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Uraufführung:Grobe Verdichtung

Andi Europäer

Der Biedermann in seinem natürlichen Gehege: Raphael Rubino gibt den spießigen, grantigen Deutschen Ansgar, begutachtet von Stephanie Leue als Heike und Amadeus Köhli als Tony (von links).

(Foto: Konrad Fersterer)

Philipp Löhle packt in "Andi Europäer" deutsche Klischees aus, die Tina Lanik in Nürnberg routiniert inszeniert

Von Florian Welle

Die Idee zu seinem neuen Stück, das am Wochenende in der routinierten Regie von Tina Lanik uraufgeführt wurde, kam Philipp Löhle, als er einen Zeitungsartikel über Informationsveranstaltungen des Auswärtigen Amtes las. Seit 2015 werden Afrikaner vor der Flucht nach Europa gewarnt, indem man sie mit Geschichten etwa vom Tod im Mittelmeer schockt. "Ist wirklich so!", versichert zu Beginn von "Andi Europäer" eine Einblendung in den Kammerspielen. Der Ton ist flapsig, typisch für Löhles Stücke, die die klassische Komödie mit Gegenwartsthemen kurzschließen.

Aus dem Zusammenprall von aus der Hüfte geschossenem Wortwitz - aus "übervorteilt" wird "übervorurteilt", wird "übervorverurteilt" - und Ernsthaftigkeit entsteht auch in "Andi Europäer" die Energie, die zwei Stunden lang kurzweilig unterhält. Löhle hat sich das Setting der besagten Vorträge zu eigen gemacht und ins Absurde verlängert. Bei ihm soll allein der Durchschnittsdeutsche, übergewichtig, mies gelaunt, pedantisch, Afrikaner von der Flucht nach Europa abhalten. Und so präsentiert die Moderatorin Heike Landsberg den Zuschauern, die hier für die Afrikaner stehen, mit dem Andi, der Frauke, dem Ansgar und dem Tony vier Prachtexemplare des Deutschseins.

Andi kommt aus Freiburg und arbeitet in Berlin in der Werbung. Er ist Single, nimmt Aufputschmittel, trägt gerne mal Frauenkleider und ist so Vertreter unserer "offenen Gesellschaft". Ein Wort, das Stephanie Leue, die die Heike hübsch anbiedernd spielt, so lange im Mund wendet, bis es zu einem Unwort geworden ist. Wenn dann der Besserwisser-Wessi Andi auf die ostdeutsche Wendeverliererin Frauke trifft, ist klar, dass es Zoff gibt. Nicolas Frederick Djuren ist als Badelatschen tragender Andi ebenso heruntergerockt wie Annette Büschelberger, die als Frauke ständig Kaugummi kaut und offensichtlich Leopardenmuster liebt.

Wenn dann noch mit dem Biedermann und Berufscholeriker Ansgar, den Raphael Rubino laut, ja fast zu laut anlegt, Frauenfeindlichkeit und unverhohlener Rassismus ins Spiel kommen, ist das Chaos programmiert. Der einzige gut Gelaunte ist Tony, von Amadeus Köhli mit Dauergrinsen im Gesicht gespielt. Was Argwohn wecken muss und die Eskalation befeuert. Am Ende hat sich in den Dialoggefechten die Frage "Germany - Why not!" von selbst beantwortet.

"Andi Europäer" liefert im Gewand der Komödie eine Innenschau deutscher Befindlichkeiten der Gegenwart, von Gendergerechtigkeit bis zum Ost-West-Gefälle. Schneidet darüber hinaus noch zahllose weitere Themen an. Wobei Löhle darauf geachtet hat, dass seine Figuren dabei nicht über Stammtischniveau hinauskommen. Das Spiel mit Klischees und Vorurteilen ist fester Bestandteil seines Stücks.

Man fühlt sich zwar gut unterhalten, auf Dauer jedoch etwas unterfordert. Wäre da nicht der böse Einfall, das Stück im Untertitel als "Völkerschau" auszuweisen. Damit wollten einst die europäischen Kolonialmächte ihre vermeintliche Überlegenheit demonstrieren. Löhle dreht den Spieß um und präsentiert nun die Deutschen als Exoten. Tina Lanik stellt die Schauspieler in rollbaren Plexiglaskästen aus. Ganz so, als wären sie Zootiere, die man in ihrem Gehege begaffen kann. Und dann explodiert gegen Ende eine Lampe, düstere Musik wabert durch den Raum, und "Andi Europäer" erzählt eine Geschichte, die den Zuschauer tief in die mörderische deutsche Kolonialvergangenheit führt.

Andi Europäer, nächste Vorstellung: Do., 6. Feb., 19.30 Uhr, Staatstheater Nürnberg

© SZ vom 03.02.2020

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