzt die Völker und Städte und riesigen Reiche, / Ohne dich gäbe es nur ewige Zwietracht um Ackerland." Im ältesten Rechtskodex der Römer, dem Zwölftafelgesetz, gibt es einen eigenen Abschnitt über Grundstücksgrenzen. Da ist auch schon, wie in einem typisch deutschen Nachbarschaftsstreit, geregelt, wem die Früchte gehören, die von einem Baum fallen, der an der Grenze zum nächsten Garten steht. (Sie gehören dem, auf dessen Grundstück sie fallen.)

"Es geht um Land, um Macht, um Geld."

Bis hierher und nicht weiter: Von einem Buch über Grenzen kann man erwarten, gut organisiert zu sein. Und so ist es hier auch. Zunächst wird die Grenze als Kategorie ganz grundsätzlich beschritten: in Raum und Zeit. Im Räumlichen muss man von geometrischen und geologischen Gegebenheiten ausgehen, also natürlichen oder evolutionär bedingten Grenzen: Da gibt es Engpässe, Land- und Meerengen, Berge, aber auch biologische Reviere, Arten- und Stammesgrenzen. Übergänge und Schwellen sorgen für Austausch und Konflikte. Der Kosmos stellt die alte Frage nach den Grenzen der Welt: unendlich oder nicht? Der Raum wächst, die Physik schaut auf Anfangs- und Endpunkte, vom Urknall bis zum Wärmetod. Ob religiös oder nicht, der Blick in die großen Zusammenhänge zeigt die "Grenzen der Menschheit" (ein Gedicht von Goethe). Bei den Menschen finden sich auch lauter abstrakte Grenzen, in der Ethik, in der Ökonomie oder zwischen Fachdisziplinen. "Definieren" heißt eingrenzen. Sprach-, Kultur- und Konfessionsgrenzen sind oft nicht mit den politischen identisch, obwohl man das immer wieder angestrebt hat: Es gibt heute etwa 5000 lebende Sprachen, aber nur 200 Staaten.

Der restliche Teil des Buches ist chronologisch und geografisch geordnet. Alexander Demandt untersucht die alten Hochkulturen, die Germanen, das Mittelalter, die gesamte globale Neuzeit von der Kolonialisierung bis zum Mauerfall - bis hin zur heutigen europäischen Migrationspolitik, da heißt es dann: "Der Historiker übergibt den Stab dem Politiker." Demandts Buch ("bis auf weiteres" sein letztes, schreibt er im Vorwort) reicht von der Chinesischen Mauer bis zum Schengenraum. Zum Lesen ist das eine gemischte Erfahrung: mal steckt man in einer veritablen Weltgeschichte anhand der Grenzfrage, mal in einem Kompendium.

Die Orts- und Quellenkenntnis des Autors produziert spannende Geschichten, aber auch Katalogartiges. Der globalhistorische Durchgang durch die Kontinente, zwischen Dagestan, Himalaya und Kapverdischen Inseln, klingt manchmal ein wenig nach Karl May, manchmal wie die Prosa eines nüchternen Weltherrschers, der die Karten an der Wand mit kleinen Fähnchen absteckt. Tatsächlich sind auch, zum Glück, im Anhang des Buches viele Karten abgedruckt. Denn die Geschichte der Grenzziehung ist auch eine der Kartografie: Mit der Abgrenzung und dem gleichzeitigem Expansionsdrang der Nationalstaaten seit der frühen Neuzeit werden auch die Karten präziser. "Es geht um Land, um Macht, um Geld", schreibt Demandt.

Auch die deutsche Kleinstaaterei hat noch Folgen - bis zu den diversen Corona-Regeln

Der Historiker ist ein Kenner der Spätantike, daher lernt man besonders von seinem Blick auf das Bilden und Zerfallen von Reichen. Die Reichsidee behauptet ideologisch Grenzenlosigkeit, während sich realpolitisch die Superherrscher wie Alexander, Augustus, Napoleon dann doch immer wieder von den Rändern zurückziehen mussten. Imperial overstretch nennt man das, die Grenzpunkte heißen dann Ganges, Limes oder auch Stalingrad oder Kabul. Interessant ist auch, wie sich die deutsch-französische Grenze mit der Entwicklung des Frankenreichs langsam herausbildete. Aber "klassische" Grenzkonflikte sind heute keineswegs nur Geschichte: man schaue nach Brexit-Nordirland, Berg-Karabach, Israel-Palästina oder auf den Streit um Seegrenzen zwischen Griechenland und Türkei. Auch die deutsche Kleinstaaterei hat noch Folgen - bis zu den diversen Corona-Regeln gerade.

Dass die Welt heute wirtschaftlich, kommunikativ, kulturell zur Entgrenzung neigt, ist auch Alexander Demandt nicht entgangen. Aber gegen Globalisierung und Digitalisierung stehen neue Verhärtungen. Angela Merkels Grenzöffnung 2015 findet Demandt verantwortungslos; aus der Geschichte erfährt man von ihm auch viel über Durchlässigkeit und Vorläufigkeit von Grenzen. Doch als Historiker darf er angesichts von Wohlstandsgefälle, Flucht und Migration mit einer Aporie enden: "Die Antwort sind neue Zäune, Gitter und Mauern in aller Welt, die innen Sicherheit bezwecken und außen Enttäuschung erzeugen. Was soll daraus werden?"

© SZ vom 13.10.2020

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