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"Über Theopoesie":Theologie und Mikroplastik

"Den Himmel zum Sprechen bringen": Peter Sloterdijk erzählt, wie die Götter zur Sprache kamen.

Von Johan Schloemann

Peter Sloterdijk: Den Himmel zum Sprechen bringen. Über Theopoesie. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 352 Seiten, 26 Euro.

Peter Sloterdijk ist jetzt 73 Jahre alt, wirkt wieder sehr fit und ist nach Jahrzehnten im Karlsruher Feuchtbiotop in eine schöne große Wohnung in Berlin-Halensee gezogen. Trotz seiner gewohnten politikberatenden Neigungen bedeutet die Nähe zum Regierungssitz aber nicht, dass der Kulturdiagnostiker auf das Verfassen geistesgeschichtlicher Rundumschläge verzichtet. Sein neues Buch handelt von der Religion.

Dies ist jedoch kein Alterswerk eines prinzipiell säkular gestimmten Professors, so wie sich Jürgen Habermas zu seinem 90. Geburtstag scheinbar überraschend der Geschichte von Glauben und Wissen zugewandt hatte. Nein, die Religion hat immer schon Sloterdijks eindrucksvolle Metaphernmaschine auf Hochtouren gebracht. Das reichte von heiligen Kuriositäten in der "Sphären"-Trilogie (1998-2004) bis zu Büchern wie "Gottes Eifer" (2007, im Nachhall der Terroranschläge vom 11. September 2001), "Du musst dein Leben ändern" (2009, zur Geschichte von Askese und Training) und "Nach Gott" (2017, im Jahr des Reformationsjubiläums), um nur dies zu nennen.

So wie bei den Mengen von Plastikmüll im Ozean, schreibt Peter Sloterdijk jetzt, gebe es "auf den Weltmeeren des Seelischen gewaltige Wirbel aus Götter-Rückständen". Das Aufspüren von solchen "Partikeln zerfallender Kult-Erinnerungen" summiert sich bei ihm zu einer eher diffusen Säkularisierungstheorie. Bei dieser bleibt meist in der Schwebe, welche konkreten Nachwirkungen der Glaubensgeschichte sich aus findigen theologischen Genealogien und Analogien denn nun genau für die Kultur der Gegenwart ergeben.

Mal ist düsterer von der "Spukfähigkeit emeritierter Götter" die Rede, durch welche die Religion heute wiederkehren könne "als ideologisierte Politik, als Bühnenzauber, als Technikwunder und als informatorische Pandemie". Zum Schluss des Buches klingen die Restbestände der Frömmigkeit hingegen harmloser und freundlicher: Die Religion ist, in Europa zumindest, fast ganz befreit von ihren früheren gesellschaftlichen Funktionen, heißt es da. "Das übrige ist Anhänglichkeit, begleitet vom Verlangen nach Teilhabe."

In anderen Schriften Sloterdijks sollen die religiösen Traditionen, von den Schöpfungsmythen bis zum Opfer- und Sündenverständnis, Konflikte und psychosoziale Prägungen der (post)modernen Gesellschaft erklären oder wenigstens anschaulicher machen. Abgesehen davon, dass sich außerdem auch einfach schön von ihnen erzählen lässt, wenn man so saftig Ideengeschichte betreiben kann wie Peter Sloterdijk. Im neuen Buch aber will er die Formen religiöser Rede selbst genauer untersuchen. Diese hat seit den prähistorischen Anfängen "die Aufgabe, dem Jenseits, dem Höheren (...) zu einer hinreichend evidenten Manifestation in der menschlichen Lebenswelt zu verhelfen". Deswegen heißt das Buch "Den Himmel zum Sprechen bringen", und der Untertitel "Über Theopoesie" zeigt an: Es geht darum, wie die Sinnsysteme von Verehrung und Erlösung aus der Energie menschlicher Erzählung und Dichtung entstanden.

Nun ist die Umwendung, dass der Mensch die Götter schuf und nicht umgekehrt, ein klassisches Motiv der Religionskritik. Sloterdijk beansprucht da auch gar keine besondere Originalität, er geht wie immer nicht als gnadenloser Entlarver vor, sondern mit der Methode neugieriger Einfühlung. Zum Beispiel zitiert er, wie der oberste Gott Marduk in den altbabylonischen Schrifttafeln beschrieben wurde: "Er ist der, dessen Zorn ist wie ein verheerender Sturm, / doch sein Hauch ist glücksbringend wie eine Morgenbrise. / In seinem Groll ist er unwiderstehlich, seine Wut ist eine Sintflut, / doch sein Geist ist fürsorglich, sein Herz ist mild." Und Sloterdijk kommentiert dieses sehr schwer kalkulierbare Gottesbild so: "Er streut seine Zuneigungen und Abneigungen aus wie ein Über-Krösus, der sich von seiner Fülle erleichtert."

Der griechische Philosoph Platon und seine Nachfolger versuchten hingegen später "die Entkoppelung von Dichtung und Wahrheit" im Verstehen des Göttlichen. Die Willkür der Götter, ja ihr sagenhaft unmoralisches Verhalten sollten gezähmt werden. Dieser Versuch der Entfremdung der Künste vom Glauben hatte indes nicht allzu viel Erfolg: "Die Sprache der abstrakten Vertikalität", schreibt Sloterdijk, "kam dennoch nicht umhin, sich weiterhin auf die Anschaulichkeiten von Berg, Wolke und Vogel, Himmel, Sonne, Blitz und Stern zu stützen." Und lange noch befeuerten sich Gottes- und Herrscherlob gegenseitig, zum Teil noch bis heute.

Sloterdijks Buch ist ein ausgeuferter Festschrift-Artikel für den Ägyptologen Jan Assmann, der vor zwei Jahren achtzig wurde. Daran mag es liegen, dass man die Passagen zum eigentlichen Thema dieser 350-Seiten-Monografie ziemlich suchen muss. Sie sind umgeben von einer großen Paraphrase der Theologiegeschichte, verknüpft mit allgemeiner Gesellschaftstheorie, und so sprunghaft das zugeht, so sehr entzündet sich an immensen Lektüren wieder das essayistische und aphoristische Genie dieses Autors. Auch für Sloterdijks Schreiben gilt, was er zur Evolution der Religion schreibt: "Die Zeichenzone wächst parallel mit der Auslegungskunst."

Ganz erloschen ist das Verlangen auch heute nicht, im Mythos einen Kern von Offenbarung zu finden. Es gibt das Gute und das Böse in der Welt, und so hofft man auf eine Sphäre der Sinnstiftung - auch da hilft einer der vielen hübschen Merksprüche von Peter Sloterdijk: "Dass der Himmel in beiden Hinsichten keine Sicherheiten bietet, wird ihm als Souveränität zugute gehalten."

© SZ vom 24.11.2020
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