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Thomas Hürlimanns Werke:"Sie sind nicht Übel"

Der Schweizer Schriftsteller Thomas Hürlimann 2001 in Berlin. Zu seinem 70. Geburtstag im Dezember 2020 wurde es Zeit für den Rückblick auf sein Werk.

(Foto: imago stock&people/imago stock&people)

Thomas Hürlimanns Familienromane und seine Antworten auf die Sirenenrufe der Literaturgeschichte: Eine Werkschau der Zeitschrift "Text und Kritik".

Von Lothar Müller

Natürlich kann man einen gefälschten Pass auch auf den richtigen Namen ausstellen. Etwa, um dem Namen einen Doktortitel hinzuzufügen. Der Inhaber des Passes sieht verdächtig aus. Oder der Pass. Oder beide. Jedenfalls hat der Schweizer Zollbeamte Heinrich Übel junior an der Einreise aus Italien gehindert. "Geboren am 21. Dezember 1950, schulterlanges Haar, achtzig Kilo, keine besonderen Kennzeichen." Der Verdächtige hat nicht nur kein schulterlanges Haar, er hat überhaupt kein Haar, wiegt allenfalls sechzig Kilo, und die Narbe an seiner Schläfe verlangt geradezu gebieterisch nach der Rubrik "besondere Kennzeichen". Da ist es immerhin ein Lichtblick, dass Heinrich Übel das Geburtsdatum mit seinem Autor teilt.

Die Zeitschrift "Text und Kritik" hat jetzt Thomas Hürlimann anlässlich seines 70. Geburtstages einen Band gewidmet, zu dem der Jubilar das Fragment einer entstehenden Novelle unter dem Titel "Coco Chanel im Kloster" beigesteuert hat. Das Kloster entfaltet darin beträchtliche Abstoßungskräfte.

Der Aufsatzband umfasst Hürlimanns Gesamtwerk, vom Erzähldebüt "Die Tessinerin" (1981) über die Theaterstücke und die als Trilogie lesbaren Romanfolge "Der große Kater" (1998), "Fräulein Stark" (2001) und "Vierzig Rosen" (2006) bis hin zum jüngsten großen Roman "Heimkehr" (2018), dessen Hauptfigur eben jener verdächtige Heinrich Übel junior ist.

Die Bibel und die Odyssee zerren am Helden, auch Kafka und Rip Van Winkle

Man tut gut daran, ehe man sich den Aufsätzen widmet, die ihm explizit gewidmet sind, Michael Brauns konzise Darstellung der Familiendesaster in Hürlimanns Schweizer Trilogie zu lesen. Braun liest unter dem sprechenden Titel "Der eiserne Vater und die lachende Mutter" den "Großen Kater" als Vaterroman, "Fräulein Stark" als Onkelroman und "Vierzig Rosen" als Mutterroman vor dem Hintergrund biblischer Erzählmuster, die dazu dienen, autobiografischen Stoff, nicht zuletzt den frühen Krebstod des jüngeren Bruders zur Darstellung zu bringen. Hürlimann erzählt Familiengeschichten, aber die Form des Familienromans und alles unmittelbar autobiografische Erzählen, die beliebte "Autofiktion", scheut er wie der Teufel das Weihwasser. Lieber stöbert er als versierter Theaterautor im Fundus der Erzählmuster und schneidert sich aus den Kostümen ein Narrenkleid.

Alexander Honold, Nicolaus von Passavant (Hrsg.): Thomas Hürlimann. Text + Kritik Bd 229. München 2021. 98 Seiten, 24 Euro.

(Foto: edition text+kritik)

In "Heimkehr", dem Roman über den Sohn eines Gummiwarenfabrikanten, der zugleich im Leben scheitert und bei dem Versuch, es aufzuschreiben, treibt er das auf die Spitze. Und schafft dadurch ein Paradies für Literaturwissenschaftler, wie Alfred Bodenheimer und Alexander Honold in ihren Lektüren des Romans zeigen. Die Bibel und die Odyssee (Abraham und verlorener Sohn versus Heimkehr und Narbe) zerren am Helden, Kafka und Rip Van Winkle, und in einer überraschenden Volte holt Honold aus dem Anschnauzer des Zollbeamten "Sie sind nicht Übel" eine epochale Antwort auf den berühmten ersten Satz in Max Frischs Roman "Stiller" heraus: "Ich bin nicht Stiller." Ein fester Boden ist auch damit nicht erreicht. Heinrich Übel, ein nicht eben zuverlässiger Ich-Erzähler, hat sich aus dem Fundus einen Schelmenroman zurechtgeschneidert. Festlegen lässt er sich nicht, weder auf Abraham noch auf Odysseus.

© SZ/masc
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