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Theater:Halbe Lügen

Regisseurin Sophia Bodamer lässt die Paare in einem angenehm nüchternen Ambiente streiten.

(Foto: Björn Klein/Schauspiel Stuttgart)

Typisch deutsch, typisch Paar-Alltag: "Die Wahrheiten", ein Konversationsstück von Lutz Hübner und Sarah Nemitz, am Stuttgarter Kammertheater.

Plötzlich ist sie da, die SMS, die alles auf den Kopf stellt. Kurz, knackig und hochexplosiv: Es ist vorbei. Nach 17 Jahren kündigen Jana und Erik ihren besten Freunden die Freundschaft auf. "Wir wollen das nicht mit euch diskutieren", simsen sie. Mehr nicht. Trotzdem ist sich Bruno sicher, dass da nicht sein Kumpel Erik dahinter steckt. Es wird eine Laune der hysterischen Jana gewesen sein. Frauen eben.

Für ihr neues Stück "Die Wahrheiten" haben Lutz Hübner und Sarah Nemitz wieder mitten aus dem Leben geschöpft. Diese zwei befreundeten Paare, die auf der Bühne des Stuttgarter Kammertheaters ihren Kränkungen nachspüren, könnte man überall im deutschen Irgendwo antreffen. Es sind, um es mit Brunos Worten zu sagen, "selbstgerechte Spießer, die sich in der Mittelmäßigkeit eingerichtet haben" - und dort vermutlich bis ans Lebensende verharren würden, wäre Jana nicht in eine Depression geschlittert. Nun soll sie die Wut rauslassen, rät die Therapeutin - und da Bruno sie vor Jahren in Machomanier gedemütigt hat, schreit sie jetzt raus: Missbrauch. Zwar nicht sexueller, aber trotzdem nicht in Ordnung.

Das klingt ein wenig nach Küchenpsychologie - und ist es auch, denn Hübner und Nemitz schreiben im besten Sinne Gebrauchsstücke. Sie verhandeln Themen, die das Theater dringend zu benötigen scheint, sei es Abtreibung oder, vom Abitur der Tochter angeregt, der Abiball. Seit Jahren gehören sie damit zu den am häufigsten gespielten Gegenwartsautoren auf deutschen Bühnen, "Frau Müller muss weg" über einen Elternabend wurde sogar fürs Kino verfilmt. Mit "Die Wahrheiten" sind Hübner und Nemitz ganz im Privaten angekommen, im alltäglichen Geschlechterkampf. Sie sind seit mehr als 30 Jahren miteinander verheiratet und werden den Gewissenskonflikt kennen, der die Vier auf der Bühne umtreibt: Darf die beste Freundin mehr wissen als der Gatte? Und soll man seiner Frau verraten, was der Kumpel einem anvertraut hat?

Herausgekommen ist ein Konversationsstück, bei dem jedem Paar ein Akt gewidmet ist und sich im Finale Männer und Frauen wieder verbünden - hinter dem Rücken der Partner. Doch die Aussprachen auf dem heimischen Sofa wirken wie rhetorische Gefechte, weil die Konflikte nicht organisch aus dem Handeln der Charaktere heraus entwickelt wurden. Stattdessen haben die Autoren den Figuren in den Mund gelegt, was ihnen für das Thema relevant erschien, so dass im Pingpong Zeitgeist-Vokabeln wie Achtsamkeit und Sexismus, Mobbing und Missbrauch hin- und hergeschmettert werden. Dabei analysieren und kommentieren sich die Figuren immer auch selbst - nennt Bruno sich etwa einen "klassischen Hetero-Silberrücken".

Die Autoren verhehlen nicht, dass sie Janas Missbrauchs-Vorwurf für überzogen halten

Die Regisseurin Sophia Bodamer und die Ausstatterin Prisca Baumann haben sich für ein angenehm nüchternes Ambiente entschieden mit hölzernen Schiebewänden, die Distanz erzeugen. Die Wortgefechte können sich klar und konzentriert entfalten. Marietta Meguid und Michael Stiller als abserviertes Paar sind souverän und präsent, und doch klingt manches wie auswendig gelernt, weil die schlichte Alltagssprache dann doch nicht präzise der Wirklichkeit abgelauscht wurde und mit sperrigen Sätzen aufwartet wie "Das kann ein ziemlich erdrückender Anspruch sein."

Am stärksten ist Katharina Hauter als psychisch angeschlagene Jana, die ihre Schwäche geschickt als Waffe nutzt, um ihren Mann (Marco Massafra) zu manipulieren. Die Autoren machen kein Hehl daraus, dass sie Janas Missbrauchs-Vorwurf für überzogen halten - wie die beiden Männer im Stück übrigens auch. Aber es hat eben jeder seine Sicht auf die Dinge, so die Botschaft dieses Abends, der längst nicht so komödiantisch ist, wie man es von den Autoren kennt. So bleibt am Ende Bitterkeit und haben auch die Ehen einen Knacks abbekommen, weil sich jeder verraten fühlt - denn "halb lügen, halb ins Vertrauen ziehen geht nicht!"

© SZ vom 28.01.2020
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