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Theaterereignis in London:Der Schatten von Auschwitz

Familienpanorama: "Leopoldstadt" beginnt zur Zeit der k.u.k.-Monarchie. In der jüdischen Familie Merz feiert man Weihnachten mit Baum.

(Foto: Marc Brenner)

Achterbahn der Gefühle: Tom Stoppards Stück "Leopoldstadt" über eine jüdische Familie in Wien zwischen 1899 und 1955 wird in London gefeiert. Der Autor arbeitet darin seine eigene Familiengeschichte auf.

Von Cathrin Kahlweit

Das Theaterstück mit dem für Briten schwer auszusprechenden Titel "Leopoldstadt" hatte am 12. Februar im Londoner West End Premiere, und die Zeitungen kriegen sich nicht mehr ein vor Begeisterung: ein "Meisterwerk", "atemberaubend", "unvergesslich", "ein Triumph". Derlei euphorisierende Schlagzeilen fühlen sich ein wenig seltsam an, wenn sich im Wyndham's Theatre nach einer zweieinhalbstündigen Vorstellung der Vorhang senkt, und die Zuschauer sich beklommen ansehen, bevor sie leise und erschüttert auf die Straße hinaustreten. Wie naiv, fragt sich vermutlich mancher Theaterbesucher im multikulturellen, heiteren, reichen London, ist meine Gewissheit, gesellschaftlich akzeptiert, sicher und behütet leben zu dürfen? Wie weit weg ist das, noch und wieder, was da erzählt wird?

Das jüngste Stück des 82-jährigen Autors Tom Stoppard ist eine Achterbahn der Gefühle mit gleichwohl vorhersehbarem Ausgang. Wer Karten kauft, weiß, dass es sich um ein - an Stoppards Autobiografie angelehntes - Drama im Wien des vergangenen Jahrhunderts handelt, das von einer gut situierten, assimilierten, teils konvertierten jüdischen Familie erzählt. Die Geschichte beginnt zu k.u.k.-Zeiten 1899 und endet 1955. Die Wahrscheinlichkeit, dass es am Ende des Stücks kaum Überlebende gibt, ist also hoch. Warum setzt dann, wenn auf der Bühne die letzten drei Worte - "Auschwitz, Auschwitz, Auschwitz" - verhallt sind, dieses Erschrecken ein?

Stoppard ist einer der bekanntesten Bühnen- und Drehbuchautoren Großbritanniens. Er verarbeitete literarische Vorlagen zu komplexen Dramen ("Rosencrantz and Guildenstern are dead"), nahm sich Philosophie ("Jumpers"), Neurowissenschaften ("The Hard Problem") und Zeitreisen ("Arcadia") vor, und bei aller Komplexität sind seine Werke voller Wortwitz und sehr unterhaltsam. Er hat den Oscar für das beste Originaldrehbuch bekommen ("Shakespeare in Love") und unter anderem an "Indiana Jones" mitgeschrieben. Nun hat er sich also seine Familiengeschichte vorgenommen. Stoppard ist als Tomás Straussler in Zlin geboren, das im heutigen Tschechien liegt. Seine Eltern flüchteten vor den Nazis nach Indien, nach dem Tod des Vaters heiratete seine Mutter einen Briten und zog mit ihm nach Großbritannien. Stoppard bekam den Namen des Stiefvaters und wuchs als britischer Junge auf, den seine Mutter stets im Ungewissen darüber ließ, dass er aus einer jüdischen Familie kommt. Dass viele Angehörige im Holocaust umkamen, erfuhr er erst in den Neunzigerjahren. Vielleicht auch, weil er nicht fragte.

Im Zentrum steht die Wiener Unternehmerfamilie Merz, die über die Zeiten immmer wieder Antisemitismus zu spüren bekommt

Nun fragt er. Die New York Review of Books nennt das Stück sein "Coming Out", in dem der Autor nicht nur den österreichischen, sondern auch den britischen Antisemitismus aufs Korn nehme. Diesen umschreibt er elegant als "snobbery", Snobismus. Das Drama ist in Wien angesiedelt, und obwohl die Familie Merz, die im Zentrum steht, in einem vornehmen Bezirk lebt, verweist der Titel doch, sehr symbolträchtig, auf das ehemalige jüdische Ghetto der Stadt. Nach dem Einmarsch der Deutschen waren Juden nach und nach wieder dorthin verfrachtet worden, wenn man sie nicht gleich in die Konzentrationslager schickte.

Stoppard zeigt die Großfamilie in ihrer Gewissheit, arriviert und akzeptiert zu sein. Unternehmer Hermann Merz ist zum Katholizismus übergetreten, nennt sich einen "Christen jüdischer Herkunft", die Geschäfte gehen gut. Und doch sind da Zweifel: Vielleicht ist dieser neue Judenstaat, den Theodor Herzl predigt, doch eine gute Idee? Man könne in Wien ein arrivierter Künstler sein oder ein berühmter Mathematiker, sagt eine der Figuren, "aber in den Augen der anderen bleibst du immer der Jude".

Nach einem Zeitsprung, einer folgenreichen Affäre, dem ersten Weltkrieg und Sympathien für die Sozialisten kommt Stoppard 1924 im roten Wien an. Die Moderne hat Einzug gehalten, an der Wand hängt Klimt, eine Nichte tanzt Charleston. Der Merz-Sohn hat im Krieg Auge und Arm verloren. Zugleich zeigt der alte Antisemitismus sein neues Gesicht: Jüdische Studenten werden aus der Uni geworfen, Faschisten bereiten sich auf die neue Zeit vor. Der Haushalt wird ärmer, die Sorgen werden größer, die Zweifel wachsen. Gehen, bleiben? Der Tatsache, dass sie Juden sind, können die Familienmitglieder jetzt nicht mehr ausweichen.

Mit der Kristallnacht zerfällt der Clan. Manche können flüchten, einige begehen Selbstmord, andere werden später nach Auschwitz transportiert. Am Ende stehen drei Überlebende auf der Bühne. Einer ist nach Wien zurückgekehrt, eine Tante ist aus Brooklyn zu Besuch. Den dritten erinnert der Zuschauer flüchtig als den kleinen Leo in Wien 1938; er war Zeuge, als ein NS-Mann die Merz-Wohnung requirierte und den Vertrag für die "Arisierung" der Firma gleich mitbrachte. Leo war mit einem Stiefvater nach England geflohen und ist damit am ehesten ein Alter Ego von Tom Stoppard; seine Herkunft hat er verdrängt, er ist stolz auf seine Britishness. "Du lebst, als hättest du keine Geschichte", wirft ihm sein Wiener Cousin vor, "als würdest du keinen Schatten werfen."

"Leopoldstadt" in der Regie von Patrick Marber ist bei weitem Stoppards konventionellste Arbeit; das Stück ist bisweilen überfrachtet und belehrend und doch fesselnd, atemberaubend und manchmal sehr komisch. Stoppard schreibt, als ahne er, wie wenig die Zuschauer noch wissen über diese untergegangene Welt, die als vage Erinnerung in die heutige Zeit hineinragt. Er stelle, sagte er in Interviews, die Frage nach "remembering and misremembering", frei übersetzt nach der Erinnerung - und dem, was fehlt.

Inzwischen gibt es wieder jüdisches Leben im Wiener 2. Bezirk, in der Leopoldstadt. Aber das Gefühl der permanenten Bedrohung ist geblieben. Das Wiener Institut für empirische Sozialforschung spricht von einem "manifesten Antisemitismus" im Land. Und in Deutschland? Marschiert und tötet die radikale Rechte, während die AfD in den Parlamenten sitzt und vom "Fliegenschiss der Geschichte" faselt.

Tom Stoppard hat "Leopoldstadt" mindestens ebenso sehr für sich selbst wie für seine Zuschauer geschrieben. Und für beide Seiten ist es ein lebensnotwendiges Werk. Österreichische Bühnen, äußerte sich Stoppard, hätten schon angefragt.

© SZ vom 26.02.2020

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