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Theaterperformance:Spurensuche mit Göttin

"Antigone - Eine Archivoper" im Schwere Reiter

Von Egbert Tholl

Antigone ist die Frau, die ihren Bruder Polyneikes bestatten will, was ihr Onkel Kreon, König von Theben, verboten hat, weshalb sie sterben muss. Sophokles hat darüber geschrieben, Aischylos, Anouilh und einige andere. Und nun gibt es dazu eine "Archivoper", was keine Oper ist, sondern eine Ansammlung verschiedener Annäherungen an das Thema, Weiterführungen dessen. Anna Lugmeier und Evamaria Müller haben Künstler aus Wien und München um Beiträge gebeten und diese zusammengebaut zu ihrem "Antigone"-Abend im Schwere Reiter. So disparat die Mittel der einzelnen Beiträge sind, so unterschiedlich die Setzungen: In einem Punkt ähneln sie sich. Sie sind Fußnoten, postdramatische Anmerkungen; den Kern, auf den sie sich beziehen, den muss man schon selber mitdenken. Oder anders gesagt: Der Abend fühlt sich an wie eine Mischung aus dem Film "Barbarella", der Serie "Raumpatrouille Orion" und dem, womit Alexander Kluge spätnachts im Fernsehen die Großhirnrinde der Zuschauer traktiert.

Es beginnt mit umwerfendem Charme. "Der Kleine Wahrsager" begrüßt das Publikum. Angela Wiedermann ist die versponnenste Verkörperung des Sehers Teiresias, die man sich vorstellen kann, außerordentlich freundlich und auch beflissen erzählt sie von einer Siedlung und deren Geschichten, die sich zu einem großen Haufen aufschichten, wenn keiner sie mehr hören will. Weiter geht es mit einer sehr konkreten Reise nach Serbien, zu einer uralten Klagefrau, die mit ihren Gesängen Trauernden hilft und dabei die eigenen Toten mitdenkt. Nächstes Video: Besuch des bizarren "Antigone"-Areals in Montpellier, was Julia Novacek im Film nutzt, sich auf eigentümlich eitle Art selbst zu interviewen.

Überhaupt gibt es hier viel Video, auch ein bisschen Tanz - oder eher: eine entspannte Bewegungsstudie -, die Zweier-Band Taurus macht elektronisches Zeug, eine Frau singt, ein paar andere Menschen simulieren ohne viel Ertrag Darstellerei auf der Bühne, überstrahlt von der Göttin Anna Lugmeier, eine Art postmythologisches Medium. Nun, es gilt hier ja, von der Idee her, Archivmaterial zu sammeln. Nicht jedem Fundstück würde man da einen Spitzenplatz einräumen. Aber unsympathisch ist die verkruschterte Spurensuche nicht.

© SZ vom 07.09.2019

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