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Vortrag:Krank vor Angst

Der Schriftsteller Sergej Lebedew, 1981 in Moskau geboren, ist in einem Land aufgewachsen, das furchtlos war. Heute aber herrscht überall Angst. Lebedew erkärt, warum das so ist und was das mit Präsident Wladimir Putin zu tun hat.

Von Sergej Lebedew

In dem Land, in dem ich geboren wurde, war Furchtlosigkeit ein unerschütterliches ideologisches Dogma, das sich wie ein roter Faden durch alle Bücher, Filme und Zeitungsartikel zog. Furchtlos waren die Soldaten der Roten Armee, die Untergrundkämpfer bei Folter, die Kosmonauten und Polarforscher, die einfachen Ingenieure bei der Bewältigung von Produktionsschwierigkeiten, die Pioniere und Mähdrescherfahrer, die Grenzschützer und Kolchosbauern. Das exaltierte Wörterbuch der Furchtlosigkeit, die synonymische Reihung von Epitheta im Lobgesang auf die Heldentaten war überaus reichhaltig. Die Sprache der Angst jedoch schien matt, gleichförmig, grotesk: blasses Gesicht, zitternde Hände ... Dabei gehörte die Herausforderung, sich Angst und Feigheit zu stellen, zu den Grundpfeilern der sowjetischen Kultur; die Überwindung von Angst sowie von allem, was belanglos, persönlich, alltäglich schien, war wie eine zweite Geburt, wie die Erlangung des wahrhaftigen, kommunistischen Bewusstseins.

Selbst der Körper des idealen sowjetischen Menschen, dessen Fleisch in den Metaphern von Literaten einen Ersatz durch Stahl, Stein und Beton fand, überwand die Physiologie der Angst und stieß sie von sich. Der reale sowjetische Mensch indes lebte anders. In der Stadt Inta im hohen Norden, wo es viele Straflager gab, sah ich, wie die Stalin-Bauten verfallen, wie Stuck und Zement zerbröseln. In Mauern und Balkonbrüstungen steckte anstatt des Betonstahls, an dem es wahrscheinlich gemangelt hatte, zu Bündeln gedrehter Stacheldraht. Angst, eine stachlige Angst war der "Betonstahl" der sowjetischen Zeit. Weil spätere sowjetische Generationen, die sich nicht mehr von Erschießung bedroht fühlten, sie nicht als Angst wahrnahmen, war sie umso langlebiger. So wie Schweigen zu Schweigsamkeit, wie eine Erscheinung zur Eigenschaft wird, so mutierte auch die Angst und drang in Bewusstsein und Sprache, wurde zur Gewohnheit, zum Charakterzug, beeinflusste Strategien und Lebensentscheidungen.

Russische Soldaten, die im Osten der Ukraine fallen, werden in anonymen Gräbern bestattet

Zwei Momente der russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts erscheinen im Gedächtnis in einem besonderen Licht. Es sind zwei Monate: der Februar 1917 und der August 1991. In vielen Memoiren werden diese beiden historischen Augenblicke mit ein und derselben emotionalen Optik beschrieben: Als hätten die Menschen ihre Fesseln gesprengt und seien vom Gefühl der Brüderlichkeit erfasst worden, einem Gefühl der Güte und der Zukunftshoffnung. Es waren zwei Momente der Erleuchtung in der russischen Geschichte, als die Angst verschwand und Russland die Freiheit erlangt zu haben schien.

Aber auf den Februar 1917 folgte im selben Jahr der Oktober mit seinem bolschewistischen Umsturz, und auf den August 1991 folgte der Oktober 1993, als Panzer während der Konfrontation zwischen Präsident Jelzin und dem Obersten Sowjet das Parlament in Beschuss nahmen. Zweimal innerhalb von hundert Jahren bezeichnete der Oktober im politischen Kalender Russlands eine Wende von der Freiheit zu einem autoritären Regime, von der Freude zurück zur Angst.

Heute ist mein Land krank vor Angst. Und wie ein ansteckend Kranker versucht es, Angst zu säen bei seinen Nachbarn. Ein Europa, das entzweit und geschwächt ist, dem es an einem Gefühl von politischer und menschlicher Solidarität mangelt, das sich in seinen Phobien verliert, ist für das Regime von Wladimir Putin äußerst vorteilhaft. Putin als politische Figur lebt von der Angst. In der späten Sowjetzeit war die Angst vor dem Staat rationalisiert und vorhersehbar. Das postsowjetische Russland, das einen wirtschaftlichen Kollaps, einen irrationalen und für die ehemaligen Bürger der UdSSR unbekannten Schrecken vor Terroranschlägen, vor der totalen Unbestimmtheit der Zukunft erlebte, begrüßte freudig den neuen Präsidenten, der Schutz, Ordnung und Stabilität versprach.

Putin, ein Abkömmling des Komitees für Staatssicherheit, einer repressiven sowjetischen Institution, scheint keine anderen Methoden des Regierens außer der Angst zu kennen. Es gibt viele Analytiker, die ihn für eine komplizierte Persönlichkeit halten, in seinem Vorgehen einen doppelten und dreifachen Boden suchen, anhand von Zeichen und Signalen, die vom russischen Präsidenten ausgehen, die Zukunft vorhersagen wollen. Aber Putin ist wohl auf nur einem Gebiet ein großer Meister - auf dem Gebiet der Angst. Und wie jeder andere Mensch, der den Wert von Vertrauen nicht kennt und isoliert ist von positiven und konstruktiven Emotionen, ist auch er selbst für Angst anfällig.

In Russland setzte eine politische Hysterie ein, als in der Ukraine das autoritäre Regime des russischen Günstlings Janukowitsch gestürzt wurde. Die sowjetischen Propagandaklischees wurden aus dem Müllhaufen der Geschichte gezogen, die widerständigen Ukrainer als Faschisten bezeichnet, als Hauptübel des vergangenen Jahrhunderts. Ich denke, die russische Führung wurde damals aufgeschreckt. Aufgeschreckt von Ukrainern, die zum Maidan hinausgingen, dem Kugelhagel standhielten und nicht zurückwichen. Aufgeschreckt davon, dass Ukrainer sich als fähig zeigten, ihre Angst zu überwinden, und damit die russische Macht ihres einzigen Mittels zur Einflussnahme beraubten.

Heute bekommen ukrainische politische Häftlinge wie der Filmregisseur Oleh Senzow und der Aktivist Oleksandr Koltschenko, die rechtswidrig in Russland festgehalten werden, Haftstrafen von einer Dauer, wie sie in der Stalinzeit für politische Arrestanten üblich war - zehn, zwanzig Jahre. Die offiziellen Medien kosten jeden Misserfolg, jedes Scheitern der Ukraine aus. Russische Truppen sind auf die ukrainische Krim marschiert. Im Osten der Ukraine läuft ein Krieg, den Russland angezettelt hat und der de facto von russischen Einheiten, russischen Söldnern und den Geheimdiensten geführt wird. Die russische Gesellschaft indes zeigt sich als unfähig zur Gegenwehr. Die Angst davor, Aggression, Krieg und Gemeinheit als solche zu benennen und damit in der Minderheit zu sein, bringt sogar viele Oppositionelle dazu, eine listige Zwischenposition zu wählen und sich der moralischen Verantwortung zu entziehen, die Bürger für die Verbrechen ihres Staates tragen sollen. Aber auch die Anhänger von Putins Politik sind keineswegs frei von Angst. Russische Soldaten, die im Osten der Ukraine fallen, werden in anonymen Gräbern bestattet, und ihren Verwandten ist es verboten, die wahren Umstände ihres Todes öffentlich zu benennen. Es zerfallen die Moral, die Vorstellungen über Gut und Böse, über Anstand und Unanständigkeit.

Russland investiert in die Angst, indem es rechtsextreme Parteien in Europa unterstützt

Und wie Zeichen des Zerfalls, Symbole bereits vergangener kultureller Katastrophen, kehren aus dem vermeintlichen Nichts sowjetische Mythen zurück, unter ihnen das schnurrbärtige Ungeheuer Stalin, dessen Büste an der Kreml-Mauer an den Jahrestagen seiner unheilvollen Geburt mittlerweile in roten Blumen versinkt. Der Verlust des historischen Gedächtnisses vollzieht sich nicht von allein, er ist Symptom eines moralischen Verfalls und der Schande. Hier sieht man nicht einfach nur den Wunsch, die Vergangenheit zu rechtfertigen, nostalgisch umzuformen, sich in ihr einzurichten, sondern auch mithilfe der Vergangenheit die Verbrechen der Gegenwart zu rechtfertigen und als historisch sinnvoll, gerecht und sogar großartig hinzustellen.

Russland ist wieder auf dem unheilvollen sowjetischen Weg, dem Weg der äußeren und inneren Aggression, der Feinde sowohl außerhalb des Landes wie im Nachbarhaus vermutet. Russland investiert in die Angst, indem es rechtsextreme Parteien in Europa unterstützt, bei denen die Ausbeutung nationalistischer Phobien auf der Tagesordnung steht; indem es Konflikte provoziert, eine vergiftete Atmosphäre der Animosität schafft, Opponenten dazu zwingt, sich zu einer feindseligen Ausdrucksweise herabzulassen.

Zum einhundertsten Mal jährt sich der Tag des Oktoberumsturzes 1917, ohne dass Russland die Opfer des Kommunismus beweint und die Verantwortung für all das Übel übernimmt, das auf eigenem und fremden Boden während des langen 20. Jahrhunderts begangen wurde. Es bekennt sich nicht zu den Ängsten vieler Generationen, gesteht seine Schuld nicht ein. Und das macht wirklich Angst, denn so wird aus dem Übel der Vergangenheit das Übel von heute - was doppelt gefährlich ist, weil es ungestraft blieb.

Sergej Lebedew wurde 1981 in Moskau geboren. 2015 erschien sein Roman "Menschen im August" (S. Fischer). Er hielt diesen Vortrag im Rahmen der 9. Europäischen Literaturtage in der Wachau, die an diesem Sonntag zu Ende gingen. Aus dem Russischen von Franziska Zwerg

© SZ vom 20.11.2017

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