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âÄžDie BlechtrommelâÄœ; Blechtrommel Theater Fürth

Ein Mann, eine Trommel: Boris Keil schlüpft in mehrere Rollen, insbesondere in jene von Oskar Matzerath.

(Foto: Thomas Langer/Stadttheater Fürth)

Boris Keil spielt Oskar Matzerath in der Bühnenversion der "Blechtrommel" - und macht daraus einen starken Solo-Abend am Stadttheater Fürth

In der Musik warten Künstler von Zeit zu Zeit mit Best-of-Zusammenstellungen ihrer Songs auf. Das gibt es in der Literatur so natürlich nicht. Trotzdem: Das Ein-Personen-Stück, das Oliver Reese vor ein paar Jahren noch als Intendant am Frankfurter Schauspiel aus Günter Grass' Jahrhundertroman "Die Blechtrommel" destilliert hat, erinnert stark an diese Art der Wieder- und Weiterverwertung.

Hunderte Seiten schnurren zu einer Collage der berühmtesten Passagen zusammen, die selbst heute noch die meisten kennen. Sei es, weil sie das bei Erscheinen skandalumtoste Buch gelesen haben. Oder ihnen die Oscar-prämierte Filmadaption von Volker Schlöndorff in Erinnerung ist. Das ist alles in allem gut gemacht, weil das Stück den deftig-barocken Tonfall und die Intention von Grass beibehält, den ungemein vergessenheitsbeflissenen Deutschen der Fünfzigerjahre den Spiegel vorzuhalten. Gleichzeitig ist es aber auch nur eine weitere theatrale Romanzerpflückung, die keinen nennenswerten Mehrwert gegenüber der Vorlage besitzt.

Der kleine Trommler und Glaszersinger Oskar Matzerath, ein ziemlich unzuverlässiger Erzähler, schildert genau wie im Buch: Wie auf einem kaschubischen Kartoffelacker unter den Röcken der Großmutter seine Mutter gezeugt wird; wie er als Dreijähriger seine erste weiß-rot gezackte Blechtrommel bekommt und beschließt, nicht mehr zu wachsen; wie er einen Nazi-Aufmarsch aus dem Takt trommelt; wie ein Schiffer aus dem Kadaver eines Pferdekopfes Aale herauszieht; und wie er die Liebe entdeckt, mit der Angestellten Maria Waldmeisterbrause schleckt und später ein Kind zeugt.

Die Szenen sind nicht zuletzt durch die genannte Schlöndorff-Verfilmung ins kollektive Gedächtnis eingesickert. Von daher ist es ganz richtig, dass Werner Müller, der langjährige Intendant des Fürther Stadttheaters, und sein Team für ihre Inszenierung in der Spielstätte Kulturforum ganz auf Purismus setzen. Die Bühne ist eine schmale Schräge. Außer einem Stuhl und der Trommel gibt es keine weiteren Requisiten. Kein zerspringendes Glas - das hört man nur als Tonband-Einspielung aus dem Hintergrund. Und auch keine Pferdekopfattrappe mit Aalen. Nur die Beleuchtung sorgt je nach Szene für eine andere Stimmung: Grün, wenn es eklig wird. Rot, wenn es brutal wird. Blau, wenn es lästerlich wird. Ansonsten soll der Zuschauer alle Bilder in seinem Kopf selbst entstehen lassen. Dass dies in jedem Augenblick der neunzigminütigen Aufführung gelingt, liegt an Oskar-Darsteller Boris Keil. Der etwas stämmige Schauspieler trägt Stiefelchen und eine Hose, die ihm viel zu kurz ist. Darin steckt ein Pullunder, darüber Hosenträger, Weste, Sakko. Keil, das Haar akkurat gescheitelt, wirkt so wie eine Art Riesenbaby, eine schöne Idee, wie man den Zwerg Oskar von einem Erwachsenen verkörpern lassen kann.

Beständig wechselt Keil die Rollen, hierfür genügen mimische und gestische Andeutungen. Mit vorgezogenen Schultern ist er Jan Bronski. Wenn er das Sakko über den Kopf zieht, spielt er Oskars Mutter. Und wenn er das Kinn arrogant nach oben reckt, hat er sich in den kleinwüchsigen Meister Bebra verwandelt. Oskar selbst gibt er zumeist mit staunenden Augen, dazu erzählt er dessen Widerstandsgeschichte mit einer Stimme, die etwas Kindlich-Naives und Trotzig-Renitentes hat. Nur ganz selten wird sein Oskar laut und trommelt wild. Und schreien, um Gläser und Fenster zum Bersten zu bringen, tut er schon gleich gar nicht. Hierfür reißt er lediglich seinen Mund weit auf, der Schrei selbst kommt aus dem Off als fieses Fiepen. Ein starkes Solo in einer stimmigen Inszenierung.

Die Blechtrommel, Stadttheater Fürth (Kulturforum), nächste Aufführungen, Mi., Do. und Fr., 22. bis 24. Jan, jeweils 20 Uhr

© SZ vom 22.01.2020
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