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Theaterpremiere in München:Klima, Flüchtlinge, Feminismus - alles drin!

Alles in Action: Das Ensemble spielt die reale Fluchtgeschichte einer Nigerianerin, die im Mittelmeer ertrank.

(Foto: Birgit Hupfeld)

"Kassandra/Prometheus" am Münchner Residenztheater als überladenes Aktions-Drama.

Als die Band Coldplay kürzlich verkündete, sie würde erst wieder auf Tour gehen, wenn das weitgehend klimaneutral möglich sei, wurde sie dafür belächelt. Und als es der Sänger Faber in einem Lied über Geflüchtete den "besorgten Bürgern" verbal auch richtig "besorgen" wollte, musste er die Zeile umschreiben und sich entschuldigen. Das zeigt, in welchem Dilemma viele Künstler gerade stecken. Einerseits wollen sie sich zu gesellschaftlichen Problemen positionieren, andererseits stehen sie damit schnell unter Anbiederungsverdacht. Sicher ist das ungerecht, und im Endeffekt tut es der Umwelt gut, wenn keine Bühnenteile durch die Weltgeschichte fliegen, egal warum. Trotzdem bleibt es heikel mit der Kunst und der Moral.

Das Theater als "moralische Anstalt" hat es da eigentlich leichter. Brecht erfand das Lehrstück, um den Normalos die Möglichkeit zu geben, komplexe gesellschaftliche Probleme zu durchdringen, damit sie erhellt nach Hause gehen. Der Klimawandel hat es problemlos auf die Bühne geschafft, und fast überall steht ein Projekt mit Geflüchteten auf dem Spielplan. Nur kommt auch da selten Gutes bei heraus.

So ist es nun auch bei Peter Kastenmüllers Doppelabend "Kassandra / Prometheus. Recht auf Welt", das im Marstall des Münchner Residenztheaters uraufgeführt wurde. Eine Inszenierung, in der alles gut gemeint, viel zu viel gewollt und nichts richtig gut gemacht ist. Autor Kevin Rittberger behandelt im ersten Teil "Kassandra oder die Welt als Ende der Vorstellung" das Thema Flucht, in "Prometheus. Wir Anfänge" den Klimawandel. Kassandra und Prometheus hat er als Metafiguren darüber konstruiert, weil sie als Seher in der griechischen Mythologie Bescheid wissen und doch nicht gehört werden.

"Kassandra", als "Lehrstück" gelabelt, begleitet dokumentarisch eine Nigerianerin auf ihrer Flucht. Rittberger hat dafür ein Stück von 2010 überarbeitet, damals hatte er mit Geflüchteten gesprochen. Kastenmüller inszeniert dementsprechend eifrig eine Art Aktionismus-Drama: Die Schauspieler springen in sandfarbenen Anzügen (Kostüm: Aino Laberenz) über die Bühne, die mit leeren Öltonnen vollgestellt ist wie eine Kampfzone. Sie sprechen laut und schnell in wechselnden Rollen nach vorn zum Publikum, das sich in der verspiegelten Bühnenrückwand - Stichwort Selbsterkenntnis! - sehen kann. Auf einer Leinwand laufen Nachrichtenbilder von Katastrophen. Schnitt zu einer Preisverleihung: Journalisten klopfen sich gegenseitig auf die Schulter und fordern einen "neuen Blick" auf die Flüchtlingskrise. Als eine Filmemacherin (Mareike Beykirch) beschließt, ohne Kamera mit Flüchtenden auf ein Boot zu steigen, für das reale Erlebnis ist das leider gar nicht so unvorstellbar, wie man meinen könnte, und somit einer der stärkeren Momente des Abends. Ebenso die Geschichte der Übersetzerin (Hanna Scheibe), die wegen eines Fehlers die Abschiebung von ein paar Menschen zu verantworten hat. Nicht nur die Kunst ist im Dilemma, auch der Mitteleuropäer, der so gern helfen will, aber die eigene Hybris darin nicht erkennt.

So gerechtfertigt Rittbergers Gesellschaftskritik auch ist, in der Fülle wirkt sie erdrückend, belehrend und zum Anschauen freudlos. Was geholfen hätte: weglassen, sich entscheiden und noch mehr weglassen. So aber geht es in "Prometheus" gerade weiter, diesmal verschnörkelt, hier war Aischylos' Drama die Vorlage. Statisch sinnieren Götter und griechische Helden über die Menschheit, die mit dem Geschenk des Feuers nicht verantwortungsvoll umgeht und die Erde zerstört. Bühnenteile sind jetzt deshalb mit Plastik umwickelt. Prometheus (Max Mayer) behauptet zwar, die Hoffnung nicht aufzugeben, sieht aber als abgehalfterter Hippie so aus, als hätte er das längst getan. Und Io steht recht ratlos herum und findet, eigentlich sind die weißen alten Männer schuld. Auch das noch. Am Ende stimmt der hübsch ausgestattete Chor der Okeaniden ein Lied an, dessen Zuversicht sich in keiner Weise aus dem Abend ergibt.

Auch künftig werden Menschen nach Europa flüchten oder für das Klima kämpfen müssen. Es gab nie eine Zeit, zu der diese Themen dringender verhandelt gehören, als jetzt. Auch das Theater soll es weiter probieren, aber etwas weniger verkrampft vielleicht.