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Theater:Mord und Morast

Die Katze und der General  von Nino Haratischwili   URAUFFÜHRUNG 31. AUGUST 2019, THALIA THEATER

Dunkel, einsam, schuldig: Der General (Jirka Zett).

(Foto: Armin Smailovic)

"Die Katze und der General": Die Regisseurin Jette Steckel zeigt am Hamburger Thalia-Theater, wie man einen Roman auf der Bühne durch kluge Straffung verbessern kann.

Es ist nur ein kurzer Moment von wenigen Sekunden in dieser vierstündigen Inszenierung, aber als der Videoausschnitt groß auf die Bühne projiziert wird, in dem Wladimir Putin 2006 über die Ermordung der Journalistin Anna Politkowskaja spricht, da sieht man kurz die nackte Wahrheit. In diesem Gesicht eines Herrschers, der seinen Aufstieg dem russischen Völkermord in Tschetschenien verdankt, ist glasklar die ganze Feigheit eines Mannes gebannt, der kurz nicht weiß, welche Lüge er aufsagen soll. Soll er die rechtsstaatliche Maske auflegen, die ein heimtückisches Attentat auf seine schärfste Kritikerin verurteilt? Soll er Härte gegen ihre Mörder fordern, die zumindest mittelbar in seinem Dienst gehandelt haben? Oder soll er gar Mitgefühl heucheln? Putins so oft von starrer Verlegenheit gezeichnete Mimik kämpft um die beste Staatsgrimasse, und dann entscheidet er sich dafür, die unwürdigste aller Lügen vorzutragen. Anna Politkowskaja sei für die russische Politik völlig "unbedeutend" gewesen.

Es braucht nicht viel mehr an dokumentarischer Wahrheit über die moralische Verfaultheit des Putinstaates, um das Theaterstück "Die Katze und der General" nach dem Roman von Nino Haratischwili fest in der realen Weltpolitik zu verankern. Eine Weltpolitik, in der Unrecht und Grausamkeit so schnell vergessen sind. Heute weiß kaum noch jemand, wer die Tschetschenienkriege angefangen und mit rücksichtsloser Härte so lange geführt hat, bis das Land vernichtet war und einem Putin-Vasallen zur Ausbeutung übergeben wurde, der das Regime später an seinen Sohn vererbte.

Haratischwilis neuer Roman, eine Fortsetzung ihrer letzten großen Beschäftigung mit russischer Gewaltgeschichte in ihrer Heimat Georgien, "Das Achte Leben", hat Anna Politkowskaja nicht zur Hauptfigur erkoren. Aber die unermüdliche Kämpferin für die Wahrheit über die Massakerkriege, die erst Boris Jelzin, aber vor allem Wladimir Putins Invasionsarmee im Kaukasus geführt haben, ist die Graue Eminenz dieser Geschichte. Eine ihrer Reportagen lieferte den Anstoß für Haratischwilis Roman. Und als ruhige Ernsthaftigkeit, gespielt von Karin Neuhäuser, zentriert sie auch die Inszenierung des Stoffes am Thalia Theater.

Wie bereits "Das Achte Leben", so hat die Regisseurin Jette Steckel auch "Die Katze und der General" für das Hamburger Theater adaptiert. Und ihr ist es brillant gelungen, die 750 Seiten so zu verdichten, dass die Vorwürfe der Literaturkritik, das Buch sei etwas hölzern, klischeehaft und konstruiert, hier nicht wiederholt werden können. Die Geschichte des Oligarchen Orlow, der als junger Soldat 1995 von seinen Vorgesetzten gezwungen wurde, bei der tödlich endenden Vergewaltigung einer jungen Tschetschenin teilzunehmen, und der später Vergeltung für seine Schuld erzwingt, ist eine persönlich erzählte Gewaltgeschichte, die dunklen Bann auf das Publikum legt.

Ohne Ironie oder irgendwelche Exkurse folgt diese Inszenierung dem Stil einer Politkowskaja-Reportage. In sachlicher und strikt psychologischer Dokumentationsweise beschreibt Jette Steckel, wie Krieg Traumata erzeugt, die sich in neue Traumata vervielfältigen, und wie manche Menschen versuchen, den Schock entfesselter Gewalt und eigener Beteiligung daran zu bewältigen. Und dabei findet sie überzeugende Mittel, mit Geräuschen und Videoverfremdungen die massive und schwer erträgliche Gewalt dieser historischen Erzählung auf der Bühne so darzustellen, dass es weder abgeschmackt noch unbeholfen wirkt, sondern wichtig.

Jirka Zett spielt den jungen Küchensoldaten, aus dem ein russischer Oligarch mit dem Spitznamen "Der General" wird, in berührender Brüchigkeit. Alle gegensätzlichen Manöver der gequälten Seele leuchtet er aus, Vergangenes zu bewältigen: mit Ehrlichkeit, mit Verleugnung, mit Adaption der Amoralität, mit Reue, Rache und Verzweiflung. Sein Gegenpol ist Lisa Hagmeister als die junge Bauerstochter Nura, die 1995 das Opfer der soldatischen Gewaltsucht wird und 2016 als Wiedergängerin mit dem Spitznamen "Katze" in Berlin auftaucht und dort mit ihrer zwillingshaften Ähnlichkeit den "General" zu seinem Vergeltungsplan inspiriert.

Hinreißend lebensgierig spielt Hagmeister die selbstbewusste junge Frau, die von der Soldatenbande durch sexuelle Gewalt getötet wird. Als ihre Doppelgängerin nimmt sie den Racheplan des Oligarchen dann für sich selbst auf, weil sie als Kind ebenfalls einen traumatischen Gewalteinbruch verkraften musste. Und um diese beiden sich langsam annähernden Protagonisten einer Selbstjustiz aus Ohnmacht am russischen Unrechtsstaat zeigt Steckel viele beklemmende Varianten von Verdrängungsmethoden.

Die vom Militär in die Verrohung getriebenen Mittäter nehmen entweder aggressiv die Gewaltdoktrin der Machthaber als ihre Rechtfertigung an (Bernd Grawert als Andrei Schujew), verkriechen sich in Weinerlichkeit (Merlin Sandmeyer als Zaika) oder wechseln kaltblütig von militärischen Raubzügen zu ökonomischen im neuen Russland der Skrupellosen (Ole Lagerpusch als Petruschow). Es sind Rollenmodelle eines destruktiven Staatswesens, das nach dem Recht des Stärkeren funktioniert, also eine von allen Beteiligten sehr überzeugend gespielte Opfergemeinschaft der Gewaltfolgen.

Und diese Welt skizziert Jette Steckel in einem Bühnenbild von Florian Lösche, das aus immer neuen Labyrinthen aus hohen Mauern besteht, als eindrückliche Kritik an der russischen Zwangspolitik Putins, die dank des schnellen Vergessens auch von manch deutscher Politprominenz verharmlost werden kann, um eigene wirtschaftliche Interessen in Russland zu sichern. Da hat dann die Wahrheit wieder keine Chance mehr.

© SZ vom 02.09.2019

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