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Tragikkomödie:Für immer jung

Film "Die schönste Zeit unseres Lebens"

Victor (Daniel Auteuil) fühlt sich mit der Schauspielerin Margot (Doria Tillier) an seiner Seite wieder so glücklich wie früher.

(Foto: Constantin Film)

In dem Film "Die schönste Zeit unseres Lebens" schickt Regisseur Nicolas Bedos seine Helden auf eine romantische Zeitreise, wie man sie im Kino noch nicht gesehen hat.

Von Susan Vahabzadeh

Victor ist ein Dinosaurier. Er sitzt herum, am Anfang von "Die schönste Zeit unseres Lebens", bei einer Veranstaltung, bei der seine Frau Marianne und sein Sohn ihre Erfolge präsentieren. Er hat als Comiczeichner für eine Zeitung gearbeitet, aber die erscheint nur noch digital und ohne Comics.

Es geht so ausgiebig um die Gegenwart, dass Victor sich nicht die Bohne dafür interessiert, was sein Sohn und seine Frau so treiben. Seine Frau, Psychoanalytikerin, behandelt jetzt Tausende Patienten gleichzeitig online, und sein Sohn hat mit seiner Firma ein Vermögen gemacht. Er bietet Victor sogar einen Job an. Jemand erzählt von einer Firma, die Zeitreisen anbietet, für sehr viel Geld. Wohin würde er reisen wollen, wenn er könnte? "In die Steinzeit", grummelt Victor abschätzig.

Das Reisen durch die Zeit ist im Kino ein eigenes Genre, und zwar eines, dass normalerweise ziemlich viel Nachsicht einfordert, was die Löcher in der Logik betrifft. Dem französischen Filmemacher Nicolas Bedos, der den Film "Die schönste Zeit unseres Lebens" inszeniert und geschrieben hat, ist tatsächlich noch einmal ein neuer Dreh für die Geschichte vom Wanderer zwischen den Epochen eingefallen - so eine Art "Westworld" für betuchte Einzelpersonen, jedes Mal nach Wunsch frisch gebaut vor den Toren von Paris. Höfisches Treiben, politische Wendepunkte, alles zum Anfassen. In Frankreich ist diese Komödie vor zwei Wochen gleich an die Spitze der Kinocharts geschossen, was sicherlich daran liegt, dass es ja gar nicht so viele Filme gibt, die keinem anderen ähneln. Außerdem hat Bedos, der hier erst seinen zweiten Film abliefert, eine ziemlich eindrucksvolle Besetzung zusammengetrommelt: Den grummeligen Victor spielt Daniel Auteuil, und Fanny Ardant spielt die flamboyante Gattin Marianne - zwei Relikte der großen Zeiten des französischen Films.

Er will ins Lyon des Jahres 1974, als er in einer Bar Marianne zum ersten Mal begegnet ist

Die beiden sind mit ihrer Ehe ziemlich am Ende, das wird klar, als sie auf dem Heimweg sind. Marianne fährt und schickt Victor noch einmal durch den strömenden Regen, um Besorgungen zu erledigen, damit sie mit ihrem Liebhaber telefonieren kann. Ansonsten macht sie ihm Vorwürfe, weil er ihr zu langweilig ist, nicht aktiv genug, ach, überhaupt: Er ist ihr zu alt. Eigentlich hat sie natürlich nur Angst, selbst alt zu werden, aber das will sie nicht wahrhaben, also setzt sie Victor irgenwann vor die Tür.

So kommt eine unglückselige Konstellation zustande. Victor zieht in die kleine Wohnung jenes Mannes, der ihn bei der Zeitung hinausgeworfen hat, denn der ist der Liebhaber von Marianne und schläft jetzt in Victors Bett. Victor tut sich gehörig leid, und nur, weil er nicht so recht weiß, was er jetzt mit dem Rest seines Lebens anfangen soll, nimmt er ein Geschenk seines Sohnes wahr. Er hat einen Gutschein für die Zeitreise-Firma bekommen. Sie gehört Antoine (Guillaume Canet), ein Kinderfreund des Sohnes, der Victor gegenüber tiefe Dankbarkeit empfindet, als wäre er der einzige, der sich erinnert, dass dieser Mann früher nicht frustriert und langweilig war, sondern einer, auf den man sich verlassen konnte. Also setzt Antoine hinter den Kulissen alles daran, dass seine Truppen, Schauspieler, Requisiteure, Techniker, Victors Wunsch erfüllen. Er will doch nicht in die Steinzeit. Er will nach Lyon, im Mai 1974 um genau zu sein, als er in einer Bar gegenüber einem kleinen Hotel Marianne zum ersten Mal begegnet ist. So wie er es damals gezeichnet hat in einem unvollendeten Comic-Roman.

Kein computergeneriertes Bild könnte Victor bieten, was Antoine für ihn auf die Beine stellt: Lyon, 1974, aufgebaut in einem alten Studio in Paris. Victor braucht ein bisschen, um sich an die junge Frau (Doria Tiller) zu gewöhnen, die ihm als Marianne gegenüber sitzt. Erst korrigiert er sie - aber bald stört es ihn kaum noch, dass sie nicht Marianne ist. Ganz im Gegenteil: Er beginnt, sie aus ihrer Rolle heraus in ihre wahre Identität zu drängen, weil er sich einzubilden beginnt, was nur geht, wenn das Gegenüber aus Fleisch und Blut ist: Er meint, er habe sich in die Schauspielerin verliebt.

Sie ist Antoines Freundin, das kompliziert die Sache, die Reise wird immer teurer und Antoine immer besessener von der Vorstellung, er sei so eine Art Heiler, der Victors Leben wieder in Ordnung bringt. Bald mischt sich noch eine dritte Realitätsebene in das Wechselspiel zwischen Lyon 1974 und dem Paris der Gegenwart, dem Ort für Geld- und Requisitenbeschaffung. Es ist kein freundliches Urteil, das Bedos hier über die Gegenwart fällt. Der Reiz dieser Geschichte besteht vielleicht gerade darin, wie Bedos mit der Vergangenheit umgeht: Sie war schäbig, sie hatte nur den Vorteil, dass Victor sein Leben noch vor sich hatte. Aber sie war übersichtlich und analog, und nichts an ihr war furchterregend.

Eigentlich ist "Die schönste Zeit unseres Lebens" ein trauriger Film mit komischen Menschen, aber am Ende ist Licht: Es kommen dann alle wieder ins Reine mit der Welt, mit dem Älterwerden und der Veränderung. Sogar mit der Digitalisierung, obwohl sogar Marianne einsehen muss, dass es Dinge gibt, die man online nicht erledigen kann.

La Belle Epoque, Frankreich 2019 - Regie und Buch: Nicolas Bedos. Kamera: Nicolas Bolduc. Mit: Daniel Auteuil, Guillaume Canet, Fanny Ardant, Doria Tiller, Pierre Arditi, Jeanne Arènes. Constantin, 116 Minuten.

© SZ vom 29.11.2019
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