Theater Leuchtende Kinderaugen

Ein Raum wie eine königliche Jurte: Bei "Lumi" von Anna Grüssinger und Josefine Rausch fühlten sich die Babys sichtlich wohl.

(Foto: Paul Krehan)

Die Schauburg wagt sich mit "Lumi" an ein experimentelles Stück für Babys - und das "Tanztheater für alle, die noch nicht laufen können" funktioniert überraschend gut

Von Rita Argauer

Babys mögen Licht. Brennt irgendwo eine Lampe, eine Kerze oder auch, so unsinnlich es ist, leuchtet ein Fernseher oder ein Bildschirm, schauen schon ganz junge Babys in diese Lichtquelle. Licht ist auch der Ursprung von "Lumi", einem "Tanztheater für alle, die noch nicht laufen können", wie es in der Ankündigung der Schauburg heißt. Um diesem schönen Paradoxon - Theater für Babys, Tanz für die, deren Beine noch nicht kräftig genug sind, sie zu tragen - näher zu kommen, braucht man das Licht. Lumi klingt dabei nicht nur babymäßig süß, darin liegt auch das lateinische "lumen", also das Licht und das Leuchten.

Genau das nutzen die beiden Tänzerinnen und Performerinnen Anna Grüssinger und Josefine Rausch, die das Konzept entwickelt haben, bei der Premiere ihres Baby-Stücks: Sie leuchten. Ihre goldenen Ganzkörperanzüge strahlen. Von der Decke hängen Leucht-Kugeln, in Butterbrotpapier gewickelte LED-Lampen funkeln. Kleine raschelnde Lichtkugeln sind das, die die beiden Künstlerinnen aus einer mit Fell umspannten Schachtel heraus zaubern und zu ihrem Publikum bringen. Das ist sehr reizvoll für diese kleinsten Zuschauer, die mit ihren Eltern im Kreis im Untergeschoss der Schauburg sitzen; ein Raum, verhängt mit edlen Tüchern und Fellen, wie eine königliche Jurte. Die Rundung gibt Geborgenheit ebenso wie die vorherrschende Dunkelheit. Die einzelnen Lichtquellen bündeln die Aufmerksamkeit. Die beiden Performerinnen gehen auf die Babys zu, sie verteilen die raschelnden Lichtkugeln und nutzen zunächst Bewegungen des Modern-Dance, die hauptsächlich am Boden ausgeführt werden - auf Augenhöhe mit ihrem Publikum.

Und die Babys machen mit. Die, die schon Krabbeln können, bewegen sich auf die Tänzerinnen zu. Es entstehen dabei eigenartige Synchronitäten zwischen den Bewegungen eines neugierigen Kleinkinds und den artifiziellen Tanzbewegungen. Aber halt, das ist die Interpretationsebene, die den erwachsenen Begleitpersonen auffällt. Den Babys ist das völlig egal, bei denen entfaltet sich das Theater ausschließlich als ein sinnliches Moment: Beruhigendes Hintergrundrauschen, leiser Gesang oder rhythmisches Pusten, Hauchen und Zischen bedienen die auditive Ebene. Schattenspiele mit Ästen, die so scherenschnittartig die Natur ins Theater bringen, sind das einzig figürliche, was gezeigt wird.

Es ist das erste Mal, dass man sich an der Schauburg unter der neuen Intendanz an ein so junges Publikum richtet. Und natürlich kann man Babys kein Theaterstück vorsetzen, das auch nur ein kleinstes Maß an Interpretation erfordert. Doch Josefine Rausch und Anna Grüssinger zeigen, dass auch schon erst ein paar Monate alte Menschen eine theatrale Erfahrung machen können. Es ist eine ganz ursprüngliche Art des ästhetischen Erfahrens, das rein über eine völlig unmittelbare Wahrnehmung funktioniert. Eine Dreiviertelstunde dauert das Stück, mehr ginge auch nicht, würde die Kinder mit Reizen überfluten. Doch die punktuellen Aktionen, die die beiden Künstlerinnen für dieses Stück entwickelt haben, tauchen wohldosiert auf: Kaum mehr als zwei Reize werden gleichzeitig ausgeführt. In Folge sind die Babys gebannt und ihre Sinne gefordert. Und es ist erstaunlich: Keines fängt an zu schreien, keines wird über das erwartbare Maß hinaus unruhig oder bekommt Angst, obwohl die Stimmung zwischenzeitlich doch beinahe etwas unheimlich wird. Doch Babys sind eben auch auf eine sehr erfrischende Art unvoreingenommen von der Welt.

Dementsprechend nehmen sie die Atmosphäre, die im Raum erzeugt als eine nicht zu hinterfragende Gegebenheit an und baden in den angebotenen Sinnlichkeiten. Theatertheoretisch - und das ist wieder die Erwachsenenebene - eröffnet sich hier eine ganz ursprünglich Form von darstellender Kunst, in der die Grenze zwischen Mimikry und Authentizität noch nicht gezogen wird. Auch weil die Babys diesen Unterschied nicht machen. Es geht ums pure Wahrnehmen. Nur nach dem Stück ist alles wie nach einem normalen gelungenen Theaterabend für Erwachsene: Ein höchst gut gelaunter Zuschauer, in dem Fall ein Baby, erzählt ausgiebig und in ausdrucksstarken Lauten voller Frohsinn von dem gerade Erlebten.