Fehlendes Vertrauen in Institutionen:Politisch handeln durch Programmieren

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Wir brauchen sowohl bessere Gesetze als auch bessere Werkzeuge. Und wir müssen anerkennen, dass die Programmierer, die Verschlüsselungs-Software wie Tor, PGP und Textsecure geschaffen haben, genauso politisch aktiv sind wie jemand, der am Programm einer politischen Partei arbeitet.

Das gilt auch für Unternehmer, die lieber bessere Elektroautos bauen, als für eine höhere CO2-Steuer zu kämpfen. Wenn die Menschen den Glauben an die Institutionen verlieren, versuchen sie nicht mehr so sehr, Wandel durch neue Gesetze herbeizuführen, sondern indem sie Technologien und Geschäftsideen entwickeln.

Diese wachsamen Bürger sind Aktivisten, deren Engagement darauf ausgerichtet ist, die Arbeit der Institutionen zu beobachten und zu kritisieren. Die jungen Italiener hinter Monithon.it gehören zu ihnen. Ihr Projekt lädt Bürger ein, mit EU-Fördermitteln bezahlte Maßnahmen zu untersuchen und zu bewerten. Andere wachsame Bürger gehen Beschwerden gegen die Polizei nach und ziehen Befehlshaber für Misshandlungen zur Rechenschaft.

Neue Werkzeuge und Techniken, einschließlich Videoplattformen und Crowd-Journalismus, helfen, das Machtgefälle zwischen etablierten Institutionen und den Bürgern, die sie haftbar machen wollen, abzusenken.

Einige der radikalsten Gedanken über eine post-institutionelle Zukunft kommen von Befürwortern von Techniken wie Bitcoin, einer virtuellen Währung, die ihre Nutzer davon befreien soll, den Zentralbanken und den Regierungen, die sie stützen, vertrauen zu müssen.

Dezentralisierung ist ein schwieriges Problem

Verteidiger des Internets haben langjährige Erfahrung damit, dezentralisierte Systeme zu unterstützen, Netzwerke, die ohne zentralen Provider Zugang zum Internet bieten, oder der "Freedom Box", die Webseiten im ganzen Internet spiegelt, statt sie auf einem einzigen zentralen Server zu speichern.

Aber die Dezentralisierung ist ein schwieriges technisches Problem. Technologieanbieter wie Google und Facebook wurden nicht nur zu mächtigen Institutionen aufgrund des Ehrgeizes ihrer Gründer, sondern weil es schwierig ist, Suchmaschinen und Soziale Netzwerke dezentral zu konstruieren.

Hätten Bürger-Wächter der Fifa verhindern können, dass Katar die Weltmeisterschaft 2022 ausrichtet? Hätten dezentrale Soziale Netzwerke der NSA-Überwachung standgehalten? Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Sicher ist nur: Bürgern, die Institutionen mit neuen Methoden herausfordern und die Politik mit anderen Mitteln betreiben, sind im Zeitalter des Misstrauens Vorbilder.

Ethan Zuckerman ist ein amerikanischer Wissenschaftler, Blogger und Internetaktivist. Er ist Direktor des Center for Civic Media am Massachusetts Institute of Technology. Zuletzt erschien von ihm: "Rewire! Warum wir das Internet besser nutzen müssen". Deutsch von Benedikt Frank

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