Theater Erst Maronen, dann marode

"Die Glücklichen": Eine soziale Theater-Installation

Von Christiane Lutz

Alle Georgs links, alle Isabells rechts aufstellen. Dann werden Paare gebildet, je ein Georg und eine Isabell, Kopfhörer auf und los. Seinen zugelosten Partner verliert man in der folgenden Stunde immer wieder aus den Augen, aber er wird zurückkehren, wie Isabell und Georg in ihrer Geschichte stets zueinander zurückkehren. "Die Glücklichen" heißt der Roman von Kristine Bilkau (Luchterhand, 2015), um den es geht. Ein präzises Porträt nervöser Großstädter Mitte 30, die als Kinder alles hatten und nun um Rente und Kitaplätze fürchten. "Die Glücklichen" heißt auch die performative Installation, die die freie Münchner Gruppe "Ausbau Sechs" in der Kammer 2 der Kammerspiele gezeigt hat, es ist eine Koproduktion mit dem Theater.

Georg und Isabell sind ein glückliches Paar. Er Journalist, sie Cellistin, Altbauwohnung, ein Kind. Fast gleichzeitig verlieren sie ihre Jobs. Ungläubig sehen sie dem drohenden sozialen Abstieg entgegen, der doch nie eintritt. Dazwischen Entfremdung und die Frage, wie viele Niederlagen vorgesehen sind in sanierten Altbauten.

Der Zuschauer geht auf Anweisung durch mit Bauplanen definierte quadratische Räume und lauscht über Kopfhörer entweder Georgs oder Isabells Version der Geschichte. In jedem Raum stehen zwei weiße Stühle, ein Tisch. Darauf mal eine kaputte Tastatur, dann ein Cellokoffer, vollgeschriebene Haftnotizzettel. In Bilkaus Roman wie in der Installation vermögen Gebrauchsgegenstände und Lebensmittel vom sozialen Status bis hin zu einem ganzen Leben alles zu illustrieren. Maronenaufstrich, Pürierstab. Brot von der Brotmanufaktur, später nur vom Bahnhofsbäcker. Die Gegenstände sind die Fixpunkte jeder durchlaufenen Station und Symbole eines doch austauschbaren Schicksals - was auch dadurch angedeutet wird, dass man immer wieder mit einem anderen als dem zugelosten Partner im Folienzimmer sitzt. Zu diesem Menschen muss glücklicherweise keinerlei gekünstelte Beziehung hergestellt werden. Das ist überhaupt das Angenehme bei den Arbeiten von Ausbau Sechs: Zwar ist der Zuschauer Teil des Bühnengeschehens, ist Verursacher, Geführter, Protagonist, jedoch ohne auf diese peinliche Art, "mitmachen" zu müssen.

Man muss kaum spekulieren, um zu verstehen, warum sich die künstlerischen Leiter Linda Löbel und Sebastian Linz von Bilkaus Roman angesprochen fühlen. Sie sind selbst Mitte 30, in München lebend und somit Teil der beschriebenen Generation. Doch ihre Arbeit ist kein bisschen weinerlich, im Gegenteil, die Haltung der Künstler zum Schicksal von Isabell und Georg ist distanziert, geradezu kühl. Wenig lenkt vom Hören ab, sie schaffen nur die Räume, in denen die Szenen im Kopf entstehen dürfen. So ist das Ergebnis dieser mit dem sperrigen Begriff "performativen Installation" angekündigten Veranstaltung ein spannendes Hörspiel, ein kleines Sozialexperiment und eine wunderbare Adaption eines tollen Textes.