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Urbanismus:Stadtfragen sind Menschheitsfragen

Viel Lärm um alles: Der aktuelle Streit um den Städtebau vitalisiert eine immer noch notwendige Debatte, die man allerdings längst tot glaubte. Und das ist gut so.

Man weiß, das Leben ist eine Baustelle. Umso merkwürdiger ist es, wenn nun ausgerechnet in der Stadt - als Mutter aller Baustellen - jener Lärm verschreckt, der mit Veränderungen, mit Neu-, Anders- und Umbauten üblicherweise einhergeht: der Debattenlärm. Doch er ist gut und als Lebenszeichen zu begrüßen. Endlich wird wieder lautstark um das Wesen der Stadt gerungen. Zeit wird's.

Wenn nach einer Prognose der Vereinten Nationen in den kommenden Jahrzehnten sieben von zehn Menschen vor allem in (groß-)städtisch strukturierten Räumen leben werden, dann ist es jetzt notwendig, sich über die Qualitäten dieser Habitate zu verständigen. Das gilt für die Welt, natürlich auch für Europa und Deutschland. Ganz abgesehen davon, dass die Existenzfragen unserer Epoche allesamt mit der Stadt verbunden sind. Das betrifft die Ökologie genauso wie die Ökonomie und die politischen Systeme. Stadtfragen sind Menschheitsfragen. Umso unangemessener erschien einem zuletzt die seltsam leblose Stille rund um die nur holistisch und im Diskurs zu denkende Disziplin der Stadtplanung. Die aktuelle Debatte, die allmählich um sich greift, könnte folglich der Reanimation eines Städtebaus dienen, der in grotesker Verkennung seiner Relevanz zur Selbstmarginalisierung neigt.

Zu danken ist die Aussicht auf Erstarkung einerseits den Verfassern der "Düsseldorfer Erklärung zum Städtebaurecht". Andererseits aber auch den Gegnern dieser im Mai veröffentlichten Erklärung, die nun mit der Schrift "Gegen die Düsseldorfer Deregulierung!" auf das "krude Papier" (aus Düsseldorf) antworten.

Kurz gefasst, geht es den Düsseldorfer Reformern auf Initiative des von Christoph Mäckler erfundenen Deutschen Instituts für Stadtbaukunst darum, das bisherige Lippenbekenntnis der "Leipzig-Charta zur nachhaltigen Europäischen Stadt" aus dem Jahr 2007 auch baurechtlich umzusetzen. Dazu wird eine Deregulierung des Planungsrechts gefordert. Was auf zwei auch im öffentlichen Raum als ziemlich heikel wahrgenommene Aspekte des Städtischen zielt: auf die Dichte und auf den Lärm.

Die in der Baunutzungsverordnung (BauNVO) festgelegte Dichteobergrenzen für das maximal zu realisierende Baurecht in segregativ definierten Stadtgebieten seien wie die Gebiete selbst "überholt" und "stehen den Anforderungen des gemischten vielfältigen Stadtquartiers der Europäischen Stadt", die als baulich "kompakt", also eher dicht und differenziert bebaut definiert wird, "diametral entgegen". In diesem Sinn sei auch die "Technische Anleitung zum Schutz gegen Lärm" zu reformieren. Die "funktionale und soziale Mischung" scheitere zu oft am Recht. Es gelte, "die gewerbliche Betätigung (etwa moderne emissionsarme Produktionsweisen) zurück in die Stadt zu holen". Unterschrieben wurde die Düsseldorfer Erklärung außer von Mäckler von namhaften Akteuren wie Reiner Nagel, Barbara Ettinger-Brinckmann, Sophie Wolfrum, Jan Kleihues, Dietrich Fink oder Elisabeth Merk.

Die Unterschrift der Letztgenannten, sie ist Stadtbaurätin in München, ist insofern bemerkenswert, als sich die Unterschrift ihrer Vorgängerin, Christiane Thalgott, auf dem Papier "Gegen die Düsseldorfer Deregulierung" findet. Zusammen mit etwa 50 anderen bekannten Akteuren wie Stefan Rettich, Tom Sieverts und Philipp Oswalt warnt Thalgott vor dem "Rückgang kommunaler Steuerung" (wenn man etwa die Dichteobergrenzen abschafft), der "am Ende einen Qualitätsverlust unserer Stadtquartiere zur Folge haben würde".

Regulierung steht gegen Deregulierung, das Gebot von mehr baulicher Freiheit (in Form von Dichte- und Nutzungsvarianten) steht gegen das ebenfalls nachvollziehbare Gebot, "die aus den Fugen geratenen Boden- und Wohnungsmärkte zu beruhigen", die Stadt ("die Düsseldorfer Erklärung ist eine Großstadtstrategie") steht gegen die Region - und Expertinnen und Experten stehen gegen Experten und Expertinnen. Das alles ist laut, strittig, provokativ, scheinbar (!) unversöhnlich und richtig gut für die Stadt.