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Vaterland Europa:Erweckung des Gewissens

Hans-Wolfgang Platzer: Bronislaw Huberman und das Vaterland Europa. ibidem-Verlag, Stuttgart 2019. 160 Seiten, 39, 90 Euro.

Wie der große Geiger Bronislaw Huberman für Paneuropa warb.

"Paneuropa bedeutet: politisch - Friede, wirtschaftlich - Aufschwung, sozial - Ausgleich, kulturell - ungehemmte nationale Entfaltung. Zusammenfassend bedeutet es aber mehr als das: Rettung vor dem sonst unvermeidlichen Untergang." So endete ein leider prophetischer Artikel vom 1. Januar 1929 im Morgenblatt der Frankfurter Zeitung, den der weltberühmte Violinvirtuose Bronislaw Huberman verfasst hatte. Spätestens mit Hitlers Machtantritt 1933 nahm der "unvermeidliche Untergang" seinen Anfang.

Neben der Verfolgung seiner Karriere engagierte sich Huberman unter dem Eindruck der Katastrophe des Ersten Weltkriegs in Vorträgen, Schriften und Aktivitäten für die Idee der "Vereinigten Staaten von Europa". Angetrieben wurde er als reisender Solist dabei auch von Erfahrungen in den USA und er beschäftigte sich mit den Gründen für den dortigen Wohlstand gerade unterer Schichten. So ließ er sich in Detroit etwa durch die Ford-Fabrik führen und sammelte vielfältige Beobachtungen über das soziale Gefüge und die Verdienstmöglichkeiten. Zwischen 1925 und 1935 wurde Huberman zu einem der aktivsten und eigenwilligsten Köpfe in der sogenannten Paneuropa-Bewegung, die der Diplomatensohn Richard Coudenhove-Kalergi initiiert hatte und der 1924 die Paneuropa-Union gründete, die als älteste europäische Einigungsbewegung gilt.

Allerdings war Huberman ganz autonom zu seinen europäischen Einigungsideen gekommen, bevor er sich den "Paneuropäern"anschloss, zu deren Unterstützern auch Thomas Mann, Albert Einstein und Politiker wie Konrad Adenauer oder der französische Ministerpräsident und Friedensnobelpreisträger Aristide Briand gehörten.

Dass ein Musiker in diesem Kreis eine zentrale Rolle spielte, ist doch überraschend, denn die meisten wollen sich nicht gern zu Politik und Gesellschaft äußern. Doch gibt es einige, die deutlich politisch Stellung bezogen haben oder sie heute beziehen auf eindringliche Weise. Ein berühmtes Beispiel bietet der große katalanische Cellist Pau Casals, der sich dem Franco-Regime verweigerte, nicht mehr in Nazi-Deutschland oder Mussolinis Italien auftrat und nach dem Zweiten Weltkrieg gegen Franco protestierte, indem er nicht mehr öffentlich spielte, weil etwa die USA, Großbritannien und andere das franquistische Spanien nicht boykottierten. Er ging ins Exil und hat leider das Ende Francos 1975 nicht mehr erlebt. Dass viele jüdische Musiker wie Artur Rubinstein, Jascha Heifetz oder Gregor Piatigorsky in Deutschland nach dem Krieg nie wieder spielten, dass wiederum Yehudi Menuhin im Widerspruch dazu gleich nach Kriegsende mit Wilhelm Furtwängler konzertierte, zeigt das unterschiedliche politische Engagement der Musiker. Heute ist etwa Daniel Barenboim einer der politisch aktivsten Musiker, ebenso erhebt der junge Pianist Igor Levit öffentlich die Stimme zu politischen Streitfragen.

Dieses Friedensprojekt versprach auch gegenseitigen wirtschaftlichen Nutzen

Huberman, einer der bis heute bedeutendsten Geiger, wurde im polnischen Częstochowa (Tschenstochau) 1882 geboren und starb 1947 im schweizerischen Corsier-sur-Vevey. Er war einer der wichtigsten und originellsten Vordenker eines vereinigten Europas, so der Fuldaer Politikwissenschaftler Hans-Wolfgang Platzer in seiner Studie "Bronislaw Huberman und das Vaterland Europa". Platzer weist überzeugend nach, dass Hubermans Gedanken, die er in Zeitungsartikeln, den zwei Schriften "Mein Weg zu Paneuropa" (1925) und vor allem in "Vaterland Europa" (1932) und in Briefen kundtat, weitsichtig waren und erst im europäischen Einigungsprozess nach dem Zweiten Weltkrieg zum Teil verwirklicht worden sind.

Huberman hatte nicht so sehr die idealistisch-aristokratische Eliten-Idee für die europäische Einigung à la Coudenhove-Kalergi im Sinn. Er entwickelte vielmehr ein dreistufiges Handlungskonzept: "Erweckung des paneuropäischen Bewußtseins und Gewissens; Organisierung der unserem Gedanken gewonnenen Werber und Streiter. Als weitere Entwicklungsstufe: Gründung von paneuropäischen parlamentarischen Parteien in allen Ländern Europas." Also äußerte er sich als Vortragender, in Pressegesprächen und Artikeln und nutzte seine weltweite Popularität als Virtuose für Kontakte mit Politikern, Wirtschaftsgrößen und Wissenschaftlern. Aber auch als Organisator betätigte er sich, initiierte in Polen ein nationales Paneuropa-Komitee und war ebenso beteiligt an solchen Gründungen in den Niederlanden, der Tschechoslowakei und in Ungarn, wo Béla Bartók mit von der Partie war.

Platzer nennt Huberman einen "Zeitdiagnostiker, der den grundlegenden historischen Wandel der politischen Systeme Europas im Gefolge des Ersten Weltkriegs zutreffend erfasst." Darüberhinaus belegt er, dass Hubermans "Konzeption einer politisch eingebetteten Zollunion, die in einem zehnjährigen Stufenprozess verwirklicht werden sollte" nach dem EWG-Vertrag von 1958 realisiert wurde. Huberman hatte auch auf den gegenseitigen partnerschaftlichen und materiellen Nutzen einer Vereinigung gesetzt, was sich dann an der ökonomischen Attraktivität der EWG für weitere Eintrittskandidaten, darunter einst auch Großbritannien, erwies. Und Hubermans Grundidee, "wonach die europäische Einigung ein friedenspolitisches Projekt" sei auf Basis der entwickelten Ökonomie, wird, so Platzer, "durch den realen Verlauf der EU-Integration bestätigt." Umso banger werden die Ausblicke angesichts von Flüchtlingskrisen, Populismus und nationalistischer EU-Verachtung.

Platzers Buch ist auch die längst fällige Mahnung, endlich den großen Geiger Bronislaw Huberman als einen der gewichtigen "realistischen" Vordenker des vereinigten Europas gebührend zu ehren und zu feiern.

© SZ vom 26.11.2019
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