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"Trans Bavaria" im Kino:Weggehen, um anzukommen

In dem neuen Roadmovie "Trans Bavaria" zeigt Regisseur Konstantin Ferstl niederbayerische Postkartenidylle als freundliches Gefängnis. Die Antwort: Rebellentum. Eine Autofahrt nach Moskau wird zum Mittel gegen Erstickungserscheinungen.

Doris Kuhn

Che Guevara und Fidel Castro sitzen auf einer Parkbank, beide in dunkelgrüner Uniform, Zigarre zwischen den Zähnen, jugendlich und hoffnungsfroh. Sie sprechen auch, spanisch natürlich, und ermuntern einen blonden Jungen in ihrer Mitte, den Kampf nicht aufzugeben. Um sie herum: eine sanft geschwungene, bayerische Postkartenlandschaft.

Gefangen in Niederbayern: Ottfried Fischer und Johanna Bittenbinder richten ihren Sprösslingen die Abiturfeier aus - die aber suchen Rebellion und Aufbruch. 

(Foto: Zorro Film)

Ähnliche Episoden gibt es in "Trans Bavaria" häufig. Von König Ludwig bis Franz Josef Strauß tauchen die unterschiedlichsten historische Figuren auf - zumindest in den Tagträumen der Hauptfigur Quirin. Darin geht es um Abenteuer, Auflehnung, Revolte. Für einen Jungen, der in Niederbayern aufwächst, sollte es viel zu revoltieren geben - könnte man meinen.

Was aber, wenn die Eltern Sozialpädagogen sind, die für alles Verständnis haben? Dann wird sogar das zum Problem. Also schreibt Quirin vorerst sein Abitur und bemüht sich um einen politisch aussagekräftigen Abistreich.

Der Regisseur Konstantin Ferstl zeigt - offenkundig autobiografisch - seine Heimat und seine Jugend als freundliches Gefängnis. Sein Film "Trans Bavaria", im Herbst auf dem Festival in Hof bereits bejubelt, erzählt vom Heranwachsen auf dem Land, und das, das von akuten Erstickungserscheinungen geprägt, egal ob man mit oder ohne Freiheit groß wird ist, und vom Aufbruch als rebellischer Geste.

Als ihr Abistreich ordentlich missglückt, klauen Quirin und seine Freunde Joker und Wurschti spontan ein elterliches Auto und treten den Weg in den Osten an. Im Film werden sie als "verklemmter Poet", als "Zigarrenschnösel" und "Metzgerssohn" beschrieben, was die Abwesenheit von aktuellem Teenager-Styling ausreichend erklärt. Ihr Ziel der Reise ist das Ziel eines jeden ernstzunehmenden Revolutionärs: Moskau, roter Platz.

Auf dem Weg ziehen viel schöne, eher menschenleere Gegenden vorbei, während im Auto allerlei Coming-of-Age-Themen behandelt werden, vom Testosterongestank über den Musikgeschmack bis zur existenziellen Einsamkeit. Es fehlt ein wenig am Überschwang des Ausbruchs, die Jungs sind häufig schlecht gelaunt. Ihre Ängste und ihre Planlosigkeit haben sie immer noch mit im Gepäck.

Heimat, Fremde und Freundschaft

Trotzdem wird gerade durch die etwas unbeholfene Roadmovie-Attitüde des Films wieder etwas klar, was heute gern in Vergessenheit gerät, bei all der internationalen Ferienplanung, der jedermann aufsitzt: Wer als Reisender sich selbst finden will, steigt immer noch am Besten ins Auto und fährt einfach los. Nirgends ist die romantische Geste größer, nie ist man beiläufiger weg, und das gruppendynamische Potential ist kaum zu überbieten.

Denn obwohl ein Roadmovie den Zusammenhang von Heimat und Fremde erforscht, geht es Konstantin Ferstl auch um die Freundschaft, die wichtig und haltbar ist, so lang man das Erwachsenwerden noch von sich weist. Wie das aussieht, zeigen nicht etwa heroische Momente auf der Reise seiner Helden, sondern Gefühlsausbrüche, Wut und Jammer - all die Seelenlagen, die sinistren Lagen, in denen sich Teenager immerzu urplötzlich wiederfinden. Den steten Zweifel an anderen und sich selbst nehmen diese Jungs stoisch hin, ohne sich voneinander abzuwenden.

Sehr hilfreich dabei ist die Abwesenheit von Kommunikationsmitteln die sonst jeder Teenager benutzt. Kein iPhone, keine sozialen Netzwerke sind mit auf der Reise dabei. So sind die Jungs gezwungen, miteinander zu reden - oder eben nicht. Dafür entdeckt man wieder einmal den unschlagbaren Charme, den Telefonate am Münzfernsprecher haben, und sowohl durch diese Zeitlosigkeit wie durch den spürbar persönlichen Gestus entwickelt der Film sein sympathisches Flair. Auch wenn dafür 120 Minuten etwas lang sind. Denn letztlich folgt "Trans Bavaria" doch einer sehr vertrauten Formel, die sich auch kürzer fassen lässt: weggehen, um anzukommen.

TRANS BAVARIA, D 2011 - Buch und Regie: Konstantin Ferstl. Kamera: Stephan Bookas. Mit Marcel Despas, Lukas Schätzl, Johannes Demjantschitsch, Eisi Gulp, Hansi Kraus. Zorro Film, 127 Minuten.

© SZ vom 05.03.2012/mapo/pak
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