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Udo Lindenberg im Interview:"Snowden kann jederzeit kommen"

Udo Lindenberg

Udo Lindenberg am 3. Juni in Düsseldorf - erstmals in seiner Karriere bespielt er jetzt Stadien.

(Foto: dpa)

Panikrocker Udo Lindenberg entert zur "Krönung des Lindenwerks" erstmals in seiner Karriere Stadien: An diesem Samstag ist Auftakt in Düsseldorf. Ein Interview über abhörsichere Hotelräume für Whistleblower, über "Udo im Ufo" - und über sein Erfolgsgeheimnis.

Dass Udo Lindenberg aktuell in einem Rechtsstreit steckt, scheint seine Feierlaune kaum zu trüben. Sein langjähriger Leibwächter und Freund Eddy Kante hat den Panikrocker auf über 500 000 Euro Lohnnachzahlung verklagt, gerade suchen beide außergerichtlich nach einer Einigung. Doch der 68-Jährige hat im Moment anderes im Sinn: An diesem und nächstem Wochenende gibt er vier Stadionkonzerte (7./8. Juni in Düsseldorf, 13./14. Juni in Leipzig). Erstmals überhaupt in seiner Karriere.

SZ.de erzählt er, in schwarz-grauem Anzug und Sonnenbrille auf einem roten Sofa hängend, was die Besucher erwartet. Um ihn zu verstehen, muss man schon das Ohr ganz nahe an sein hutbedecktes, tief zerfurchtes Gesicht bringen. Auch wenn man dabei die eine oder andere Prise Zigarrenqualm abbekommt. Denn natürlich nuschelt er wie immer.

Herr Lindenberg, was sagen Sie zu den Forderungen von Eddy Kante?

Udo Lindenberg: Eddys Forderungen sind irreale Märchen aus Absurdistan. Auslöser für den Bruch war ja, nicht zu vergessen, seine Autobiografie. Diese absurden Kohlegeschichten, die völlig aus der Luft gegriffenen Zahlen, sind nur ein getrickster Nebenschauplatz. Kompletter Realitätsverlust. Mit den Vorbereitungen für die großen Panik-Party-Shows habe ich zurzeit wirklich Wichtigeres zu tun.

Die erste Leipzig-Show ist am Freitag, den 13.?

Echt? Freitag, der 13. ist mein Glückstag. Die 13 meine Glückszahl. An so einem Freitag bin ich 1969 das erste Mal nach Hamburg gedüst, um dort Karriere zu machen, das weiß ich noch genau. Und am 13. August 1973 habe ich das Panikorchester gegründet. Aber keine Ahnung, ob das ein Freitag war. Auf jeden Fall wird das Leipziger Konzert auch deshalb eine super Sache.

Ihre tiefe Verbundenheit zu Leipzig ist seit Ihrem hochemotionalen Konzert von 1990, kurz nach der Wende, bekannt. Aber warum rocken Sie eine Woche zuvor schon die Arena in Düsseldorf?

Düsseldorf ist die Zentrale des Wilden Westens. Ich bin zwar in Gronau geboren, aber ich habe mit 15 dort im Hotel Breidenbacher Hof meine Ausbildung zum Kellner gemacht. Ich werd' mal schauen, ob meine Pagen-Uniform noch da im Spind hängt und noch passt. Vom Aschenbecherputzer zum Stadionrocker - wenn das nix ist. Ein amerikanisch-westfälischer Traum.

2012 schwebten Sie im Zeppelin ein. Jetzt soll es ein Ufo sein, stimmt das?

Udo im Ufo, unbekanntes Flugobjekt. Oder auf der Drohne - auf jeden Fall gibt's Fluggeräte irgendwo zwischen Silicon Valley und Entenhausen. Damit will ich die Leute besuchen und ihnen Hallöchen sagen. Wir greifen also ganz tief in die Technik- und Trickkiste. Die Leute kommen ja zum Feiern, nicht um zu gucken, ob der Sänger singen kann. Das wird eine große Familienparty der Lindianer in der absoluten Panikmetropole. Die Krönung des Lindenwerks. Der Gedanke daran gibt mir schon jetzt den Kick.

Welche Gäste fliegen mit ein? Clueso, Max Herre, Peter Maffay, Andreas Bourani und aus unserem Berliner Musical Josephin Busch, das Mädchen aus Ost-Berlin.

Kommt vielleicht auch Grand-Prix-Sieger/-in Conchita Wurst? Der Name könnte ja fast aus einem Ihrer Songs stammen.

Nein, sie kommt nicht. Aber ich finde sie und ihren Song grandios. Sie ist genau die Attacke, die wir gegen die Oppositions- und Schwulenhetzer überall auf der Welt jetzt dringend brauchen.

Wie gegen Putin? Was würden Sie mit dem machen?

Politik nach Protokoll alleine bringt es oft nicht. Man sollte sehen, dass man mit Putin auf einer privaten Schiene spricht. Als Vermittler könnte man es hier durchaus mit Gerhard Schröder versuchen, dem inzwischen bestimmt auch klar geworden sein dürfte, dass es sich bei Putin eben nicht um einen lupenreinen Demokraten, sondern um einen lupenreinen Diktator handelt. Ich glaube, dass man auf einer privaten Ebene von Schluckspecht zu Schluckspecht mehr erreichen kann.

Privat würden Sie auch gern die Sache mit Whistleblower Edward Snowden klären - und haben ihn zu sich eingeladen.

Snowden kann jederzeit kommen. Ich habe schon mal ein Zimmer bei mir im Atlantic Hotel klar gemacht. Er sollte auf jeden Fall nach Hamburg, nicht nach Berlin kommen, dort wird zu sehr geschnüffelt. Im Atlantic gibt's dagegen ein paar abhörsichere Räume. Ich habe sie persönlich entwanzt. Wenn alle politischen Angelegenheiten privat, basisdemokratisch geklärt werden könnten, würde alles viel leichter abgehen. Oder wer würde denn privat in den Krieg ziehen?

Zurück zur Show: Kürzlich zwei Clubkonzerte am Timmendorfer Strand, dann eine Kreuzfahrt auf dem Rockliner, zu Pfingsten Rock gegen Rechts in Köln. Sie scheinen in der Form Ihres Lebens und erfolgreicher denn je zu sein. Aber sind Sie fit fürs Stadion?

Logisch. Seit drei Monaten jeden Tag schwimmen und rudern, kitzeln und kraulen, Eierlikör saufen und nachts eine Stunde joggen. Ich bin ja ein Nachtschichtarbeiter. Dr. Schnellsohle. Kürzlich noch ein Rock'n'Roll-Trainingscamp an der Ostsee. Auch sonst gehe ich jeden Tag in meinem Hamburger Hotelpool schwimmen. Weißer Hai, Teil 3. Und dann setze ich Drogen ganz gezielt ein, studiere ein bisschen fernöstliche Kräuterwissenschaft. Also ich mache kein Komasaufen mehr wie früher, trinke heute weniger.

Wie sieht ein perfekter Tag eines Nachtschichtarbeiters aus?

Ich lege mich immer 5, 6 Uhr morgens ab, schlafe bis Mittag und bin von da an am Start. Singe. Male. Trinke ein Eierlikörchen. Gehe raus. Ich verstecke mich nicht, ich wollte berühmt werden.

Ihr Erfolgsgeheimnis?

Die Mode kam, die Mode ging, und er war immer noch der King. Klaro? Also ich renne keinen Trends hinterher, mache mein Ding. Wohl deshalb habe ich jetzt mehr Erfolg denn je. Ein bisschen thrillen und chillen auf dem Olymp gefällt mir. Aber was da zuletzt abgegangen ist, das ist ein enormes Geschenk meiner Fans. Nur dadurch habe ich gedacht, das könnte im Stadion funktionieren. Aber dass die Nachfrage so flutscht - totaler Flash.

Sind heute bei Panik-Konzerten noch Unterschiede zwischen Ost und West zu merken?

Das ist beides geil - der Wilde Westen und der heiße Osten. Überall Panik-Fieber. Aber im Osten geht's tiefer rein, vor allem bei den Alten, die sich noch ganz genau an die speziellen Lieder erinnern. Ich war ja der einzige Sänger, der an diesem Wunsch, wieder zusammen zu sein, charmant dran geblieben ist. "Mädchen aus Ostberlin", "Der Generalsekretär" und so weiter. Das hat die Menschen in der DDR und mich sehr eng verbunden, wir hatten diese Seelen-Brücke. Im Westen ist es auch wahnsinnig intensiv. Da bin ich aber weniger der Star, mehr Kumpel. Nach dem Motto: Das ist einer von uns.

Am 12. Juni startet die Fußball-WM. Ihr Tipp?

Der Weltmeistertitel wird an die Bunte Republik Deutschland gehen.

Udo Lindenberg live, in Düsseldorf am 7. und 8. Juni, in Leipzig am 13. und 14. Juni.