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Vorschlag-Hammer:Rückblickender Gehorsam

Früher waren es einfach nur Passionsspiele. Heute wird dafür schon zu Weihnachten am roten Teppich vorgeglüht...

Die heiße Phase beginnt! So heißt es in einer Pressemitteilung aus Berlin Oberammergau betreffend. Nicht aber, dass man in der Bundeshauptstadt den Wintereinbruch in dem "traditionellen Holzschnitzort" ignoriert. Nein, wir "Celebrity"-Reporter sollen uns nur bitteschön jetzt - "Save the date!" - den 16. Mai 2020 rot im Kalender anstreichen für die "Berichterstattung vom Red Carpet". Dann sei nämlich Premiere eines ganz besonderen Ereignisses, das nur alle zehn Jahre stattfinde: die Passionsspiele. Wissen wir längst. Bereits an diesem Samstag sind Journalisten zur ersten Leseprobe des von Christian Stückl just überarbeiteten Textes mit allen Sprechrollenträgern gebeten. "Heiß" ist da pure Untertreibung, zumal mit Frederik Mayet einer der beiden Jesusse himself moderiert.

Bevor also der Gottessohn am 24. Dezember geboren wird, proben die Oberammergauer bereits dessen Kreuzigung. Das ist das Dilemma dieser Tage: Wir blicken zurück und schauen voraus. Die Kultur ist im Vorauseilen besonders gehorsam: Gerade kündigten La Brass Banda und Seiler & Speer auf einer Pressekonferenz ihren Olympiahallen-Doppelauftritt in einem Jahr an (12.12.); heute darf ich Kerstin Ott ("Die immer lacht") interviewen, ihr Konzert folgt am 6. Dezember 2020 - und wer weiß, ob uns in der Zwischenzeit nicht das Lachen vergeht. Apropos: Lustig war schon mal Helge Schneiders Herumkaspern vor Medienvertretern im Vereinsheim, wobei er offensichtlich spontan sein neues Programm "Die Wiederkehr des blaugrünen Smaragdkäfers" (28. bis 30. Mai, Circus Krone) am Piano zusammensponn - das Album, sagte der Jazz-Komiker, der Willy Milowitsch immer ähnlicher sieht, komme dann Ende nächsten Jahres. Noch länger muss man auf seinen Kollegen Otto Waalkes in der Olympiahalle warten: bis zum 12. Oktober - 2021 wohlgemerkt.

Darum einige gegenwärtige Tipps als Anker im Zeitstrudel: Die Tukan-Preisverleihung an Herbert Kapfer im Literaturhaus (17.12.), wo der Autor mit seinem Buch "1919" hundert Jahre zurückblickt. Die Weihnachtskonzerte von Claudia Koreck (etwa am 14.12., Carl-Orff-Saal), deren Soul-Christmas-Album vom Vorjahr das Zeitloseste, Berührendste ist, das man in dem Genre hören kann. Der Kampf der kleinen Momo im Gärtnerplatztheater gegen die grauen Zeitdiebe (ab 10.12.). Und die Nachricht, dass Till Brönner "Krawattenmann des Jahres" ist. Er trompetet zwar erst im Mai in die Philharmonie, stehe aber laut Laudatio dafür, dass es "in einer Zeit scheinbarer Beliebigkeit, in der alles möglich scheint, mehr denn je um die Vermittlung von Verlässlichkeit und persönlicher Kontinuität auf der Basis beispielhafter Werte" gehe. Damit lag schon Jesus richtig.