Literatur-Kolumne:Was lesen Sie?

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Literatur-Kolumne: Der Frankfurter Philosoph Axel Honneth.

Der Frankfurter Philosoph Axel Honneth.

(Foto: imago stock&people)

In unserer Interviewkolumne fragen wir bekannte Persönlichkeiten nach ihrer aktuellen Lektüre. In dieser Folge: Axel Honneth.

Von Miryam Schellbach

Der 1949 in Essen geborene Sozialphilosoph Axel Honneth ist Professor an der Columbia University in New York und war von 2001 bis 2018 Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Als Anerkennungstheoretiker ist er einer der bekanntesten Vertreter der dritten Generation der Kritischen Theorie Frankfurter Prägung.

SZ: Was lesen Sie gerade?

Nachdem ich mit leichter Enttäuschung mal wieder einige aktuelle Romane gelesen habe, bin ich jetzt - das mag seltsam klingen - zu "Lotte in Weimar" zurückgekehrt, so wie man sich ab und zu alter Liebschaften erinnert - wovon der Roman von Thomas Mann dann ja auch handelt. Schon nach einigen Seiten war ich wieder hingerissen von der ironischen Distanz, die Thomas Mann herzustellen vermag.

Welches Buch haben Sie mit 15 sehr geschätzt?

Da habe ich vor allem Krimis verschlungen, alles aus der roten Reihe von Goldmann. Allerdings wünschte ich mir ab diesem Alter jedes Jahr zu Weihnachten den neuen Band der "Spectaculum"-Reihe von Suhrkamp und begann, Dramen zu lesen, vor allem amerikanische, alles, was damals gerade bei uns erschien, Arthur Miller, Tennessee Williams, Thornton Wilder, Eugene O'Neill - "Der Tod eines Handlungsreisenden" und "Eines langen Tages Reise in die Nacht" sind mir unvergesslich, wie das bei frühen Leseeindrücken häufig ist.

Was ist das letzte richtig gute Buch, das Sie gelesen haben?

Da gab es mehrere, alle habe ich vor nicht allzu langer Zeit gelesen und allen habe ich übel genommen, dass sie viel zu früh endeten: "Porträt des Meisters in mittleren Jahren" von Colm Tóibín, "Americanah" von Chimamanda Ngozi Adichie, "Alle, außer mir" von Francesca Melandri", die Kurzgeschichten von Alice Munro - und hätte ich eine Rangfolge zu erstellen, so würde der Tóibín auf dem ersten Platz stehen, dem es gelingt, Henry James zum Protagonisten eines Henry-James-Romans zu machen.

Bei welchem Buch haben Sie zuletzt geweint?

Da ich mich schnell zu Tränen hinreißen lasse, ist das gar nicht leicht zu sagen. Ich glaube, es war das Ende von "Far from the Madding Crowd" von Thomas Hardy, auf Deutsch "Am Rande der grünen Welt", ein Roman, der es im Übrigen in seinem Porträt der großartigen, vollkommen eigenständigen und selbstbewussten Protagonistin Bathsheba Everdene mit "Madame Bovary" oder "Anna Karenina" aufnehmen kann.

Sie leben die Hälfte des Jahres in New York City. Was ist der beste New-York-Roman?

Oh, da gibt es viele! Immer wieder "Manhattan Transfer" von John Dos Passos, aber auch die "New York Geschichten" von Dorothy Parker, die allerdings in jeder westlichen Metropole der 1930er-Jahre spielen könnten. Von den jüngeren Romanen habe ich besonders gerne die New-York-Trilogie von Paul Auster gelesen und, mehr noch, "City on Fire" von Garth Risk Hallberg. Auch den "Distelfink" von Donna Tartt habe ich mit Begeisterung gelesen - Sie sehen schon, die Liste ist kaum abschließbar!

... und was lesen Sie lieber, amerikanische oder deutsche Literatur?

Das geht ständig hin und her, mal bevorzuge ich über Monate hinweg deutschsprachige Romane, etwa die von Ulrich Peltzer, Ulrike Edschmid oder Arno Geiger - großartig fand ich "Unter der Drachenwand" -, dann wieder wende ich mich amerikanischen Romanen zu, weil sie weniger ambitioniert, direkter sind und doch bei aller vergleichsweisen Leichtigkeit existenzielle Schlüsselerfahrungen genauestens erschließen, etwa Richard Ford, Elizabeth Strout oder Kent Haruf.

Weitere Folgen der Interview-Kolumne lesen Sie hier.

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