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Tragikomödie:Eine Banane spielt Geige

Die französische Komödie "Die fast perfekte Welt der Pauline" will ein Gegenmodell zur "fabelhaften Welt der Amélie" sein.

Pauline hat viele Probleme. Die "fast professionelle" Musikerin ist Ende dreißig, hat leider keinen Partner und ihre Wohnung teilt sie mit einer Maus. Ihr Geld verdient sie mit Auftritten als Alleinunterhalterin für undankbare Kinder, zum Beispiel im Darth-Vader-Kostüm.

Besonders demütigend ist ein Auftritt als Geige spielende Banane vor einer Gruppe selbstgerechter Rentner. Der Termin läuft auch deshalb nicht so gut, weil Pauline kurz vorher einen Mann getötet hat. Denkt sie zumindest, denn unterwegs zu dem abgelegenen Seniorenrefugium musste sie, noch verkleidet im schwarzen Darth-Vader-Outfit, einen Mann nach dem Weg fragen. Der ist vor Schreck in eine Grube gefallen und regungslos liegen geblieben. Pauline hat nur rasch den Krankenwagen gerufen und ist dann abgehauen, was sie sofort bereut, aber eine bessere Reaktion ist ihr nicht eingefallen. Im Leben der Pauline geht auf fabelhafte Weise alles schief.

Es gibt Filme, die das Land, in dem sie spielen, für immer prägen. In Frankreich ist das so mit "Die fabelhafte Welt der Amélie". Dem ohnehin überhöhten Frankreichbild vieler Touristen, Au-Pairs und Austauschstudenten hat der Film noch einen weiteren Dreh ins Märchenhafte gegeben. Der hält aber meistens nur bis zum ersten Taschendiebstahl in der Metro. Für die Enttäuschung, die das Auseinanderklaffen von Erwartung und Realität verursachen kann, gibt es im Falle Frankreichs mit dem Paris-Syndrom sogar eine eigene psychologische Diagnose. Länder und Städte werden das Klischeebild aus dem Kino meist nicht mehr los.

Philippe Rebbot und Isabelle Carré als seltsames Pärchen.

(Foto: Neue Visionen)

Marie Belhommes Debütfilm "Die fast perfekte Welt der Pauline" könnte deshalb ein dringend notwendiges Anti-Amélie-Projekt sein, ein sarkastischer Kommentar auf die französischen Wohlfühlkomödien der vergangenen Jahre. Denn Pauline findet heraus, dass der Mann, den sie so erschreckt hat, zum Glück nicht tot ist, sondern im Koma liegt. Um das Unglück wiedergutzumachen, besucht sie ihn jeden Tag im Krankenhaus und übernimmt seinen Job als Musiklehrer. Natürlich ohne zuzugeben, dass sie in den Unfall verwickelt war. Immer tiefer taucht sie in das Leben des Mannes und in ein Netzwerk aus Lügen ein, bis sie sich sogar um dessen Sohn und Hund kümmert. Pauline möchte gern so selbstlos und hilfsbereit werden wie Amélie, wirkt aber eher wie eine irre Stalkerin, die den armen Mann aus dem Weg schafft, um sein Leben zu übernehmen.

Trotz vieler Peinlichkeiten und einer ordentlichen Portion Zynismus wird der Film dank Hauptdarstellerin Isabelle Carré aber nie böse. Das liebenswerte Chaos im Kopf der verhuschten Frau schafft Carré sogar im Ganzkörperbärenkostüm darzustellen, obwohl es am meisten Spaß macht, ihrer Pauline mit der flackernden Panik im Blick beim Scheitern zuzusehen. Auch, weil schnell klar ist, dass nicht jedes Unglück schlecht ausgeht. Dabei ist sich der Film zum Schluss selbst nicht ganz treu, aber Frankreich ist ja auch trotz manch enttäuschter Touristen ein schönes Land.

Les Chaises Musicales, Frankreich 2016 - Regie: Marie Belhomme. Buch: Michel Leclerc, Marie Belhomme. Kamera: Pénélope Pourriat. Mit: Isabelle Carré, Carmen Maura, Philippe Rebbot, Nina Meurisse. Neue Visionen, 83 Minuten.

© SZ vom 25.08.2016

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