bedeckt München 17°

Überwachungs­kapitalismus:"Wir sind das Nutzvieh"

aral balkan

Setzt sich für ethisch unbedenkliche Software ein: Aral Balkan.

(Foto: Cristina von Poser)

Die Überwachung und Vermarktung persönlicher Daten im Netz ist für Aral Balkan eine neue Form der Sklaverei. Ein Interview über Überwachungs­kapitalismus, Start-up-Wahn und das Geschäftsmodell des "people farming".

Interview von Jannis Brühl

Aral Balkan programmiert, seit er sieben Jahre alt ist. Heute ist er 43 und sagt: "Ich war naiv." Mittlerweile hat er sich dem Kampf gegen das Silicon Valley verschrieben. Der gebürtige Türke hat heute die französische Staatsbürgerschaft und setzt sich mit seiner Organisation "Small Technology Foundation" gegen das kommerziell geprägte Internet und seine Überwachungstechnik ein. Er versucht, ethisch unbedenkliche Software zu entwickeln.

SZ: Wir leben seit Jahrzehnten in einer Welt, die von Werbung mitgeprägt wird. Wie haben Internet und Smartphones sie verändert?

Aral Balkan: Man muss unterscheiden zwischen Werbung und Adtech - digitaler Analyse- und Werbesoftware. Bei traditioneller Werbung ging es darum, eine Marke aufzubauen. Wenn Sie früher eine Zeitung lasen, las die Zeitung nicht auch Sie. Wenn Sie fernsahen, sah der Fernseher nicht auch Sie. Das Internet hat das verändert. Wenn Sie heute auf Youtube ein Video ansehen, beobachtet Youtube Sie. Überwachung ist das Herz des Geschäftsmodells. Ich nenne es "people farming".

Das klingt nach Landwirtschaft. Was verstehen Sie darunter?

Es ist wie in landwirtschaftlichen Betrieben, nur für Menschen. Wir sind das Nutzvieh, wir werden bewirtschaftet. Google und Facebook beackern uns und extrahieren Informationen aus uns, während wir uns mit ihren funkelnden Spielzeugen beschäftigen. Diese Unternehmen überwachen alles, was Sie im Netz tun. Wenn Sie eine Webseite besuchen, die einen Like-Button von Facebook eingebaut hat, trackt Facebook Ihr Verhalten. Wenn irgendetwas von Google - etwa ein Youtube-Video - in eine Webseite eingebaut ist, trackt Google Sie damit. Auch dank seines Analytics-Programms, das viele Webseiten verwenden, hat Google 70 bis 80 Prozent des Webs im Blick. Die Tech-Konzerne kombinieren diese Daten mit anderen, zum Beispiel denen von Datenbrokern, die jedes Mal Informationen bekommen, wenn Sie Ihre Kreditkarte in der Apotheke an der Ecke benutzen. Und bald kommen noch die Daten aus der "smarten Stadt" hinzu. Auch da hängt Google mit drin.

Was machen die Unternehmen mit den so erstellten Profilen der Menschen?

Sie wollen eine Simulation unseres Selbst besitzen, einen digitalen Zwilling von jedem. So ein Profil ist nicht statisch. Es verändert sich ständig, wird dauernd von Algorithmen analysiert. Damit verdienen die Unternehmen das Geld. Den Zugang dazu vermieten sie an ihre echten Kunden. Denn vergessen Sie nicht, dass Sie nicht deren "Kunde" sind. Sie sind deren "User". Die einzige andere Branche, in der das Wort im Englischen noch verwendet wird, ist die des Drogenhandels. (engl.: drug user, Anm. d. Red.)

Aber die Apps sind äußerst beliebt, Millionen Menschen nutzen sie freiwillig.

Das liegt daran, dass wir Programmierer keine Werkzeuge bauen, sondern Fallen. Die Produkte machen süchtig. Denn nur wenn die Menschen sie ständig nutzen, fallen weiter Daten an, die abgebaut werden können. Google muss hart dafür arbeiten, dass Youtube-Zuschauer nicht merken, dass Youtube zurückschaut. Sie müssen jedes Mal zwei Produkte bauen: Eines, das Menschen jeden Tag nutzen, sie vielleicht sogar süchtig macht. Und eines, das Menschen überwacht, wofür das Unternehmen seine Kunden zahlen lässt.

Aber Facebook und Google sind bei Weitem nicht die einzigen, die in Sachen Adtech mitmischen.

Das System ist viel größer, und es beginnt mit dem Start-up an sich. Ein Start-up ist eine bestimmte Art temporäre Firma. Entweder es skaliert und wird ein milliardenschweres "Einhorn", oder es scheitert. Ein nachhaltiges Unternehmensmodell ist gar nicht das Ziel. Start-ups werden von Risikokapital angetrieben, und das funktioniert wie Wetten in Las Vegas. Wer einen Risikokapital-Fonds betreibt, weiß, dass neun Start-ups scheitern werden, in die er investiert. Das zehnte muss dann eben eine Milliarde wert werden. Und das dafür nötige, exponentielle Wachstum lässt sich nur mit people farming erzielen.

Aber Start-ups gelten als Treiber von Innovation. Wo sollen technische Ideen sonst herkommen?

Wir verwechseln Innovation mit Ausbeutung. Es ist nichts Innovatives daran, Menschen zu besitzen. In der Vergangenheit besaßen Menschen die Körper anderer Menschen. Das hieß Sklaverei. Heute kann ich alle Informationen über Sie besitzen, und das ist so legal wie es Sklaverei einst war.

Im Unterschied zur Sklaverei wird aber niemand körperlich verletzt.

Doch, und zwar trifft es die Verwundbarsten zuerst. Wenn Sie homosexuell sind und in einem Land leben, wo das illegal ist, und Facebook weiß, dass Sie homosexuell sind, dann wird Ihnen das irgendwann schaden. In den USA und Großbritannien wurde versucht, Wahlen über soziale Medien zu manipulieren. Wer privilegiert ist, merkt erst mal nichts. Aber irgendwann stellt er vielleicht fest, dass er einen höheren Versicherungsbeitrag zahlen muss, weil das Smartphone der Versicherung verraten hat, dass er sich ungesund ernährt.

Wenn das Start-up-Modell so schlimm ist: Welches Modell ist geeignet, sinnvolle Digitaltechnik zu entwickeln?

Es ist die größte Lüge, die uns erzählt worden ist: Der einzige Weg, Technik zu bauen, ist der Weg des Silicon Valley. Deren Lobbyisten erzählen den EU-Politikern: Ihr müsst es so machen wie wir, sonst bleibt ihr für immer die "alte Welt". Das ist gelogen. Wir können IT bauen, die ausschließlich ein Werkzeug ist, und uns nicht überwacht. Apple ist ein gutes Beispiel dafür. Die machen ihren Gewinn mit der Hardware. Wenn Sie ein iPhone gekauft haben und es danach direkt in den Müll schmeißen, liebt Tim Cook Sie trotzdem. Denn er hat seinen Gewinn schon gemacht. Wenn die Leute das mit Telefonen machen, auf denen Googles Android-Betriebssystem läuft, verdient der Konzern erst Geld damit, wenn man das Telefon anschaltet und überwacht werden kann. Sogar im jetzigen System gibt es also Alternativen. Aber es kann auch abseits des kapitalistischen Modells funktionieren.

Aber viele nicht kommerzielle Produkte haben sich nicht stark verbreitet. Sie sind womöglich nicht attraktiv genug?

Kein Wunder. Auf der einen Seite erhalten Menschen, die ethisch vertretbare Software programmieren, keinerlei Förderung. Auf der anderen Seite fließt eine Billion in das Silicon Valley.

Kann Europa einen dritten Weg neben der amerikanischen und der chinesischen Variante der digitalen Überwachung gehen?

Ich hoffe es. Wir haben die Chance, hier Menschenrechte und Demokratie in den Mittelpunkt der Entwicklung von Technologie zu stellen. Aber in Europa unterstützen wir derzeit mit Steuergeldern auch nur Start-ups. Wenn die erfolgreich sind, werden sie von Google oder Facebook gekauft. Wenn sie scheitern, zahlt das der EU-Steuerzahler. Warum verhalten wir uns wie ein unbezahltes Forschungszentrum für das Silicon Valley? Immerhin ist die Datenschutz-Grundverordnung ein großartiger erster Schritt, um die Datensammler zu regulieren. Nur müssen Verstöße auch konsequent geahndet werden. Dafür sollte es auch eine Webseite geben, auf der alle Bürger Unternehmen bei Verstößen einfach melden können.

© SZ vom 18.12.2019

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite