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Vandalismus in Museen:Wie geht der Ölfleck aus dem Sarkophag?

At Least 63 Objects Vandalized At Berlin Museums

Nach den Anschlägen auf diverse Kunstgegenstände auf der Museumsinsel in Berlin: ein Ölfleck auf einem Sarkophag des Propheten Ahmose.

(Foto: Sean Gallup/Getty Images)

Nach dem Anschlag auf der Museumsinsel: Ein Gespräch, wie man Schäden an der Kunst beseitigt, warum Kompressen aus Lehm dabei helfen und was "kapillar aktiv" bei Steinen bedeutet.

Von Jörg Häntzschel

Noch immer ist unklar, was einen oder mehrere Täter dazu brachte, am 3. Oktober in mehreren Berliner Museen Kunstwerke mit Öl zu bespritzen. Auch wie es ihm gelang, das unbemerkt zu tun, fragen sich viele. Klar ist immerhin, dass mit rund 70 zwar enorm viele Werke betroffen, dass die Schäden aber behebbar sind. Wir fragten zwei Experten, wie sie dabei vorgehen: Barbara Helwing, die Direktorin des Vorderasiatischen Museums, und Stefan Simon, den Direktor des Rathgen-Forschungslabors, des Labors der Berliner Staatlichen Museen.

SZ: Wie weit sind Sie mit der Beseitigung der Schäden?

Barbara Helwing: Wir haben noch am selben Abend, nur etwa eine Stunde nach den Vorfällen, mit Erste-Hilfe-Maßnahmen begonnen. Da wischt man ab, was noch feucht ist, und versucht zu verhindern, dass das Öl eindringt. Bei vielen Objekten, zum Beispiel bei lackierten Bilderrahmen oder Stücken aus Bronze, ist nichts mehr zu sehen.

Schwieriger ist es sicher bei Stein.

Helwing: Da kommt es auf die Art des Steins an. Ist es ein dichter Stein wie Marmor, oder ist es Basalt, ist es Kalkstein oder Sandstein? Die haben unterschiedliche Porositäten, da dringt die Flüssigkeit unterschiedlich tief ein. Insofern muss man für jede Art von Stein eine eigene Behandlung wählen. Man versucht es an einer kleinen Stelle, funktioniert es, macht man es an ähnlichen Objekten auch so. Es ist nicht sehr kompliziert, aber es braucht seine Zeit.

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Als Laie geht man davon aus, dass in solchen Fällen nichts mehr zu machen ist. Wie lässt sich Öl aus Stein entfernen?

Helwing: Man legt eine mit Lösungsmittel getränkte Kompresse, die aus Zellstoff oder Lehm bestehen kann, auf den Stein. Das Lösungsmittel zieht nach und nach das Öl heraus. Das muss man dann beliebige Male wiederholen. Das ist ein Prozess, der Monate dauern kann.

Was ist das Mittel der Wahl?

Stefan Simon: Aceton ist ein gutes Lösungsmittel für Öl. Aber weil es sehr flüchtig ist, ist es nicht sehr wirksam auf kapillar aktiven Untergründen wie Sandstein. Da wäre ein langsamer verdunstendes Lösungsmittel wie Ethylacetat oder Methylethylketon besser.

Was heißt kapillar aktiv?

Simon: Das sind Materialien, die von nicht zu kleinen und nicht zu großen Poren durchzogen sind. Das Lösungsmittel will diese Oberflächen benetzen und verbreitet sich durch die kapillare Aktivität im Inneren des Steins. Die Kompresse ist getränkt mit dem Lösungsmittel, es dringt langsam in den Stein ein, und wenn die Kompresse dann allmählich trocknet, zieht sie das Lösungsmittel samt dem Öl wieder heraus.

Warum machen Flüssigkeiten, selbst wenn sie farblos sind, Oberflächen dunkler?

Simon: Das hängt mit dem Brechungsindex zusammen. Wenn die Oberfläche in ein Bindemittel mit einem höheren Brechungsindex als die Luft eingebettet ist, dann gibt es das, was wir Farbvertiefung nennen, das heißt, dunkler Stein wirkt dann dunkler.

Kann das Öl außer den Flecken weitere Schäden verursachen? Kommt es zu chemischen Reaktionen?

Simon: Nein, es handelt sich vor allem um ein ästhetisches Problem.

Helwing: Und es baut sich irgendwann von selber wieder ab.

Das heißt, wenn Sie nichts tun würden, würden die Flecken von selbst verschwinden?

Helwing: Ja, Sie kennen das ja: Öl wird ranzig, da brechen Molekülketten, und das Öl geht in einen anderen Zustand über. Aber das kann 50 oder 100 Jahre dauern. So lange können wir nicht warten.

© SZ vom 27.10.2020
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