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Vorschlag-Hammer:Der letzte Schnee

Skifahren in der Schweiz, umgeben von sehr viel Schnee, das Auto für ein paar Tage unten im Tal und oben im Dörfli der reinste Winterzauber. Und dann auch noch der passende Roman dazu: "Der letzte Schnee" von Arno Camenisch

Es mag ein wenig seltsam sein, umgeben von sehr viel Schnee einen kleinen, feinen Roman über dessen Verschwinden zu lesen. Das kam so: Ich war gerade eine Woche beim Skifahren, im Berner Oberland, an einem Ort, der der reine Zauber ist. Im Tal lässt man sein Auto stehen - noch besser wäre es, gleich mit der Bahn anzureisen. In der Schweiz funktioniert das, anders als in Deutschland. Nun gut, wir waren nun einmal mit dem Auto da, dieses lässt man dann im Tal und fährt mit der Seilbahn in das Dörfli hinauf. Vor vielen Jahren wurden dort allerlei Dinge erfunden, die ersten Skirennen und die ersten Skischuhe, drei, vier Hotels künden noch von der Aufbruchszeit des alpinen Wintertourismus', eines schaut noch so aus wie vor 100 Jahren, und in diesem wohnten wir. Es liegt mitten im Ort, und wenn man von den Gipfeln zurückkehrt, fährt man einfach auf den Straßen durchs Dorf bis in den Skikeller des Hotels hinab. Bevor man die Kellertreppe hinunterrattert, ruft man dem lustigen Kellner an der Bar vor dem Hotel noch zu, dass man gleich wieder aus den Eingeweiden des Hotels zum Vorschein käme und man dann die Konsumation eines Glühweins sehr begrüßen würde.

Das war also der Skifahrteil des Aufenthalts, dem mit einem Föhnsturm und dem darauffolgenden Schneefall ein Ende gesetzt wurde. Manche können bei einem halben Meter Neuschnee skifahren, ich nicht. Aber der Zauber des Ortes erhöhte sich abermals. Nun sah man aus den Fenstern des wohlig verschlafenen Jugendstilsalons nur noch Weiß, so dass es mir angeraten schien, zu dem Buch zu greifen, das mir die geliebte Gefährtin in den Urlaub mitgebracht hatte. Es heißt Der letzte Schnee und stammt von Arno Camenisch. Es handelt von zwei Herren, die jeden Tag einen Schlepplift betreuen, zu dem kein Mensch mehr kommt. Der eine der beiden ist emsig, füllt jeden Tag das Berichtjournal aus, in das es nichts einzutragen gibt, er schraubt ein bisschen an den Bügeln herum oder räumt den (letzten) Schnee vom Dach das Lifthäuschens. Der andere erzählt. Von Lieben, die kamen, gingen oder blieben, von Toten im Dorf, davon, wie sich alles verändert. Dieses Erzählen ist wie das Licht im Hochgebirge im Winter, wenn der Winde den neuen, feinen Pulverschnee aufbläst und die Sonne durch das weißstaubige Gespinst scheint. Die Sprache hat nichts Larmoyantes, obwohl in ihr vom Verschwinden berichtet wird, gegen dass die beiden Herren mit ihrer unaufgeregten Eigenart einfach anleben, ohne daraus ein Brimborium zu machen. Das ist herrlich schön.