Verstorbener Linkin-Park-Sänger Chester Bennington - Hardrocker, der das Normale liebte

Kritiker warfen Linkin Park stets vor, zu gefällig für eine Rockband zu sein. Es hat eine besondere Tragik, dass der Tod von Sänger Chester Bennington nun ein zynisches Rocker-Klischee erfüllt.

Nachruf von Johanna Bruckner, New York

Dass Erfolg Fluch und Segen zugleich sein kann, ist keine Neuigkeit. Für Chester Bennington, den verstorbenen Sänger der Band Linkin Park, war dieser Konflikt der Soundtrack seines Lebens: brüllende Fans, brüllende Kritiker.

Dank ihrer treuen Anhänger zählt die Gruppe aus Los Angeles mit sechs Nummer-eins-Alben in den Vereinigten Staaten zu einer der erfolgreichsten Bands aller Zeiten. Überhaupt nur vier Bands konnten mehr Platten an der Spitze der Billboard-Charts platzieren. Beatles, Rolling Stones, Led Zeppelin und U2, allesamt musikalische Legenden. Und in den sozialen Medien sind Linkin Park ohne Konkurrenz: Die Facebook-Seite der Musiker haben mehr als 57 Millionen Menschen abonniert - eine größere Gefolgschaft hat keine andere Band.

Pop Linkin-Park-Sänger Chester Bennington tot aufgefunden
Rockband

Linkin-Park-Sänger Chester Bennington tot aufgefunden

Der Lead-Sänger der international erfolgreichen Rockband wurde 41 Jahre alt. Er hinterlässt eine Frau und sechs Kinder.

Aber da ist eben nicht nur Liebe. Die Musikkritiker überzogen Linkin Park fast von Beginn an mit beißendem Spott. Der BR-Jugendsender Puls überschrieb einen Artikel einmal mit der Schlagzeile: "Warum Linkin Park die Kakerlake der Musikwelt ist" - und lag damit gar nicht so weit vom Kritiker-Tenor. An Genre-Maßstäben gemessen - oder Klischees, je nach Betrachtungsweise - sind die Songs der 1996 gegründeten Band zu eingängig, zu gefällig, zu sehr Mainstream. Und das ist ja bekanntermaßen das schlimmste ästhetische Urteil, das selbsternannte und tatsächliche Musikexperten fällen können.

Im Video zu ihrem ersten Hit "One Step Closer" aus dem Jahr 2000 trägt Leadsänger Bennington die Haare wasserstoffblond gefärbt und zu Spikes aufgegelt. Aus dem Boden schießen Flammen und von der Tunneldecke hängen Gestalten mit furchterregenden Masken. Wäre da nicht Benningtons grimmige Miene beim Singen - es könnte sich auch um ein Video der Backstreet Boys handeln. Die inszenierten sich in ihrem Hit "Everybody" schließlich auch als Zombies in spinnwebenverseuchter Friedhofs-Kulisse. "Everything you say to me, takes me one step closer to the edge", singt Bennington, "and I'm about to break, I need a little room to breathe". Wie gesagt: So weit ist das nicht entfernt von der Coming-of-Age-Lyrik einiger Popsternchen aus den frühen 2000ern.

Ihren Welterfolg verdanken Linkin Park auch einer cleveren Business-Strategie

Linkin Park waren nie etwas für die Nische. Das fing schon beim Namen an. Bei ihrer Gründung firmierte die Band noch unter Xero, als Bennington 1999 dazu stieß, folgte die Umbenennung in Hybrid Theory (später der Titel des ersten Albums). Doch weil es bereits eine andere Band gab, die so hieß, musste ein dritter Name her. Linkin Park war eine Anlehnung an den damals existierenden Lincoln Park im kalifornischen Santa Monica. Praktischerweise gab es nicht nur in der Heimat der jungen Männer eine Grünanlage, die dem amerikanischen Ex-Präsidenten gewidmet war. Linkin Park, so besagt es zumindest die Band-Legende, wurden deshalb so schnell bekannt, weil viele Städte dachten, es handle sich um eine örtliche Jugendband, die es zu unterstützen gelte.

Ihren Welterfolg verdanken Linkin Park auch einer cleveren Geschäftsstrategie. Die Gruppe erkannte früh die Möglichkeiten des Internets. Gitarrist Brad Delson bemängelte einmal gegenüber CNN Money, dass zu viele Menschen in der Musikindustrie bestrebt seien, den Status quo zu wahren - dabei gelte es, Innovation zu umarmen. 2015 gründete die Band ein eigenes Venture-Capitalist-Unternehmen, das unter anderem in den Uber-Konkurrenten Lyft investierte. Und während die musikalische Konkurrenz im Probenkeller Bier-Pong spielte, machten sich die Bandmitglieder Gedanken zum Thema Vermarktung. Ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit: 2013 brachten Linkin Park ein eigenes, frei erhältliches Videospiel heraus. Ziel: eine ausgebeutete Erde retten, die von (fiesen) Eliten und Maschinen kontrolliert wird.

Kritiker verachten die Band für genau solche Marketing-Maßnahmen. Eine Rockband hat nicht wie ein Buchclub zu funktionieren, der aktiv Mitgliederbindung betreibt. Eine richtige Rockband schockiert, stößt manchmal sogar ab - und wirkt gerade dadurch anziehend. Doch solche Vorstellungen, zumal gepaart mit musikelitärem Dünkel, sind nicht nur unfair gegenüber den Künstlern, sondern auch gegenüber ihren Fans.