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"Große Fuge":Das Abendland geht ohne Abschied

17.10.2020, Deutschland, Dresden, Sachsen, Volker Braun, deutscher Schriftsteller, hier während einer Lesung bei Veranst

Die Hoffnung liegt im Stillstand; Volker Braun bei einer Lesung in Dresden.

(Foto: via www.imago-images.de/imago images/C3 Pictures)

Wenn das Unbewusste keine Bilder mehr liefert: Volker Brauns neue Gedichte sind durchsetzt von pandemischer Not.

Von Jörg Magenau

Das Coronavirus ist mehr als bloß ein Krankheitserreger. Es dringt in alle Gesellschaftsbereiche ein, indem es das Sozialverhalten verändert. Es ist nicht nur ein biologisches Problem für den Körper, sondern wirkt genauso infektiös auf die Psyche, auf Träume, Bewusstsein und Unbewusstes. Also verbreitet sich das Virus auch im Grenzbereich zwischen Schlaf und Wachen, wo die "Große Fuge", der neue Gedichtband von Volker Braun angesiedelt ist. "Seit langem träume ich nicht", bekennt der Büchnerpreisträger in einer Art prosaischem Prolog, und liefert auch gleich die Diagnose dazu: "kein Homeoffice im Schlaf".

Nur ein Wachtraum stellt sich ein, der "von einer Sache, die nicht in der Welt ist" handelt. Doch dagegen steht "eine Welt, die nicht meine Sache ist". In diesem dialektischen Spannungsfeld zwischen Hoffnung und Verzweiflung, Utopie und Untergang bewegt sich Brauns virale Lyrik, die das eigene "Schmerzgedächtnis" durchforscht, mit Dante den "Sechsten Kreis" der Hölle durchmisst und erkennt, dass die virusinduzierte Berührungslosigkeit sich bestens mit der "Me Too"-Ästhetik verbindet. Vorsicht und Abstand sind in jeder Hinsicht geboten, sodass Braun sarkastisch kommentiert: "also das Abendland geht ohne Abschied / Ein Winkewinke, das wars."

In diese Erfahrung von Körperlosigkeit und Kulturzerfall fügt sich die Erinnerung an eine flüchtige Liebe, an einen zarten Kuss, aus dem nichts folgte, ein aufgeknöpftes Kleid, zitternde Nüstern, Hals, Wange, Mund, das "angstlos" gezeigte "nackte Gesicht" in "normalen Zeiten". Denn wie wäre das heute, mit Mundschutz, ohne Zunge und Zähne, der Kuss nur gehaucht und "mit vorsichtshalber geschlossenen Augen"?

Was hält den Menschen eigentlich in seinem verletzlichen Körper?

Kein Wunder, dass das Unbewusste keine Bilder mehr liefert und die Gedichte durchsetzt sind von pandemischer Not. Doch mit der Philosophin Donna Haraway und ihrer Cyborg- und Transgender-Forschung hält Braun auch hier dagegen und spricht in die Zukunft hinein: "Warum sollte der Körper an der Haut enden oder nur aufnehmen, was in Haut genäht ist?" Wenn sich das Geschlecht schon "mit einem Sprechakt ändern" lässt, was hält den Menschen dann fest in seinem verletzlichen Leib?

Das erste Gedicht des Bandes ist mit "Nach unserer Zeit" überschrieben. Da treibt eine weiße Yacht mit gebrochenem Mast, bewegungsunfähig, irgendwo bei den Philippinen im Ozean. An Bord die Leiche eines Mannes, zusammengesackt wie dreckiger Sand. Dieses Geisterschiff ist Brauns Menetekel, Bildnis der Menschheit "in ihrem Fahrzeug nach ihrer Zeit", und so ist es nur konsequent, wenn das letzte Gedicht dann "Geisterstunde" heißt.

Da besuchen die lebenden Dichter - Hensel, Teschke, Tragelehn, Gröschner - ihre toten Kollegen auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin - Zweig, Müller, Hacks, Hilbig, Brecht, Seghers, Kirsch, Tabori - und lassen sie, indem sie deren Verse zitieren, lebendig werden. Die Toten brauchen die Lebenden, weil sie keine Zungen, keine Eingeweide und kein Gedächtnis haben. Doch währenddessen verwandeln sich die Lebenden in Gespenster, unter deren Schritten der Kies knirscht.

Brauns Gedichte sind Werkstücke aus dem Steinbruch der Traditionen, Collagen aus Material von Hölderlin, Kleist, Müller oder Meinhof, "Tonkrieger" aus der Töpferwerkstatt, wie ein Kapitel des schmalen Bandes heißt. Braun inszeniert das Material "als Gespräch mit sich selbst", sichtbar zum Beispiel in dem Gedicht "K wie Kertész", das Zitate aus Imre Kertész' Tagebuch "Letzte Einkehr" mit Erinnerungen an eine persönliche Begegnung verknüpft. Der Dichter Volker Braun ist ein Arbeiter in der Wörterwerkstatt und lässt sich dabei zusehen, wie er an seine Gegenständen formt und schleift. Dabei schreckt er auch vor Kalauern nicht zurück, wenn aus der Katharsis in Corona-Zeiten die Katarrhsis wird und aus dem als "Eisern Union" firmierenden Berliner Fußballverein "Bleiern Union".

Volker Braun: Große Fuge. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021, 56 Seiten, 16 Euro.

Doch so bleiern die Zeit und die Zustände auch sein mögen, versucht Braun dem "beinahe heillosen Stillstand" in der "wie ein Pestpatient ruhiggestellten Stadt" doch etwas Gutes abzugewinnen. Wenn die Straßen "entmenscht" und "von der Krätze der Kunden befreit" sind, dann ist schon das aus kapitalismuskritischer Perspektive durchaus begrüßenswert. Rudolf Bahro, der in dem Gedicht "Der Aussätzige" als Geist ohne Mundschutz, doch mit Meditationskissen ausgerüstet, erscheint, könnte dafür der Kronzeuge sein. Seine Logik der Rettung ist das Nichtstun. Nur Entschleunigung bis hin zum Stillstand lässt hoffen. "Das Naheliegende birgt das Geheimnis."

Zwei Mal kommt in Brauns großer Fuge das Wort "mitleidenschaftlich" vor. Da argumentiert er "gemeinsüchtig" mit Marx, appelliert an das "Menschenmögliche", was auch immer das ist. "Die Hoffnung lag im Weg wie eine Falle", hat Volker Braun in der Nachwendezeit im Rückblick auf den Sozialismus gedichtet, als "sein Land", die DDR, in den Westen ging. Mittlerweile hat sich die Perspektive umgekehrt. Der Blick geht nicht zurück, sondern nach vorn. Da aber gilt es, gegen den Untergang und das "Winkewinke", mit dem sich das Abendland verabschiedet, einen Rest Hoffnung und Aufbruch zu verteidigen. So ist die "Große Fuge" letztlich wohl ein hoffnungsvoller Zyklus.

© SZ/fxs
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