"Vor dem Fest" von Saša Stanišić:Ein listiger Autor

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Aus einer Recherche entsteht aber nicht schon die Form einer Erzählung. Wie die Suche nach dieser Form, nach dem Ton des Romans ausgegangen ist, zeigen die zitierten ersten Sätze. Darin tritt die Figur auf, die Stanišić neu entwickelt hat: das "Wir", der kollektive Erzähler. Dieses "Wir" ist anonym und sehr geräumig, es ist die Stimme des Dorfes selbst, ein Chor, den es aus der Bühne in die Prosa verschlagen hat, ein vielstimmiges Wesen, das schon viel gesehen hat. Manchmal ist es jahrhundertealt, manchmal so aktuell wie das Fernsehen und der Lokalanzeiger.

Und sehr oft trocken, witzig, komisch: Dieses "Wir" erzählt über weite Strecken den Roman, nur der Sohn der schwermütigen Archivarin, die im Haus der Geschichte die alten Dokumente hütet - oder erfindet? -, darf mal kurz zum Ich-Erzähler werden, und manchmal gleitet als Abgesandter des "Wir" ein stilles Auge mit Mikrofon durch den Tag und die Nacht, durch die Zeit "vor dem Fest", die dem Roman den Titel gibt: Unser Annenfest. Was wir feiern, weiß niemand so recht. "Nichts jährt sich, nichts endet oder hat genau an diesem Tag begonnen. Die Heilige Anna ist irgendwann im Sommer, und die Heiligen sind uns heilig nicht mehr. Vielleicht feiern wir einfach, dass es das gibt: Fürstenfelde."

Dieses chorische "Wir" ist eine Antwort auf die Figur des Reporters, aus deren Perspektive vor einiger Zeit Moritz von Uslar in "Deutschboden. Eine teilnehmende Beobachtung" (2010) über Zehdenick berichtet hat, eine Kleinstadt in der näheren Umgebung des Dorfes mit den zwei Seen. Die Stimme des Reporters ist die des Besuchers aus der Großstadt. Die Stimme des "Wir" kommt aus dem Innern des Dorfes, aus den Seen, aus dem Archivkeller im Haus der Heimat, aus der längst geschlossenen Gaststätte Blissau, aus der Garage, in der Ulli als Ersatzwirt eine Sitzgruppe, fünf Tische und eine Heiztonne aufgestellt hat und eine nackte Polin an den Kühlschrank geklebt hat, aus dem Garten des Barockschlösschens, in dem der Besitzer der Landmaschinenfirma aus dem Geschlecht derer von Blankenburg wohnt.

Auch bei Stanišić gibt es den Reporter, der von außen kommt. Er interviewt die alte Frau Kranz, die aus dem Banat als "Jugoslawiendeutsche" zugewanderte Malerin, die über Jahrzehnte und vier Gesellschaftssysteme hinweg das Dorf porträtiert, eine Chronik in Bildern, die bis in die Gegenwart reicht: "Trotz Glatze würde ein Außenstehender jetzt nicht unbedingt davon ausgehen, dass da unbedingt ein Nazi schläft. Ist aber so. Kann man auf der Rückseite nachlesen: Der Neonazi schläft, so heißt das Bild. Die Fürstenfelder würden ohnehin wissen, dass da ein Neonazi schläft, weil das ist der Rico."

Stanišić ist ein listiger Autor. Er maskiert seinen Chor als Stimme des Volkes, der Tradition, aber er nutzt diese Maske, um den Dorfroman neu zu erfinden, die Chronologie und die Biografien der Dorfbewohner durcheinanderzuwirbeln, die Sprachschichten der Legenden und der Chroniken des 17. und 18. Jahrhunderts mit dem fernsehgetränkten Slang der Gegenwart zu mischen und über einer Totengräberszene an der unterspülten Strandpromenade die Reimgewitter einer Hip-Hop-Parodie niedergehen zu lassen. Was dabei entsteht, ist, lange bevor der Festtag anbricht und die Astrologin von Sat 1 mit Kamerateam in ihrer Heimat auftaucht, ein Fest für den Leser, und man ahnt, welchen Spaß es dem Autor gemacht hat, sein Dorf mit den zwei Seen dem Berlin-Roman vorzuziehen, den er nicht geschrieben hat.

Von der Zeitgeschichte lässt sich Stanišić weder den Ton noch die Moral vorgeben, aber sie geht diesem Provinzroman nicht verloren, schon weil Herr Schramm, der ehemalige Oberstleutnant der NVA, dann Förster, jetzt Rentner und Schwarzarbeiter, den Part des verhinderten Selbstmörders spielt. Dies ist ein komischer Patchwork-Provinzroman, vollgesogen mit Gegenwart, Familiengeschichten, Wendezeit und Vergangenheit, voller Dialoge, die das Groteske streifen, und einer Füchsin, die auf Eierjagd geht. Der Chor, das anonyme "Wir" hält das Fest zusammen. Sein Echo klingt im Leser lange nach.

Saša Stanišić: Vor dem Fest. Roman. Luchterhand Literaturverlag, München 2014. 320 Seiten, 19,99 Seiten.

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