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TV-Kritik Anne Will:Wolle mer se reinlasse?

Deutschlands Elite diskutiert bei Anne Will, ob Kinder aus sozial schwachen Familien auch Oberschicht sein dürfen. Am Ende bleibt nichts als ein klebrig-süßer Betroffenheitssirup.

Früher war alles besser, darin war sich die Runde bei Anne Will einig. Denn früher gab es noch Biographien, wie die von Gerhard Schröder: Die Mutter putzt, um die Kinder zu ernähren, der Sohn macht Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, studiert Jura und trägt als Bundeskanzler Brioni-Anzüge.

Anne Will

Anne Will

(Foto: Foto: AP)

Schön auch die Geschichte einer einfachen Verkäuferin, die einen Journalisten trifft: Zwei Menschen mit völlig unterschiedlicher Herkunft verlieben sich, zeugen ein Kind und nennen es Günther.

Heute ist dieses Kind 51 Jahre alt, moderiert "Wer wird Millionär" bei RTL und wird vom Staatsrechtler Hans Herbert von Arnim als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten vorgeschlagen.

Alles vorbei. Heute hätte der Journalist seine Frau möglicherweise im Internet gefunden, und bei den Suchoptionen hätte er vorsorglich die Schlagworte "Arbeiter" und "Arbeitssuchend" auf den Index gesetzt. Und dann ist da die klassische Elitenbiographie des 21. Jahrhunderts: Nehmen wir Katherina: Die Eltern sind Unternehmer, daher ist das Mädchen mit etlichen Privilegien gesegnet.

"Exotische Einzelmeinung"

Natürlich geht Katherina aufs Gymnasium. Selbstredend studiert sie danach, verbringt einige Semester im Ausland und schließt ihr Chemiestudium mit Diplom ab. Mit 25 Jahren wird Katherina Reiche für die CDU in den Deutschen Bundestag gewählt.

Dort sitzt sie seitdem, durfte als Mitglied von Edmund Stoibers Kompetenzteam etwas zur Familienpolitik sagen und heiratete später - wie könnte es anders sein - einen Politiker. Wenn früher alles Schröder war, dann ist heute alles Reiche.

Die Biographien der Führungseliten haben sich gewandelt - und das ist seltsam. Denn in Deutschland hat sich viel getan. Im Jahr 1998 trat die Generation der 68er an, den Grauschleier der Kohl-Jahre abzustreifen und verkrustete Strukturen aufzubrechen. In sieben Jahren Rot-Grün hat Deutschland gelernt, wie wichtig Bildung ist und dass nicht immer nur die Frauen auf die Kinder aufpassen müssen.

Doch gleichzeitig, so klagten die Gäste von Anne Will, hat sich eine Wand zwischen die Elite und die Unterschicht gezogen. Ein Dazwischen gibt es sowieso nicht mehr. Denn die Mittelschicht, das wissen wir spätestens seit einer McKinsey-Studie vom Wochenende, ist sowieso bald nicht mehr existent.

So schwebt nun ein kleines Grüppchen über dem Moloch aus Hartz-IV-Empfängern, darbenden Rentnern und einer weinerlichen Rest-Mittelschicht. Dieses Grüppchen verhält sich im besten Fall integer und schaufelt im schlechtesten Fall Millionen illegal nach Liechtenstein.

Was jedoch, wenn die Unterschicht auch aufsteigen möchte? Für dieses Szenario suchte Anne Will am Sonntag ein Rezept - und hatte sich dazu mit jeder Menge Elite umgeben.

Neben TV-Moderator Jauch und CDU-Frau Reiche saßen die Unternehmerin Margarita Mathiopoulos, der DJ-Star Paul van Dyk, der SPD-Mann Karl Lauterbach und Julia Friedrichs, die nach ihrem Journalistikstudium bei der Unternehmensberatung McKinsey hineinschnupperte.

So hockte Deutschlands Elite beim sonntäglichen Stelldichein von Anne Will und diskutierte, wie man denn die große Mehrheit der Bevölkerung in den erlauchten Kreis hineinholen kann - und darüber, ob das überhaupt nötig ist. Man brauche doch eine Elite, sagte die Unternehmerin Mathiopoulos und fügte gleich hinzu, dass mit diesem Thema in Amerika viel unverkrampfter umgegangen werde und überhaupt wäre man in Deutschland gleich wieder bei dieser unsäglichen Neiddebatte.

Wenn jedoch die Unterschicht den Drang verspürt, auch Elite sein zu wollen, dann geht das nur über Bildung. In Deutschland werden Kinder jedoch mit zehn Jahren in gute, mittelmäßige oder schlechte Schüler eingeteilt und meistens gehen die Kinder aus sozial schwachen Familien auf die Hauptschule und die Ärztekinder aufs Gymnasium.

Man kann sich am deutschen Bildungssystem reiben. So wie die Unternehmerin Mathiopoulos, die selbst keine schöne Schulzeit hatte, weil die Lehrer alle doof waren: "Die einen waren Nazis, die anderen Alternative." Noch mehr regt sich die Geschäftsfrau allerdings darüber auf, wie Schule heute ist. Daher spricht sie vom "Skandal" einer "verkorksten Bildungspolitik", fordert kleinere Klassen, individuellere Förderung und mehr Lehrer.

Mehr Geld als Allheilmittel für eine bessere Bildungspolitik - das ist nicht neu. Konzepte, wie jedoch die zementierten Strukturen aufgelöst werden könnten, fand Anne Wills Runde nicht. Die Gruppe beschränkte sich auf das Übliche: Das allgemeine Wehklagen über die aktuelle Situation und den neidischen Blick nach Frankreich, wo alles besser ist. Schließlich fasste CDU-Frau Reiche die gewonnenen Erkenntnisse in drei Worten zusammen. Was zählt sei "Bildung, Bildung, Bildung". Nein, wirklich?

Nur einer versuchte sich aufzulehnen gegen den klebrig-süßen Betroffenheitssirup. Man kann Karl Lauterbach für einen selbstverliebten Gockel halten und für einen arroganten Besserwisser - vielleicht ist er das auch. Lauterbach war jedoch der Einzige, der nicht nur Geld in das System pumpen wollte, sondern vehement für ein neues Konzept eintrat: Das dreigliedrige Schulsystem habe ausgedient, die Hauptschule müsse weg. Ein System, das Kinder schon mit zehn Jahren einteile und abstemple, sei nicht zeitgemäß.

Aber irgendwie wollte Anne Will das alles gar nicht hören. Denn um 22.43 Uhr musste sie noch schnell eine wirklich wichtige Frage "weltexklusiv" klären. Ob Günther Jauch denn wirklich, wie von Hans Herbert von Arnim gefordert, Bundespräsident werden wolle? Jauch grinste, sagte, dies sei eine "exotische Einzelmeinung". Es blieb die einzige neue Erkenntnis des Abends.