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Theater:Leichtes im Schweren

Das israelische Stück "Amsterdam" im Volkstheater

1700 Euro, das ist eine ganze Menge Geld für eine junge Geigerin, die erst seit Kurzem in der Mietwohnung in der Amsterdamer Kaisergracht lebt. 1700 noch dazu für eine Gasrechnung aus dem Jahr 1944. Wer hat die ominöse Rechnung geschickt? Und vor allem: Wer muss sie bezahlen? Um das herauszufinden, schickt die Regisseurin Sapir Heller am Volkstheater drei Schauspieler in smaragdgrün glänzenden Outfits auf eine blinkende Showbühne. Als hyperaktive Showmaster moderieren sich Nina Steils, Jonathan Hutter und Philipp Lind durch den vielstimmigen Text über eine namenlose israelische Geigerin und Komponistin, die auch noch im neunten Monat schwanger ist.

Es ist die deutschsprachige Erstaufführung des Stücks "Amsterdam" der israelischen Autorin Maya Arad Yasur. Ein überraschend leichter Theaterabend, der einem seine schweren Themen in Häppchengröße unterjubelt. Umso schwerer liegen sie dann im Magen. Der diesjährige Beitrag des Volkstheaters für das Regie-Festival "Radikal jung" dürfte feststehen.

Hellers Inszenierung betrachtet durch die Augen der Moderatoren, was Jüdischsein in anderen Menschen auslöst. Sieht der ungeduldige Mann in der Supermarktschlange in der Geigerin eine Migrantin? Oder einfach nur eine Frau, die ihn Zeit kostet? "Amsterdam" spielt mit Klischeevorstellungen und allen möglichen Erwartungen, die an jüdische Künstler gestellt werden. So hält die Agentin es für eine super Idee, dass die Geigerin ein Requiem für in Gaza getötete Kinder schriebe. "Warum muss ich diese riesige Flagge an jeden Ort tragen?", ärgert diese sich.

Holocaust, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Schuld. Dann natürlich die Tatsache, dass es sich um eine Gasrechnung handelt, ausgerechnet, die der Jüdin in die Wohnung flattert. Ganz schön zynisch. Die Autorin Yasur umkreist diese Themen, ohne sie zu überhöhen. Das ist nicht gerade leicht zu inszenieren. Vor allem im ersten Teil des Abends gelingt Heller und ihren drei Schauspielern aber ein mitreißendes Spiel um Wahrheitsfindung und Deutungshoheit. Als israelische Regisseurin, die den Text einer israelischen Autorin inszeniert, weiß Heller zum Beispiel sehr genau, worüber sie Witze machen will und worüber nicht. "Hat sie ein Volk ausgelöscht?", fragt einer, "Pause!", ruft ein anderer. "Warum jetzt Pause?", "Du hast Genozid gesagt, nach Genozid gibt es immer eine Pause." Die zahnpastalächelnden Showmaster erspielen sich die Geschichte der offenen Rechnung in Choreografien, Interaktionen mit dem Publikum und lauten Verkündigungen. So, als wüssten sie zu Beginn ihrer Show selbst nicht, wie diese ausgeht. Ihre Theorie: Die Mieterin von 1944 war im Widerstand aktiv und wurde vom eigenen Ehemann für dessen Geliebte, eine deportierte Jüdin, verraten. Dann lebten ein paar Nazis in ihrer Wohnung, die das Gas verbrauchten, das seit Jahrzehnten in Rechnung gestellt wird. Möglicherweise.

So entsteht die Version einer Wahrheit, die nicht Anspruch erhebt, absolut zu sein. Weil die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte immer nur subjektiv sein kann. Wer die Rechnung am Ende bezahlen muss, bleibt offen. Die Geigerin nicht, die Amsterdamer Behörden nicht, der (deutsche) Zuschauer ja auch nicht. So etwas wie generationsübergreifende Schuld gibt es in dieser Inszenierung nämlich nicht. Generationsübergreifende Verantwortung hingegen schon. Auch daran erinnert dieser tonnenschwere und doch so federleichte Theaterabend.

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