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Theater:Würgende Beklemmung

Der Reisende Memmingen

Absurde Gestalten: Sie tragen alle Einheitslook und unterscheiden sich auch sonst kaum voneinander.

(Foto: Monika Forster)

Kathrin Mädler inszeniert die Dramatisierung des Romans "Der Reisende" als analytischen Kommentar zur Pogromnacht in Memmingen

Von Eva-Elisabeth Fischer

Ziemlich einfallslos, die Bühne, denkt man zunächst. Dieses braune Stoff-Dings im leeren Raum, es taugte vielleicht als Einheitsfelsen für irgendeine griechische Tragödie. Aus der Ferne aber klingt es nach entfesseltem Mob. Und die Schauspieler? Sie steigen aus der Unterwelt, also der Versenkung empor, vier Männer und zwei Frauen, dank ihrer gelben Perücken und gepflasterten Gesichter kaum voneinander zu unterscheiden. Sie skandieren ihren Text mit ironischem Unterton, sind Spieler in einem bedrohlich absurden Theater, fünf von ihnen in wechselnden Rollen oder als Chor, mit einem nicht mehr ganz jungen Mann im Zentrum, um den sich hier alles dreht, den Juden Otto Silbermann.

Bereits mit den ersten rhythmisierten Chören und Soli setzt beim Zuschauer ein untrügliches Missempfinden ein, das sich im Lauf der zweistündigen Aufführung zu würgender Beklemmung verdichtet. Kathrin Mädler, Intendantin des Landestheaters Schwaben in Memmingen, nämlich hat das Stück passend zur Jahreszeit inszeniert: "Der Reisende". Vorlage für die konzise Dramatisierung ist der gleichnamige Roman, geschrieben von Ulrich Alexander Boschwitz unter dem Eindruck der Novemberereignisse 1938, ein Jahr später erstmals in London erschienen und erst 2018 wiederentdeckt und neu aufgelegt. Darin blickt der damals erst 23 Jahre alte Autor, der bereits mit 27 starb, nicht nur tief in die Abgründe der menschlichen Seele, sondern fügt die schikanösen Puzzleteile hellsichtig zu einem Ganzen, das drei Jahre später den Namen "Endlösung" erhielt. Das konnte und wollte sich zu der Zeit kaum einer vorstellen.

Antiheld des Stationendramas um den unfreiwillig Zugreisenden ist der wohlsituierte Kaufmann Otto Silbermann. Der verliert nach dem 9. November 1938, nicht nur von seinen Kompagnons gedemütigt, düpiert und betrogen, alles, was sein Leben ausmachte: sein Haus, sein Geld, seine christliche Frau, seine Freunde. Ziellos reist er durch Nazideutschland von Ort zu Ort, erlebt die Gleichgültigen und ist doch nicht besser als sie, nämlich letztlich allein darauf bedacht, die eigene Haut zu retten. Als Paria aber kann er nicht einmal seine Rechte einklagen. Denn er hat ja keine mehr und wird am Ende darob irre. Das Fatum spielt in seiner Tragödie allerdings keine Rolle, denn diese ist ja menschengemacht.

Die kluge Kathrin Mädler geht das analytisch an, trocken und ohne jeden pathetischen Bibber. Klaus Philipp gibt den Silbermann denn auch mit schmerzender Nüchternheit. Wie auch die anderen, gesichtslosen Prototypen gleich, unterkühlt darstellen, wie der Mensch im Zweifelsfall funktioniert. Schön ist das nicht.

Mädlers Gefühlsaskese aber verstärkt die Empathie des Zuschauers, auch, weil er angehalten ist, die Metaebene des Stückes mit zu bedenken. Sie denkt mittels des "Reisenden", ganz ohne politisch korrektes Zeigefingergewackel, Geschichte weiter von der Pogromnacht bis zum Anschlag in Halle an Jom Kippur. Den genialen Bildkommentar dazu schuf Mareike Dalquis-Porschka. Denn das braune Stoff-Dings bläht sich immer mehr auf zum zähnefletschenden Monster. Die schlafenden Hunde nämlich sind längst wieder wach. Am lautesten grölen die Feinde der Demokratie, zum Verwechseln ähnlich denen am 9. November 1938. Geschichte, wiederholt sie sich wirklich nicht?

Der Reisende,nächste Vorstellung am 23. November, 20 Uhr, Landestheater Schwaben, Memmingen, www.landestheaterschwaben.de

© SZ vom 04.11.2019

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