Literatur-Kolume:Was lesen Sie?

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Literatur-Kolume: "Nicht vom Ergebnis her schreiben, sondern sich selbst die Frage ausbuchstabieren", die Schriftstellerin Eva Menasse glaubt an literarische Unbestechlichkeit.

"Nicht vom Ergebnis her schreiben, sondern sich selbst die Frage ausbuchstabieren", die Schriftstellerin Eva Menasse glaubt an literarische Unbestechlichkeit.

(Foto: Friedrich Bungert)

In unserer Interviewkolumne fragen wir Autoren und Autorinnen nach ihrer aktuellen Lektüre. In dieser Folge: Eva Menasse.

Von Miryam Schellbach

Eva Menasse machte sich als Journalistin einen Namen und sattelte dann um zur Romanautorin. Ihr aktueller Roman, "Dunkelblum" erzählt von historischer Schuld und davon, wie die Bewohner einer österreichischen Grenzstadt diese Schuld mit Schweigen umgeben.

SZ: Was lesen Sie gerade?

Eva Menasse: "Der nichtjüdische Jude" von Isaac Deutscher, ein hintersinniges Geburtstagsgeschenk meiner Freundin Susan Neiman. Ich lese sehr langsam, um alles zu verstehen und aufzunehmen, es ist (auch) ein Lehrbuch des geradlinigen Denkens, atemberaubend in seiner sprachlichen Klarheit und seinem gedanklichen Reichtum. Aus jeder Zeile, jedem Gedanken könnte ein weiterer Essay herauswachsen, man sieht fast die Knospen. Beim Lesen fühle ich mich gleichzeitig dumm und reich beschenkt, was ja ein idealer Zustand ist.

Was ist das letzte richtig gute Buch, das Sie gelesen haben?

Mir fallen oft ältere Bücher in die Hand, ich lese selten Neuerscheinungen. So richtig begeistert hat mich vor einer Weile "Writers & Lovers" von Lily King. Ich musste so viel lachen über die schreibenden Männer und ihre typische Art, ganz ohne es zu merken mit Kolleginnen trampelhaft umzugehen. Ein sehr witziges und wahres Buch, nur der Schluss war leider viel zu kitschig.

Welches Buch gehört verboten?

Ich kann mir keines denken. Noch aus dem verbotensten Buch könnte man wohl irgendetwas lernen.

Welchen Klassiker haben Sie viel zu spät im Leben gelesen?

"Deutschstunde" von Siegfried Lenz. Ich glaube, ich habe die Norddeutschen, ihre verpanzerte Ehrpusseligkeit, ihre - uns Süddeutsche so oft verstörende - Wortkargheit und die Schönheit von nicht ausgesprochenen Sätzen überhaupt erst da verstanden. Von der erzählerischen Wucht und den menschlichen Dramen ganz abgesehen, für die das Buch ja berühmt ist.

Welches Buch hassen Sie, schätzen aber den Autor?

Ich liebe Heimito von Doderer sehr, ich habe unglaublich viel von ihm gelernt, bilde ich mir zumindest ein, aber "Die erleuchteten Fenster oder Die Menschwerdung des Amtsrates Julius Zihal" kann ich nicht lesen, immer wieder versucht. Grauenhaft. Ausgerechnet dieses Buch ist in Japan sein bekanntestes und beliebtestes. Da mir auch Japan, natürlich aus Unkenntnis, ziemlich rätselhaft ist, scheint zumindest das zu passen.

Welches Buch haben Sie nur zu Dekorationszwecken?

"Die Fackel" von Karl Kraus in gefühlt tausend Bänden. Hat mir mal jemand geschenkt, billig vom Flohmarkt. Der meinte, ich würde mich darüber freuen. Nimmt viel Platz, zieht Staub an wie sonst nur vergammelte Schnapspralinen, aber bisher schaffe ich es nicht, es wieder in den Flohmarktkreislauf zurückzuspeisen. Gelehrte Männer auf Besuch sind manchmal hinreichend beeindruckt davon, dass es da steht. Meine wahren Freunde lachen.

Ein Buch, das Sie heute nicht mehr schreiben würden?

Der Titel meines ersten Essaybands klingt leider inzwischen völlig daneben. Im Jahr 2015 war "Lieber aufgeregt als abgeklärt" noch lustig, heute ist es eher peinlich. Alle sind doch so aufgeregt, die ganz Welt ein Aufgeregtheitswettbewerb. Diskursives Zen wäre die Errungenschaft der Stunde. Wie verdammt schnell das manchmal geht, wie Modenamen bei Kindern, die zehn Jahre später schamhaft abgekürzt werden.

Als Sie 2019 den Ludwig-Börne-Preis für Ihre journalistischen Arbeiten bekamen, wurde die Unbestechlichkeit Ihrer Texte hervorgehoben. Gibt es auch literarische Unbestechlichkeit?

Ich glaube schon. Einer menschlichen Wahrheit verpflichtet zu sein, Menschen nicht schlechter und nicht besser zu zeichnen, als sie sind. Nichts um des Effekts oder der Mode willen zu schreiben, sondern um etwas zu erforschen, das man vorher nicht gewusst hat. Nicht vom Ergebnis her schreiben, sondern sich selbst die Frage ausbuchstabieren.

Sie sind Sprecherin des neu gegründeten PEN Berlin. Wie viel wollen Sie eigentlich mit anderen Schriftstellern und Schriftstellerinnen zu tun haben?

Ich würde sagen: Unter Schriftstellern ist die Verteilung von angenehm und verstockt, faszinierend und bösartig, todlangweilig und treuherzig auch nicht sehr anders als in der Restbevölkerung. Vielleicht sind nur die Extreme, die Ausschläge nach oben und unten, etwas heftiger. Das aber kenne ich lange genug, um damit umzugehen. Frau sein hilft übrigens auch. Wir lassen öfter das Geweih hinter uns in der Ecke stehen, müssen es nicht ständig aufsetzen.

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