"Colourgrade" von Tirzah:"Lärm ist beruhigend"

"Colourgrade" von Tirzah: Tirzahs Definition von guter Musik: "Der Song muss sich in seiner eigenen Haut wohlfühlen."

Tirzahs Definition von guter Musik: "Der Song muss sich in seiner eigenen Haut wohlfühlen."

(Foto: Lillie Eigner)

Sängerin Tirzah fürchtet sich vor sehr vielem - unter anderem ihren eigenen Träumen. In ihrer Musik kombiniert sie R'n'B mit Noise. Und zwar unerreicht gut.

Von Juliane Liebert

Man sagt ja, das Streaming habe die Musik hektischer gemacht, vor allem die Songanfänge: möglichst viel Geklingel, Fanfaren und Gedonner, damit der Hörer mindestens die 30 Sekunden dranbleibt, in denen Spotify rechnet. So wie inzwischen auch jeder zweite Film mit einer unübersichtlichen Actionszene beginnt. Wenn das stimmt, macht Tirzah Anti-Streaming-Musik. Sie nimmt so viel weg, wie nur irgend geht, setzt auf primitivistische Loops, die sie mit kleinen Variationen unter Spannung hält, und lässt mitten im Song auch mal dem Geräusch Raum.

"Colourgrade", das eben erschienen ist, ist ihr zweites Album. Tirzah hat keine Scheu, es im Titelsong mit einer minutenlang wiederholten Phrase ihrer digital zerdehnten und roboterresonanten Stimme zu beginnen: "Keep Your Face straight, Colourgrade." Kaum kann man es Melodie nennen. Ergänzt wird alles nur von hektisch kreiselndem Gepfeife, wie von einem Theremin, das einen Urvogel imitiert, und einem kurzen Songtext, von ganz nah gesungen. Skizzenhafter Soul.

Beim Zoom-Interview ist Tirzah müde. Ihr Lieblingssong vom neuen Album sei "Sleep", sagt sie, lachend. Zumindest sei es das, wonach sie sich gerade am meisten sehne. Sie hat in den vergangenen drei Jahren zwei Kinder bekommen, und lebt seitdem in einer Art Blase, erzählt sie. "I was deeply immersed in new baby." Träumt sie noch? "Ich habe nicht wirklich Träume. Mica", sie meint Micachu, ihre*n nicht-binäre Produzent*in, "lachen darüber, sie* haben immer sehr aufsehenerregende Träume und erinnern sich an sie." (Sie spricht von Mica im Plural: "Mica, they are laughing about it...") Aber ihr, Tirzah, passiere das fast nie. Sich wiederholende Träume findet sie gruselig. Fürchtet sie sich leicht? "Ja!" Wovor? Sie lacht. "Wo anfangen? Wo aufhören? Besonders wenn du Kinder hast, sind deine Gefühle eh auf dauerhoch gestellt."

"Ich sang einfach Worte, die sich auf ,Library' reimen. Es war ein Desaster."

Die Musikerin lebt am Rand von London. Sie hat einen unkonventionellen Sound, der R'n'B mit etwas verkuppelt, was man wohl Noise nennen kann. Sie ist nicht die Erste, die in den vergangenen Jahren R'n'B mit elektronischer Musik verbunden hat, aber ihr gelingt es am besten. Sie bekommt die Gratwanderung so gut hin: so konventionell, dass es für eine relativ breite Masse noch zugänglich ist, aber ohne den Anspruch auf das Experimentelle zu verlieren.

Ein bisschen fühlt man sich an die frühe Lorde erinnert, nur in einer radikaleren Version. Tirzah schielt nicht bewusst auf den Mainstream, sie macht aber auch kein verbissenes Untergrundzeug. Ihre Musik vermittelt eher den Eindruck, als seien ihr solche Kategorien gleichgültig. Sie sieht entsprechend auch eher aus wie eine Bibliothekarin als wie ein Rockstar. Der erste Song, den sie je geschrieben hat, handelte - wie passend - von einer Bibliothek. Sie schrieb ihn mit 14. "Ich sang einfach Worte, die sich auf ,Library' reimen. Es war ein Desaster." Jetzt war sie schon lange nicht mehr in einer Bibliothek.

Tirzah stellt außerdem gerne Gegenfragen und lässt sich für ihre Antworten Zeit. "Eine Geburt ist das Beste auf der Welt. Ich belasse es dabei. Es wäre nicht hilfreich, mehr Details preiszugeben." Sie selbst war eines von fünf Geschwistern. Als Teenager hat sie tatsächlich viel R'n'B gehört. "Die Einflüsse dessen, was du gehört hast, gehen im Inneren eine Osmose ein. Egal, was passiert, sie werden immer da sein. Sie sind der genetische Code deines Musizierens."

Was macht für sie einen guten Song aus? Ein guter Song müsse einen etwas fühlen oder denken lassen, sagt sie. "Der Song muss sich in seiner eigenen Haut wohlfühlen."

Das tut "Tectonic", der zweite Track von "Colourgrade", auch wenn die Haut hochsensibel und angespannt ist. Schon vor Monaten als Vorabsingle veröffentlicht, nimmt der Song viel Anlauf im Noise, bevor ein roher Beat einsetzt und Tirzah im Sprechgesang die Begegnung zweier Körper als Empfindungstektonik beschreibt. Er erinnert ein wenig an "My Beautiful Leah" von PJ Harvey, auch wenn der emotionale Gehalt beider Songs nicht wirklich vergleichbar ist. Bei PJ Harvey hat das Primitivistische noch mehr Power. Aber die Stilmittel ähneln sich. Manchmal braucht man als Gegengewicht zum Talent mit intuitiv perfektem Formbewusstsein eben auch das Suchende, zu Hause etwas schief Zusammenmontierte und Mildere.

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(Foto: Domino Records)

Im Video zu "Tectonic" fährt die Kamera scheinbar aus Ultranahperspektive über gewundene Oberflächen, die man im einen Moment als nackte Haut wahrnimmt, dann wieder als karge Landschaft oder als abstrakte Grafik eines Computerspiels.

"Send me" wiederum ist destillierter Grunge: eine simple E-Gitarrenfloskel, eine stampfende Maschinen-Bassdrum, ein paar Hi-Hats und Tirzahs Gesang, der das rudimentäre Arrangement umspielt. Sie trägt dabei nicht dick auf, das braucht sie auch nicht. Sie kombiniert durch ihr Timbre und ihre Gesangstechnik Electro, Grunge, Hip-Hop und Soul, aber sie tut das mit nur wenigen Instrumenten-Zutaten, baut übersichtliche Arrangements. Dadurch kommt etwas anderes raus als zum Beispiel das Post-internet-ADHS von 100 Gecs oder irgendein leichtverdaulicher eklektizistischer Babybrei. Alle Elemente bleiben klar erkennbar und ergeben doch beiläufig etwas Neues.

Mag sie Lärm? Sie denkt nach, natürlich. "... Ja. Es klingt immer, als würde ich zögern, aber ich denke nur nach. Meinen Sie Lärm in der Natur oder in der Musik? In beiden Fällen: Definitiv! Lärm ist beruhigend. Meine Mutter staubsaugte immer um uns herum, wenn wir schliefen, als ich ein Kind war. Vielleicht kommt es daher."

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