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Voltaires "Philosophisches Wörterbuch":"Warum malt ihr Gott mit einem langen Bart?"

Voltaire, französischer Schriftsteller

"Habt ihr zwei Religionen, werden sie sich die Kehle durchschneiden, habt ihr dreißig, leben sie miteinander in Frieden." - Francois-Marie Arouet alias Voltaire.

(Foto: mauritius images/Science Sourc)

Voltaires "Philosophisches Wörterbuch", einer der Urtexte der Aufklärung, liegt in einer spektakuläre Neuausgabe erstmals komplett auf Deutsch vor. Es wäre schön, wenn das auch Folgen für die Lehrpläne hätte.

Von Gustav Seibt

Die Provokation liegt schon in der Form. In Voltaires "Philosophischem Taschenwörterbuch" ist "Gott" nur ein Artikel unter 73 anderen, irgendwo in der Mitte. Außerdem hat der Eintrag nur fünf Seiten und besteht aus einem Dialog. Ein byzantinischer Theologe und ein ungelehrter Skythe unterhalten sich. Worum er Gott denn bitte, fragt der Theologe den Barbaren. Er hüte sich, ihn um etwas zu bitten, erwidert der: "Er weiß besser als wir, was wir brauchen, und im Übrigen würde ich befürchten, dass, während ich ihn um schönes Wetter bitte, mein Nachbar ihn vielleicht gerade um Regen bittet." Der Skythe zeigt klug sein Unwissen über Gottes Natur, der Byzantiner schilt ihn "dumm". Doch eine Frage hat der Skythe auf dem Herzen: "Ich habe vor langer Zeit einen eurer Tempel gesehen, warum malt ihr Gott mit einem langen Bart?"

Voltaire, das zeigen viele Stellen seines Wörterbuchs, war kein Gottesleugner. Die Philosophiegeschichte nennt ihn einen "De-isten". Er glaubte also nicht an den Gott der Christen, aber er hielt einen Weltenschöpfer für möglich, der die Naturgesetze eingerichtet hatte, in deren Kontinuität - ohne Wunder, ohne Abweichungen - die Welt existiert. Die Vorstellung eines Himmels als Wohnsitz Gottes ist widersinnig in einem Weltall, das aus Milliarden Sternen besteht.

Wie absurd, das zeigt die Fabel, die Voltaire im Artikel "Alles ist gut" erzählt: "Die Syrer stellten sich vor, dass Mann und Frau im vierten Himmel geschaffen wurden und darauf verfielen, Fladenbrot statt Ambrosia zu essen (. . .). Ambrosia schwitzte sich durch die Poren aus, aber nachdem man Fladenbrot gegessen hat, hat man Stuhlgang. Der Mann und die Frau baten einen Engel, sie zu belehren, wo denn das gewisse Örtchen sei. Seht ihr, sagte der Engel, diesen kleinen, unscheinbaren Planeten da, etwa 60 Millionen Meilen von hier entfernt, dort ist das stille Örtchen des Universums (. . .). Sie gingen hin, man ließ sie dort, und seit dieser Zeit war unsere Welt das, was sie ist."

Mit beißendem Witz zeigt er die haarsträubenden Widersprüche der Bibel auf

Provokation der Form: Voltaires "Dictionnaire" ist kein Lexikon, das definitorisch verfährt und um Vollständigkeit bemüht ist. Es besteht aus einer Reihe kurzer Essays von unterschiedlicher Anlage, die nach dem Zufall des Alphabets angeordnet sind, von "Abraham" bis "Vertu" (Tugend). Auch die Wahl der Themen ist unsystematisch, mal historisch-biblisch, mal philosophisch-begrifflich. Es ist auch egal, wo man das Buch aufschlägt und zu lesen beginnt, wenn man es nur vollständig liest. Dann enthüllt sich seine innere Systematik, zeigen sich Schwerpunkte und Stoßrichtungen. Dieses Erkennen aber wird dem blätternden Leser überlassen. Er wird nicht bedrängt, sondern unterhalten und angelockt. Die Luft dieser Prosa ist klar und trocken, die Konturen bleiben scharf. Das Gattungswort "Essay", das die französische Literatur seit Montaigne, 200 Jahre vor dem "Dictionnaire", kannte, fällt nicht.

Voltaire taucht nicht experimentell ins eigene Subjekt ein, das sich mit Welt und Überlieferung ins Benehmen setzt, wie Montaigne es vorführt. Voltaire reagiert auf die Debatten seines Jahrhunderts - die Epoche nach Descartes, Pascal, Leibniz und Newton - die Diskussionen über Leib und Seele, über Materie und Kausalität, über die Mechanik der Welt. Wie viel gründliche Arbeit dahintersteckt, zeigt Kurt Flaschs kürzlich erschienene große Studie über Voltaire und Pascal. Vor allem aber geht es um Religion, nicht nur um das Christentum und seine Konfessionen, nicht um das Judentum, das er nicht mag, weil es für ihn am Anfang des religiösen Hasses steht, sondern immer wieder vergleichend auch um alle anderen Formen der Götteranbetung. Das "Philosophische Wörterbuch" ist vor allem ein Kurs in vergleichender Religionswissenschaft, und zwar mit historisch-kritischen Mitteln.

Voltaire führt dabei Quellenlektüre vor, vor allem der Bibel. Mit beißendem Witz zeigt er deren haarsträubende Widersprüche auf, und er beweist, dass der dogmatische Kern des Christentums, etwa die Göttlichkeit Jesu, das Konzept des Heiligen Geistes, dort keine Grundlagen haben. Wenn dieses Lexikon ein Zentralgestirn hat, dann ist es der Eintrag zum "Christentum" ("Christianisme"), der 15 Seiten zählt und von Jesus bis zur Reformation reicht. 1764, als Voltaires Text erschien, war Frankreich noch ein katholisch beherrschtes Land. Der Kirche gehörte ein Drittel des Grundbesitzes, sie hielt das Bildungsmonopol.

Voltaires scharfkantige Wurfgeschosse richteten sich gegen die Fassaden und die Fundamente der gesellschaftlichen Ordnung, so wenn er in kurzen Sätzen die strikte Trennung kirchlicher und weltlicher Gesetze verlangte. Hier ist der Gründungstext des französischen Laizismus, mit allen seinen praktischen Folgerungen. Wenn diese Fragen heute im Zeichen der Konfrontation mit dem Islam wieder virulent werden, dann ist man gut beraten, zu diesem Urtext zurückzugehen, ihn aber auch aus seiner Epoche zu begreifen.

Sein kämpferischer Witz, seine bei aller Skepsis unerschütterliche Menschenliebe funkeln wie am ersten Tag

Erstaunlicherweise wurde das "Wörterbuch" in ursprünglicher und vollständiger Gestalt noch nie ins Deutsche übersetzt. Voltaire ist in deutscher Sprache ein Klassiker schmaler Auswahlen, bei denen das Lexikonprinzip von Herausgeberwillkür adaptiert und verfälscht wurde. Gelesen werden noch der "Candide", die Satire auf die beste aller Welten, und ein paar kleinere Romane. Nach dem Anschlag aufs Bataclan in Paris wurde hektisch sein Traktat über die Toleranz in einer schlechten alten Übersetzung auf den Markt geworfen. Dass Voltaires "Mahomet", das Drama gegen den Fanatismus, und sei es nur in Goethes mildernder Bearbeitung, gespielt werden könnte, ist derzeit ausgeschlossen. Hier und in Frankreich scheitern die Anläufe der Theater regelmäßig an Einsprüchen islamischer Glaubensvertreter. Postkolonialismus und Multikulturalismus schlagen den absichtsvoll rücksichtslosen Rationalismus der französischen Aufklärung.

Eine Pariser Statue Voltaires wurde kürzlich im Zeichen antirassistischer Proteste beschmiert und entfernt und seither nicht wieder aufgestellt. Die Kritiker verkennen, dass Voltaire die Masken nichteuropäischer Völker nur verwendet, um eigene Positionen unverfänglich zu markieren. Es ist daher eine Großtat des Reclam-Verlags und der Voltaire-Stiftung, diesen zentralen Text unverkürzt ins Deutsche gebracht zu haben, dazu sehr schön gestaltet. Die Kommentierung hätte übersichtlicher und reichhaltiger ausfallen können (es gibt zwei Sorten Anmerkungen und ein erläuterndes Register), vor allem bei den Bezügen zu biblischen und antiken Texten. Aber: Das Buch soll ja ins Handgepäck passen, es richtete sich schon beim Erscheinen an die Salons, nicht an die Seminare.

Voltaire Cover

Voltaire: Philosophisches Taschenwörterbuch. Aus dem Französischen von Angelika Oppenheimer und Rainer Bauer. Nachwort von Louis Moland. Reclam-Verlag, Stuttgart 2020. 444 Seiten, 36,00 Euro.

(Foto: Reclam)

Den Eleganzanspruch, die Unbeschwertheit des Textes, bildet die neue Ausgabe gut ab, trotz gelegentlicher Steifheit der Übersetzung. Voltaires kämpferischer Witz, seine bei aller Skepsis unerschütterliche Menschenliebe - für die Menschheit kämpfe er "im Staub", sagte Heinrich Mann - funkeln frisch wie am ersten Tag. Im Eintrag "Krieg", der eine Abrechnung mit dem europäischen Staatensystem des Absolutismus enthält, beschreibt Voltaire den Anteil der Geistlichkeit so: "Überall bezahlt man eine gewisse Anzahl von Rednern, um diese mörderischen Tage feierlich zu begehen. (. . .) Alle reden lange Zeit und erzählen anlässlich eines Kampfes in der Wetterau, was sich einst in Palästina zugetragen hat." Der Artikel "Fanatismus" klagt an: "Was soll man einem Menschen antworten, der einem sagt, dass er lieber Gott gehorche als den Menschen, und sich folglich sicher ist, sich den Himmel zu verdienen, wenn er einen erwürgt." "Idolatrie", Götzenanbetung, erscheint dagegen harmlos, denn wenn die alten Griechen Herkules hatten, dann die Christen eben den heiligen Christophorus. Vor allem führten Götzendiener "niemals einen Religionskrieg". Die Heiden "hatten keine Religion, die andere ausschloss". Der Artikel "Toleranz" diagnostiziert kühl die Vorteile der Religionsvielfalt: "Habt ihr zwei Religionen, werden sie sich die Kehle durchschneiden, habt ihr dreißig, leben sie miteinander in Frieden."

Man sollte das "Taschenwörterbuch", so sehr es dazu einlädt, nicht allzu häppchenweise lesen. Seinen Drive entfaltet es in der Konsequenz und Fülle seiner Befunde, nicht in meditativer Versenkung. Wer davon angesteckt wird, dürfte von selbst auch immer wieder zur Bibel greifen, um Voltaires schier unglaubliche Befunde und Zitate zu überprüfen. Eine "Seelenpest" nennt Voltaire den religiösen Fanatismus, gegen sie helfe nur die "Philosophie der Aufklärung", die hier ihren Namen erhält. Es wäre schön, wenn diese spektakuläre Neuausgabe Folgen für die Lehrpläne hätte. Voltaire in den Schulen, zusammen mit Lessings "Nathan" und der Bibel, sogar mit dem Koran und mit Goethes "Divan": Das wäre bessere Aufklärung als die Befassung mit eher zweitklassigen Karikaturen.

© SZ/crab
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