"Kind 44" im Kino Total paranoid

Brutales Verhör: Tom Hardy (rechts) als knallharter Sowjetgeheimdienstoffizier Leo Demidow, dem zunehmend Zweifel an seiner Arbeit kommen (im Bild mit Jason Clarke).

(Foto: Larry Horricks; SND)

Neben den Bahngleisen liegt eine bestialisch zugerichtete Kinderleiche: Tom Hardy spielt in "Kind 44" einen sowjetischen Geheimdienstoffizier auf Serienmörder-Suche. Leider nimmt sich der Film zu viel vor.

Von Anke Sterneborg

Neben den Bahngleisen wird eine bestialisch zugerichtete Kinderleiche gefunden. Doch 1953 darf es in der stalinistischen Sowjetunion, dem Paradies der Arbeiter und Bauern, kein Verbrechen geben - weshalb der Mord kurzerhand zum Unfall umdeklariert wird.

Geheimdienstoffizier Leo Demidow (Tom Hardy) soll den Vater des Jungen, mit dem er eng befreundet ist, dazu bewegen, die offizielle Version zu akzeptieren. Zur Not mit Druck. Eigentlich ist Leo ein linientreuer Agent der sowjetischen Staatssicherheitsbehörde MGB, einem Vorläufer des KGB. Ein Nationalheld, der die Feinde des Systems unerbittlich aufspürt und jagt.

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Trailer zu "Kind 44"

Lebenslügen

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Es kommt viel zusammen in diesen Tagen: Demidows Frau lässt ihn wissen, dass sie ihn nicht aus Liebe, sondern aus Angst geheiratet hat. Nach einer ausgedehnten Foltersitzung taucht ihr Name auf einer Liste mit Landesverrätern auf, und es gehört zu den perfiden Mechanismen des Stalinismus, dass Leo auf seine eigene Ehefrau angesetzt wird. Während er noch damit hadert, ob er sie ans Messer liefern oder sein Leben und seine Karriere aufgeben soll, eröffnet sie ihm, dass sie schwanger ist.

Der Film will zu viel auf einmal sein

Diesen Mann in der Gewissenskrise zu spielen, der langsam all die Lügen seines Lebens aufdeckt, das ist eine tolle, vielschichtige Aufgabe für Tom Hardy, der sich in den letzten Jahren als extrem wandelbares Schauspielerchamäleon erwiesen hat. Er ist ein Meister der subtilen und widersprüchlichen Nuancen. Doch so wie die großen Schauspielerkollegen um ihn herum - Noomi Rapace, Vincent Cassel, Gary Oldman, Joel Kinnaman - wirkt auch er seltsam verloren in der beklemmend kalten Atmosphäre dieses Films. Denn der will zu viel auf einmal sein: Historienfilm, Politthriller, Krimi, Ehedrama. Es steckt so viel drin in der Bestsellervorlage von Tom Rob Smith, dass es allemal für eine Fernsehserie gereicht hätte.

Beim Versuch, das üppige Material auf Spielfilmformat zu stutzen, hat Drehbuchautor Richard Price ("The Wire") ein paar merkwürdige Entscheidungen getroffen. Besonders fatal ist, dass er dem Täter, dessen Biografie im Roman auf abgründige Weise mit der des Ermittlers verzahnt ist, das Handlungsmotiv nimmt - und damit der ganzen Geschichte ihren Sog.

Ein skandinavischer Regisseur gegen Hollywood

Wohlweislich hat sich Ridley Scott, der ursprünglich als Regisseur vorgesehen war, auf den Produzentenposten zurückgezogen und die undankbare Regieaufgabe seinem dänischen Kollegen Daniel Espinosa überlassen. Der hatte sich mit "Easy Money" und seinem Hollywood- Debüt "Safe House" durchaus für solche Genreaufgaben empfohlen. Ihm gelingt es auch, eine beklemmende Atmosphäre heraufzubeschwören, in der sich die Paranoia des Überwachungsstaates wie ein dichter Nebel über die Bilder legt. Doch im verwirrenden Kuddelmuddel der verschiedenen Handlungsstränge verlieren sich seine Figuren und ihre Motive. Auf dieser Ebene erzählt der Film von einem skandinavischen Regisseur, der nicht gegen den Geheimdienst aber gegen Hollywood auf verlorenem Posten steht.

Traurige Ironie der Geschichte ist, dass die Verfilmung des Buches, das von den zersetzenden Folgen der Vertuschung erzählt, kürzlich aus den russischen Kinos verbannt wurde. Sie passte nicht ins Konzept der Feierlichkeiten zum siebzigjährigen Jubiläum des Kriegsendes. In einem Land, das sich während der Annexion der Krimhalbinsel die eigene Geschichte immer noch zurechtbiegt.

Child 44, Tschechien, Großbritannien, Rumänien, USA 2015 - Regie: Daniel Espinosa. Buch: Richard Price, nach der Romanvorlage von Tom Rob Smith. Kamera: Oliver Wood. Mit: Tom Hardy, Gary Oldman, Noomi Rapace. Concorde, 137 Minuten.

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